Leben

Öffentliche Bloßstellung Ohrfeigen sind Gewalt und Demütigung

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Diese Ohrfeige dürfte nicht so schnell in Vergessenheit geraten.

(Foto: picture alliance/dpa/Invision/AP)

Seit Tagen spricht die Welt von einer Ohrfeige. Will Smith verpasste sie Chris Rock, weil der einen schlechten Witz gemacht hatte. Doch in einer Ohrfeige schwingt mehr mit - das zeigt ein Blick auf die Geschichte.

Nach einem Witz auf Kosten seiner Frau Jada Pinkett hat Hollywood-Star Will Smith mit einer Ohrfeige für den Komiker Chris Rock reagiert. Die Szene auf der Oscar-Gala hat nicht nur hitzige Diskussionen über Gewalt ausgelöst, sondern lässt auch an andere berühmte Schläge der Vergangenheit denken. Ein Überblick.

Erst am Wochenende sorgte eine Ohrfeige für Oliver Pocher für Aufsehen. Am Rande eines Boxkampfes schlug ein Angreifer - nach Zeitungsberichten ein Rapper - dem Comedian ohne Warnung ins Gesicht. Pocher hat nach eigenen Worten nun gesundheitliche Probleme mit dem Ohr.

Schon in der Bergpredigt sagt Jesus nach biblischer Überlieferung: "Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete die andere auch dar." Es ist das Symbol für christliches Leiden. Doch ein stoisches Hinhalten und schweigendes Ertragen liegt den meisten eher nicht. Pocher will seinen Fall vor einem Gericht geklärt wissen.

Manchmal haben Ohrfeigen auch politische Hintergründe. Zum Beispiel bei Beate Klarsfeld, die mit einem Schlag 1968 weltweit bekannt wird: Sie greift den Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger wegen dessen früherer NSDAP-Mitgliedschaft an. "Das war die Ohrfeige unserer Generation gegen die Nazi-Generation", sagt die damals 29-Jährige später über ihr durch und durch politisches Statement. Ein Skandal: die Ehre eines der höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik wird in aller Öffentlichkeit infrage gestellt.

Genauso wird die Ohrfeige für den damaligen Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Michael Ballack, als Attacke auf dessen Autorität auf dem Platz gewertet. Nach der Handgreiflichkeit von Stürmer Lukas Podolski in der WM-Qualifikation gegen Wales 2009 droht Bundestrainer Joachim Löw für den Fall einer Wiederholung der Disziplinlosigkeit mit dessen Rauswurf aus der Nationalelf.

Berühmte Schellen im Kino

Im Film haben Ohrfeigen eher das Potenzial, die Handlung auszuschmücken. Rechts-links-Hiebe plus einen auf die Zwölf etwa müssen Opfer von Bud Spencer ("Vier Fäuste für ein Halleluja") einstecken. Berühmt-berüchtigt ist sein mächtiger Schwung mit dem ausgestreckten Arm. Dabei steht der Italiener etwa dem beleibten Asterix-Kumpel Obelix in nichts nach, der in ähnlicher Manier den Römern im Comic auf harte Tour Mores lehrt.

Etwas weniger brachial verläuft es für Sean Connery. Als gefesselter James Bond bekommt er vom deutschen Bond-Girl Karin Dor in "Man lebt nur zweimal" (1967) einen Schlag auf die Wange - um kurz darauf nach einer äußerst kuriosen Wendung einen innigen Kuss zu erhalten.

Demonstration von Statusdifferenz

Das Wort Ohrfeige ist schon im Mittelalter bekannt. Aus dem Frühneuhochdeutschen am Ende des 15. Jahrhunderts ist "orfige" belegt. Das spätere niederländische "oorveeg" könnte als Anlehnung an "vegen" (fegen, kehren, wischen) oder "veeg" (Streich, Hieb, Schlag) gelten. Doch auch die tatsächliche Feige spielt eine Rolle, da sich nach einem Hieb eine mit der Frucht vergleichbare Schwellung bildet.

"Schon in der Vormoderne war die Ohrfeige dabei vor allem eine Demonstration von Statusdifferenz, nicht zuletzt von Geschlechter- und Generationendifferenz", schreibt Winfried Speitkamp in seinem Buch "Ohrfeige, Duell und Ehrenmord". Geschlagen worden sei, um dem Gegenüber seinen niederen Rang deutlich zu machen: Adlige ohrfeigten Bürger, Meister ihren Lehrling, der Vater die Kinder und das Gesinde. Spätestens im 19. Jahrhundert ist eine Backpfeife zwischen Bürgern - ob aus Emotion oder Kalkül - häufig die Vorstufe zu einem Duell. "Die Ohrfeige galt als tiefste Demütigung", so Speitkamp. "Sie traf das Gesicht, ließ den Gegner für einen Moment schutz- und ehrlos, stellte ihn vor der Öffentlichkeit bloß."

Medizinischer Schaden durch Ohrfeigen

Heutzutage wird körperliche Gewalt von immer weniger Menschen als Mittel des Konflikts angesehen. Dennoch hielt es Ende 2020 in einer Umfrage des Uniklinikums Ulm zum Beispiel jeder sechste Befragte für angebracht, in der Erziehung ein Kind zu ohrfeigen.

Neben den Auswirkungen auf die Psyche können Backpfeifen je nach Härte auch beträchtliche körperliche Schäden hervorrufen. Trifft die Hand aufs Ohr, kann der Schalldruck das Trommelfell einreißen lassen. Krankheitserreger können eindringen. Es kommt dann zu plötzlichem stechenden Ohrenschmerz. Zudem kann Ohrenflüssigkeit auslaufen, das Gehör eingeschränkt sein oder Tinnitus ausgelöst werden.

Quelle: ntv.de, Sebastian Fischer, dpa

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