Leben

Aus der Schmoll-Ecke Einfach irre, diese Verbotspartei

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Alle irre außer Mutti.

(Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Wir leben offenkundig in einer Welt des Wahnsinns. Im Bundestag gibt es eine Partei, die dagegen angehen und die Gesellschaft, "die so verrückt geworden ist", vor weiterer Degenerierung bewahren will. Dabei merkt sie nicht, wie schizophren sie selbst handelt.

Mich dünkt, der Wahnsinn geht um. Ich kann nur ausrufen: Oh, wie verrückt ist nicht nur Panama, sondern die ganze Welt! Man spürt es jeden Tag. Doch im Bundestag gibt es eine Partei, die damit Schluss machen will. Sie hat der Republik attestiert, "durchgeknallt" zu sein - und präsentiert sich als Alternative. Sie möchte "Deutschland. Aber normal", weshalb sie Masken-Verweigerer und Impf-Gegner unterstützt, während sich andere nach der "Rückkehr zur Normalität" sehnen.

Deutschland, aber normal bis spießig mit Gartenzwergen vor der Haustür. "Mein Hund scheißt auf Reichsgebiet", hörte ich einmal eine Irre im Fernsehen sagen, die glaubte, in der "BRD GmbH" zu wohnen. Ja, da kann man nur zu dem Schluss kommen, "dass wir total durchgeknallt sind", wie es eine gewisse Alice Weidel in einem "Sommerinterview" auf dem Youtube-Kanal der Alternative für Durchgeknallte formulierte: "Diese Gesellschaft ist so crazy, so verrückt geworden."

In der Tat: Es ist schizophren, Diktatur-Schwurbler als Wähler zu umgarnen und zugleich Wladimir Putin zu huldigen. Es ist irre, Altparteien üble Machenschaften vorzuhalten, aber zugleich in Spendenaffären verwickelt zu sein. Es ist verrückt, als selbsternannte Vorzeigepatriotin das eigene Land als "Hippie-Staat" runterzumachen, als "Bundesrepublik der Rechtlosigkeit, wo Recht und Gesetz ausgehebelt werden", aber zugleich vor Gerichte aller Art zu ziehen, um gegen ein Spendenaffären-Bußgeld über 396.000 Euro oder die "Maskenpflicht im Bundestag" oder sonst etwas vorzugehen. Es ist schizophren, ständig Angst zu erzeugen, aber im selben Augenblick Normalität zu versprechen, die es nie wieder geben wird - dazu ist die Welt einfach zu durchgeknallt.

Der Mann, der die Anführerin der Alternative für Durchgeknallte interviewte, kann nicht verstehen, wie er sagt, "dass junge Leute", denen das Feiern Ewigkeiten versagt worden sei - wo lebt der Mann? - "dann extra draußen rumrennen mit FFP2-Masken" und sich "noch besser" fühlten. Weidel sagt: "Das verstehe ich, ehrlich gesagt, auch nicht. Das ist 'ne ziemlich philosophische Frage schon." Nun hoffte ich auf spektakuläre Gedanken, dass Weidel den berühmten Fragen nachgeht: Was ist der Tod? Ist er gut oder schlecht oder nichts davon? Sollte man den eigenen Tod fürchten oder herbeisehnen, um dem durchgeknallten Hippie-Staat zu entgehen?

"Alle Tage sind zum Tode unterwegs"

Ich hoffte, dass sie angesichts Hunderttausender Corona-Toter aus Montaignes "Philosophieren heißt sterben lernen" zitiert: "Alle Tage sind zum Tode unterwegs, der letzte - er langt an." Natürlich auch Platon: "Niemand weiß, was der Tod ist, ob er nicht für den Menschen das größte ist unter allen Gütern. Sie fürchten ihn aber, als wüssten sie gewiss, dass er das größte Übel ist." Oder dass die Frau, die das Masken-Tragen verspottet, einen vortrefflichen Vortrag über Totenmasken im Altertum hält, der mich ein paar Minuten vergessen lässt, in einer durchgeknallten Welt zu leben. "Für die Etrusker war der Tod wichtiger als das Leben und das Sterben bedeutsamer als die Geburt."

Aber was sagt Weidel zu der "ziemlich philosophischen Frage"? Sie berichtet von einem Autor, den sie scheinbar gut findet: Der "hat das mal aufgeworfen in nem sehr interessanten Artikel, ähm, den ich mir aufgehoben habe, also guter Artikel, näh, interessante, so mit guten Gedanken, die hefte ich mir immer ab, so total Old Style." Das findet der Interviewer offenkundig sympathisch, denn er lächelt freundlich und mutmaßt: "Großer Ordner mittlerweile." Die Interviewte sagt: "In solchen Kladden habe ich den." Dabei lacht sie merkwürdig, es wirkt auf mich ziemlich neurotisch. Aber klar, die Gesellschaft ist ja durchgeknallt, wie Weidel selbst diagnostizierte.

In dem Text des Autors, der nun in der Kladde auf Normalität wartet, "sagt er eben auch, dass es ein, ein, ein, ein soziales Phänomen ist, dass die Menschen, die negativ von etwas betroffen sind, das helfen, mit durchzusetzen. Und das ist extrem spannend. Auch dieses Ganze, ich sag jetzt mal, so Nachbarn zu verpfeifen." Keine Ahnung, was daran spannend sein soll. Und dann hat Weidel schon wieder eine Frage: "Was ist mit den Leuten los? Dieses ganze Petzertum, dieses Denunziantentum - ich find das ganz ganz schlimm." Deshalb möchte die Alternative für Durchgeknallte, "dass wir hoffentlich langfristig damit Aufräumen können".

Aufräumen? Klingt ebenfalls nach Old Style. Vor dem Aufräumen gibt es noch ein paar Denunzianten-Portale, über das Kinder und Jugendliche "Verstöße gegen das Neutralitätsgebot" von Lehrern melden können. Auch das ist ein bisschen verrückt, sich über Denunzianten zu beschweren, mit ihnen "aufräumen" zu wollen, aber gleichzeitig selbst zum Denunzieren aufzurufen. Die Widersprüchlichkeit gehört halt zum Deutschland der Durchgeknallten.

Weidels Partei bezichtigt die Grünen permanent, Verbotspartei zu sein. Klar, kann man so sehen. Und wie ist das mit der Alternative für Durchgeknallte? Wählt auch sie das Mittel des Verbots zur Durchsetzung politischer Ziele? Ich schaute ins Wahlprogramm. "Die Al-Quds-Tage in Berlin, wo Demonstranten die Zerstörung Israels fordern, sind dauerhaft zu verbieten." Und: "Die Finanzierung des Baus und Betriebs von Moscheen in Deutschland durch islamische Staaten wollen wir gesetzlich verbieten." Und: "Beteiligungen von Parteien an Medienunternehmen wollen wir verbieten." Und: "Islamische Vereine, die sich gegen das Grundgesetz und die Völkerverständigung richten, wie z. B. die Muslimbruderschaft, müssen gemäß Art. 9 Abs. 2 Grundgesetz verboten werden." Und "Das Tragen von Burka und Niqab in der Öffentlichkeit wollen wir auch in Deutschland untersagen." Und: "Das Kopftuch als religiös-politisches Zeichen soll im Öffentlichen Dienst generell nicht gestattet und in öffentlichen Schulen weder von Lehrerinnen noch Schülerinnen getragen werden." Und: "Darüber hinaus fordern wir das Verbot der linksextremistischen Plattform 'Indymedia'."

Lauter Verbotsanträge

Im Bundestag hat die Alternative für Durchgeknallte dem Verbot des Tötens von Hühnerküken zugestimmt. Bleiben wir in der Welt der Tiere: Die Bundesregierung soll nach dem Willen von Weidels Fraktion ein Verbot der türkischen Organisation "Graue Wölfe" prüfen und gegebenenfalls umsetzen. Sie hat gefordert, Polygamie und Zwangsheiraten von Muslimen zu verbieten. Sie möchte das Verbot des RAF-Emblems sowie aller "Symbole, die die Unterdrückung der Frau propagieren - wie etwa Vollverschleierung oder Kopftücher - im öffentlichen Raum, vornehmlich aber in Anstalten des Bildungssystems, der öffentlichen Verwaltung und Rechtspflege sowie der Polizei".

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Sie möchte "Negativzinsen verbieten" und ein "Verbot weiterer Neuerrichtungen von Windindustrieanlagen in deutschen Wäldern und Forsten". Sie ist für "ein generelles gesetzliches Verbot von Nachschlüsseln in Verschlüsselungstechnologien". Sie will ein "bundesweites Verbot der Antifa" - wen immer das einschließt und wie sich das organisatorisch machen lassen soll. Sie fordert, der Bundesregierung und dem Bundestag in Gesetzestexten sowie Dokumenten das Gendern zu verbieten.

In einer Bundestagsdebatte über die Freigabe von Cannabis sagte der Abgeordnete der Alternative für Durchgeknallte, Axel Gehrke, immerhin ein Professor, im Februar 2018: "Eigentlich müsste auch Alkohol und Nikotin entsprechend verboten werden. Das ist ganz klar." Nieder mit dem Reinheitsgebot! Nie wieder feuchtfröhliche Partys! Käme es so, wären all die Kneipen längst pleite, die Gehrkes Partei gerade vor dem Untergang retten will - zusammen mit dem Abendland. Also wenn das nicht irre ist.

Quelle: ntv.de

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