Leben

Los, an die frische Luft! In München leuchtet die Kunst draußen

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Die Lichtbeams von Raphael Kurig leuchten mit den Lichtkugeln von Helmut Eding an der Alten Pinakothek.

(Foto: Sara Kurig)

Die Kunst geht in München an die Luft. Berühmte Namen wie Albrecht Dürer, Franz Marc oder Anselm Kiefer, aber auch ägyptische Skulpturen werden abends auf die Museumsfassaden gebeamt. Denn die Museen sind seit November bis auf Weiteres geschlossen. Die Kunst hinter den Mauern ist nun auf den Mauern davor zu bestaunen. Sie spiegelt und verschiebt sich, läuft über die Wände. Dazu gesellen sich spannende Luftaufnahmen des Kunstareals, ein geheimnisvoller Lichterwald, interessante Kugeln und andere zauberhafte Lichtinstallationen von namhaften Künstlern. Alles garantiert frei von Kitsch. Die Künstlerin Betty Mü und ihr Künstlerkollektiv "We are Video" projiziert Bilder, Skulpturen und Objekte aus den Sammlungen an die kahlen Fassaden der Häuser. Dadurch werden diese zu leuchtenden Kunstobjekten. Wie es dazu kam, von unerwarteten Schwierigkeiten und was Lichtkunst bewirkt, erzählt die Münchnerin n-tv.de via Zoom.

n-tv.de: Wer in der bayerischen Landeshauptstadt die Kunst vermisst, kann mit Einbruch der Dunkelheit ins Kunstareal gehen und sich in Lichtkunst treiben lassen. Wie kamen Sie auf die Idee dieser leuchtenden Ausstellung in Zeiten der Pandemie?

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Künstlerkollektiv "We are Video": Raphael Kurig, Christian Gasteiger und Betty Mü

(Foto: Sara Kurig)

Betty Mü: Anfang Juli bekam ich eine ellenlange Mail mit der Anfrage, ob ich bei einem Wettbewerb für eine Lichtaktion am Kunstareal mitmachen will. Ich wurde sozusagen neben weiteren Künstlerinnen und Künstlern eingeladen, ein Konzept abzugeben. Mir war klar, dass ich diese umfangreiche Anfrage nicht alleine stemmen kann, also habe ich mich mit Raphael Kurig und Christian Gasteiger zusammengetan. Mit den beiden hatte ich Anfang des Jahres unsere Agentur für digitale Realitäten "We are Video" gegründet. Jeder hat aber noch andere Jobs. Gemeinsam hatten wir die zündende Idee und haben gewonnen. Totaler Wahnsinn!

Wer steht hinter dieser Lichtaktion?

Tatsächlich die Landeshauptstadt München. Die Idee dazu hatte Else Gebauer von München Tourismus bereits im April. Finanziert hat das dann zum Großteil die Landeshauptstadt, ein kleiner Teil kommt aus dem Gemeinschaftsbudget des Kunstareals selbst. Das Kulturreferat unterstützt mit Manpower und Technik, wie zum Beispiel der Ausstattung für die Beams, also der Lichtverbindungen zwischen den verschiedenen Häusern, die Fassadenbeleuchtungen und den Lichtwald.

Wissen Sie, wie viele Menschen sich mit den Licht-Installationen schon die Corona-gestresste Seele haben streicheln lassen?

Super Frage (lacht). Nein. Aber es sind mal mehr, mal weniger Betrachter.

Es gibt sicher auch kritische Stimmen, die fragen, ob man mit derart hohen Corona-Zahlen so ein Projekt überhaupt besuchen darf.

Unser Konzept ist auf die derzeitige Corona-Situation perfekt zugeschnitten. Genügend Abstand zu halten ist kein Problem. Die Besucher gehen sehr weitläufig an der frischen Luft durch die Kunst spazieren. Es ist schön, dass das Ganze bis zum 14. Februar läuft.

Was macht Lichtkunst gerade jetzt so besonders?

Sie kann verzaubern. Natürlich spielt auch die andere Dimension eine Rolle. Der Betrachter hat ein anderes räumliches Gefühl. Mir ist wichtig, dass man so etwas wie eine Haptik hat und mit Räumen spielt. Licht- und Videokunst, wie wir sie hier zeigen, erfreut Menschen, lässt sie in eine andere Welt gelangen. Zudem ist es Corona-konform und eine der wenigen Möglichkeiten, im Moment überhaupt Kunst zu zeigen.

Allen Kunsthungrigen bleibt genug Zeit, die Lichtaktion unter Einhaltung aller Hygieneregeln zu besuchen. Apropos Zeit, wie schon erwähnt war die eher knapp bemessen. Wie viel davon hatten Sie für Ihre Arbeit als Künstlerin übrig?

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An der Pinakothek der Moderne bezaubern Betty Mü mit ihren Videoprojektionen, Lichtbeams und das Futurohaus.

(Foto: Sara Kurig)

Anfang September haben wir nach dem Wettbewerbsverfahren den Zuschlag bekommen. Nach der Konzeptphase war ich dann zwei Wochen lang mit einem Kameramann unterwegs. Wir haben die Exponate von elf Museen und die Drohnenflüge abgefilmt. Ein dickes Lob geht an meinen Mann, der auch freiberuflich arbeitet und sich derzeit viel um unsere Kinder kümmert. Normalerweise hat man für so ein umfangreiches Projekt mit Planung und allem gut ein Jahr Arbeit. Wir haben also 24/7 gearbeitet. Dann habe ich das Material gesichtet, geschnitten und animiert. Parallel hat sich mein Team um die ganzen anderen Lichtinstallationen für das Kunstareal gekümmert. Bis alles fertig war, haben wir bis zur letzten Minute gearbeitet.

Bilder von Albrecht Dürer und Franz Marc oder Werke von Anselm Kiefer tauchen in ihrer Videoarbeit auf. Wie haben Sie die Auswahl getroffen?

Total intuitiv. Ich mache das ja schon lange und weiß, welche Kombinationen gut funktionieren. Schwierig war es nur bei der zeitgenössischen Kunst, weil Kunstwerke mit Bildrechten belegt sind und es einfach kompliziert ist, die zu bekommen. Aber am Ende hatte ich genug Auswahl, um die wahnsinnige Vielfalt der einzelnen Museen einzufangen.

Viele der Projektionen sind rund, was auf den kargen Mauern etwas von Radar und Echolot hat ...

Das ist eine Serie von mir. Ich arbeite seit 2016 mit Kunstinstallationen im Runden. Damit das am Ende besonders schön aussieht, spiegele ich die vorher aufgenommenen Bilder zusätzlich.

Das Eckige muss also ins Runde und macht so neugierig?

Ja, ich wollte, dass die Leute in die Lichtarbeiten eintauchen, entschlüsseln, was sie sehen und es dann auch erkennen.

Woher kommt Ihre Faszination für Videokunst?

Ich bin die MTV-Generation. Die kurzen Animationen des Musiksenders, die Werbetrenner, fand ich einfach toll. Als ich an der School of Visual Arts in New York studierte, fiel mir auf, dass es diese ganz besondere Art der Werbetrenner in Amerika nicht gab, sondern nur hier in Deutschland. Also machte ich später bei verschiedenen Privatsendern in München ein Praktikum, um diese Animation zu lernen. Schließlich produzierte ich sogenannte Clubvisuals. Irgendwann wurde mir das aber zu schnelllebig - man wird ja auch älter. Mir ist die Story dahinter wichtig, denn eigentlich baue ich Videoskulpturen.

Die Projektionen und Lichtinstallationen konkurrieren auch mit den Lichtern der Großstadt. Was muss man da im Vorfeld beachten?

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Kunst inside out von Betty Mü - hier auf der Fassade der Antikensammlung.

(Foto: Sara Kurig)

Stimmt, an manchen Stellen stören die Lampen etwas. Aber wir nehmen mit unserem Konzept das Vorhandene auf. Es war auch eine große Herausforderung, in so extrem kurzer Zeit die Abstimmungen und Genehmigungen zu bekommen, damit wir mit so viel Licht arbeiten konnten.

Warum?

Weil zum Beispiel Insekten und Tiere in den Bäumen wohnen. Es gibt ganze Verzeichnisse, wer wo gerade Winterschlaf hält. Auf bestimmte Dächer durften wir nicht leuchten. Hut ab vor unserer Projektleiterin Else Gebauer, die uns da irre viel aus dem Weg geschaufelt hat.

Was ist eigentlich mit der Technik, die ist der Witterung ausgesetzt. Jetzt liegt gerade Schnee. Klappt das alles reibungslos?

Unsere gesamte Technik ist selbstverständlich winterfest. Alle Beamer sind eingehaust und speziell klimatisiert. Jeden Tag macht einer von uns einen Rundgang und kontrolliert, ob alles läuft.

Vor der Pinakothek der Moderne und dem Spaceship-artigen Futurohaus hat man dank der Videos aus dem gegenüberliegenden "Reich der Kristalle" das Gefühl auf einem anderen Planeten gelandet zu sein. Wo ist Ihr Lieblingsplatz?

Inzwischen das "Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke". Der Inhalt wird derzeit auf die Fassaden des "Museums Ägyptischer Kunst" projiziert. Aber das Gebäude selbst ist einfach nur in eine herrliche Bernsteinfarbe getaucht. Jedes Museum hat natürlich seine eigenen Highlights. Aber dieses hat mir wahnsinnig gefallen, in den beiden Lichthöfen steht alles voll mit Skulpturen, da kriegt man wirklich Gänsehaut.

Welche Projekte beschäftigen Sie jetzt nach der Lichtaktion?

Ich arbeite gerade an immersiven Räumen. Der Betrachter geht also in Räume voller Videoinstallationen und erfährt Kunst. Das ist etwas, was in Deutschland zu wenig stattfindet. Gerade versuche ich, eine Idee mit Umweltthemen umzusetzen.

Ihre Videokunst wird also schon mal politisch?

Unbedingt, "Videoart for future" ist der Arbeitstitel. Corona geht, aber Erderwärmung und Klimawandel bleiben wichtige Themen.

Mit Betty Mü sprach Juliane Rohr

Das Lichterlebnis gibt es täglich in München vom Königsplatz bis zu den Pinakotheken von Beginn der Dämmerung bis 21 Uhr noch bis zum 14. Februar im gesamten Kunstareal. Mehr Informationen unter Das Kunstareal verbindet

Quelle: ntv.de