Panorama

Virologe Streeck wirbt für Ampel "20.000 Neuinfektionen pro Tag sind möglich"

Mit zunehmendem Tempo verbreitet sich das Coronavirus in Deutschland. Der Virologe Streeck schließt im Gespräch mit ntv einen drastischen Anstieg der täglichen Neuinfektionen wie etwa in Frankreich nicht aus, fordert jedoch einen verhältnismäßigen Umgang mit den Zahlen. Einen Lösungsansatz sieht er in der Einführung eines Ampelsystems.

ntv: Wir sehen einen starken Anstieg im Infektionsgeschehen in Deutschland. Mit welchen Zahlen müssen wir noch rechnen?

Hendrik Streeck: Es kann gut sein, dass wir wie Frankreich auf bis zu 20.000 Neuinfektionen pro Tag kommen werden. Das sollte einem aber jetzt erstmal nicht Angst machen. Wir haben in den letzten Monaten gesehen, dass sich die Infektionszahlen von den wirklich schweren Fällen ein wenig entkoppelt haben. Deshalb müssen wir uns gesondert anschauen, wie viele eigentlich medizinischer Behandlung bedürfen. Im Moment ist das ein wirklich kleiner Anteil.

Auch innerhalb der Virologen-Szene gibt es höchst unterschiedliche Ansätze, wie man mit diesen Zahlen umgehen soll. Welchen Ansatz verfolgen Sie?

Wir müssen damit rechnen, dass die Infektionszahlen so stark steigen, dass die Kontaktnachverfolgung nicht mehr möglich sein wird. Daher dürfen wir die Infektionszahlen nicht außer Acht lassen, aber wir müssen sie zum einen im Verhältnis sehen zu der Anzahl von Tests, die durchgeführt werden, und im Verhältnis zur stationären und intensivmedizinischen Belegung. Nur dann bekommen wir auch wirklich ein ganzes Bild von der Pandemie und können das Infektionsgeschehen auch besser einschätzen. Und auch längerfristig einschätzen, wie sich die Pandemie entwickeln wird.

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Sie haben eine Corona-Ampel vorgeschlagen. Wie funktioniert sie?

Man muss alle vier Bereiche miteinbeziehen: die Infektionszahlen, die Anzahl der Tests, die stationäre Belegung und die intensivmedizinische Belegung. Dabei muss man sich vor allem nach der stationären Belegung richten und Schwellenwerte definieren, die nicht überschritten werden dürfen ohne härtere Maßnahmen, die dann ergriffen werden müssten. Gleichzeitig können wir aus den letzten sechs Monaten sehr gut aus den Daten hochrechnen, wie die stationäre Belegung sein müsste. So können wir ganz speziell aus diesen Faktoren Schwellenwerte definieren, nach denen wir uns richten können.

Welchen Vorteil hat dieses System zum bisherigen?

Wenn sich zum Beispiel eine Gruppe von Ravern oder Partygängern infiziert, aber nur ganz milde Symptome hat und keine Belegung in den Krankenhäusern sichtbar ist, kann es trotzdem sein, dass der Schwellenwert von 50 auf 100.000 Einwohner gerissen wird. Gleichzeitig kann es aber passieren, dass 30 Menschen stationär behandelt werden müssen, aber der Schwellenwert noch deutlich unter 50 auf 100.000 Einwohner ist. Beides spiegelt dann nicht wider, wie sich das Infektionsgeschehen verhält. In der Corona-Ampel würde man dann zum einen die stationäre Belegung mehr ins Auge setzen, zum anderen aber auch die Infektionszahlen nicht vernachlässigen, sondern mit einrechnen, wie viele von den vorherigen Daten theoretisch stationär behandelt werden müssen. Das würde das Infektionsgeschehen besser widerspiegeln und uns aber auch erlauben, manchmal mehr Infektionen zuzulassen, aber manchmal auch striktere Maßnahmen bei einer höheren stationären Belegung durchzuführen.

Nehmen wir an, die Corona-Ampel springt von Grün auf Rot. Was würde das für eine betroffene Stadt bedeuten?

Ein Sprung von Grün auf Rot in kurzer Zeit wäre sehr drastisch. Eigentlich sollte die Corona-Ampel auch die Schwankungen vorher abfangen. Aber sei es so, dass wir plötzlich auf Rot kommen, dann muss wirklich über härtere Maßnahmen nachgedacht werden. Und sie müssen dann auch durchgeführt werden, weil wir dann auch an die Grenze unseres Gesundheitssystems kommen. Dann müssen wir wirklich darauf achten, dass jeder infizierte Mensch die beste Versorgung bekommt. Die Schwelle Rot ist eine Schwelle, wo wir eigentlich gar nicht hinkommen wollen, weil wir dann auch in den privaten Haushalten Beschränkungen haben müssen und vielleicht auch über einen Lockdown nachdenken müssen.

In den vergangenen Monaten haben Wissenschaftler und Gesundheitsämter viele Daten gesammelt - inwiefern kann man diese nun dazu nutzen, um ein vorausschauendes System zu entwickeln?

Wir können zum einen aus den Erfahrungswerten in den Krankenhäusern die Schwellenwerte definieren, wie viele Kapazitäten sie vom Personal her haben, aber auch von den Betten und dem Equipment her, um Patienten aufzunehmen. Zum anderen haben die Gesundheitsämter die Daten so gesammelt, wie sich die Infektionen in ihrer Altersstruktur verhalten haben. So wurde beispielsweise geschaut, wie viele Patienten stationäre und intensivmedizinische Versorgung brauchten und in welchen Altersgruppen sich die Infektionszahlen vor allem abspielen. Sie wissen auch, wo die Grenze für die Kontaktnachverfolgung ist - und die Kontaktnachverfolgung ist weiterhin wichtig. Aber die Gesundheitsämter können sich dann viel besser auf sogenannte Superspreader Events konzentrieren, wo man im Moment eigentlich nur jeder Infektion hinterherrennt.

Die meisten Menschen in Deutschland haben sich monatelang an Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen gehalten. Warum schlägt das Virus gerade jetzt so hart zu?

Der starke Anstieg hat nichts damit zu tun, dass wir lockerer geworden sind oder die Maßnahmen nicht mehr einhalten. Ich glaube, die Deutschen arbeiten immer noch im überwiegenden Teil sehr gut mit. Sie versuchen, Abstand zu halten, die Hygieneregeln einzuhalten und Alltagsmasken zu tragen. Das Virus ist ein saisonales Virus, das sich im Herbst, Winter und Frühjahr mehr ausbreitet. Aber eben viel weniger im Sommer. Das ist ein Effekt, den wir vorher auch schon gesehen haben. Aber wir konnten die Infektionen im Sommer auch nicht komplett unterbinden, auch nicht mit der Kontaktnachverfolgung. Deshalb müssen wir damit rechnen, dass es jetzt in den Herbst- und Wintermonaten einen Anstieg der Infektionszahlen geben wird.

Mit Hendrik Streeck sprach Liv von Boetticher

Quelle: ntv.de