Panorama

Ein Jahr mit Corona Als Italien den ersten Covid-Patienten entdeckte

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Die erste Pandemie-Welle traf Italien mit voller Wucht. Und alles begann im Krankenhaus des kleinen Ortes Codogno.

(Foto: picture alliance / FOTOGRAMMA)

Am 20. Februar 2020 entdeckt eine Ärztin in einem Provinzkrankenhaus den ersten italienischen Infektionsfall mit dem Coronavirus. Ein Jahr später erzählt sie, wie sie "Paziente Uno" diagnostiziert hat - und welche Auswirkungen der Pandemie sie am meisten fürchtet.

Der Name der Kleinstadt Codogno, die nur rund 15.600 Einwohner zählt und knapp 60 Kilometer südöstlich von Mailand liegt, wurde am 20. Februar 2020 europaweit bekannt. In der Notaufnahme des städtischen Krankenhauses wurde der erste italienische Coronavirus-Patient entdeckt. Ausfindig machte ihn die heute 38-jährige Anästhesistin Annalisa Malara. "Was mich bei diesem Patienten stutzig gemacht hatte, war der Verlauf der Krankheit", erzählt die Ärztin bei einer Videokonferenz.

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Anästhesistin Annalisa Malara diagnostiziert im Februar 2020 den ersten Corona-Fall in Italien und kämpft seitdem an vorderster Front gegen die Pandemie.

(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

"Paziente Uno" (erster Patient), wie er in Italien benannt wurde, war Mattia Maestri, 38 Jahre alt. Ein paar Tage vor dem 20. Februar 2020 war er zum ersten Mal in die Notaufnahme gekommen. Bei der Untersuchung wurde eine leichte einseitige Lungenentzündung diagnostiziert. Die Ärzte verschrieben ihm Antibiotika und schickten Maestri wieder nach Hause. Wegen seines jungen Alters und seiner guten körperlichen Verfassung hielten sie es nicht für nötig, ihn stationär aufzunehmen. Doch nur 36 Stunden später kehrte Maestri in der Notaufnahme zurück - und diesmal in einem dramatischen Zustand. "Jetzt waren beide Lungenflügel schwer angegriffen", erinnert sich Anästhesistin Malara.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Virologen in Italien in Talkshows einerseits ihre Meinung zum Coronavirus in China kundgegeben und andererseits versichert, das Virus würde niemals nach Europa kommen. Malara und ihre Kollegen ließen sich zum Glück von diesen Aussagen nicht beeinflussen. Sie sprachen mit der Frau des Patienten und erfuhren von einem einige Wochen zurückliegenden Abendessen ihres Mannes mit einem Arbeitskollegen, der in China gewesen war. "Später stellte sich zwar heraus, dass ihn nicht dieser Kollege infiziert hatte, weil sein Aufenthalt in China zeitlich nicht passte und er außerdem weit weg von Wuhan gewesen war", fährt Malara fort. "Aber es war gut, dass wir ihn aufgrund dessen auf Corona getestet haben." Denn das Ergebnis fiel positiv aus.

Erster bekannter Fall in Europa

Sie werde diesen Tag ihr Leben lang nicht vergessen, sagt die Ärztin. Wie auch? Zwar war in Rom schon einige Tage davor ein chinesisches Paar, das in Italien Urlaub machte, mit einer Corona-Infektion in das Krankenhaus Spallanzani eingeliefert worden. Maestri wurde aber der erste italienische und somit europäische Fall - zumindest der, der zuerst bekannt wurde. Denn wie man mittlerweile weiß, war das Virus schon viel früher im Umlauf. Mindestens seit November 2019.

Fast zwei Wochen kämpfte Patient Maestri in der Intensivstation um sein Leben. Dort wurde er in einen pharmakologischen Schlaf versetzt, künstlich beatmet und bäuchlings gelegt. Als er außer Gefahr war, kam er auf die subintensive Station. Das Krankenhaus durfte er erst am 23. März verlassen, gerade rechtzeitig, um bei der Geburt seiner Tochter am 7. April dabei zu sein. Malara ist noch immer mit ihm und seiner Frau in engem Kontakt. "So eine Erfahrung verbindet für immer."

Ohne Mundschutz den ersten Patienten untersucht

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Die Kleinstadt Codogno wird vor einem Jahr europaweit bekannt, als "Paziente Uno" in die Notaufnahme des städtischen Krankenhauses eingeliefert wird.

(Foto: picture alliance / FOTOGRAMMA)

Nach Maestri kamen unzählige andere Patienten und mit der Zeit gelang es den Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern, sie immer besser zu betreuen. Freilich, wäre man von Anfang an so vorgegangen wie jetzt, hätte man die Lage zumindest etwas besser im Griff bekommen können, gibt Malara heute zu bedenken. "Damals wurden nur jene Menschen auf Covid-19 getestet, die Kontakt zu Chinesen gehabt hatten oder zu Leuten, die aus China gekommen waren - oder ein Krankheitsbild aufwiesen, das auf die Infektion schließen ließ." Es habe eine Weile gedauert, bis man feststellte, dass auch unter asymptomatischen Patienten Infizierte sein könnten.

Der 20. Februar vor einem Jahr hat sich aber auch aus einem anderen Grund in Malaras Gedächtnis eingebrannt. Als sie damals Mattia Maestri in der Notaufnahme untersuchte, trug sie weder Mundschutz noch Brille, nur Handschuhe. "Und das, obwohl ich wusste, dass er an einer viralen Lungenentzündung litt", betont sie bei der Konferenz. Andererseits wäre es bei ihren Kollegen nicht anders gewesen. "Ich kann nur von einem maßlosen Glück sprechen, das mich nicht nur damals, sondern dieses ganze Jahr über begleitet hat. Denn ich habe mich bis jetzt nicht infiziert."

Für ihren Verdienst wurde die Ärztin, zusammen mit ihrer Kollegin Laura Ricevuti aus dem nahegelegenen Krankenhaus in Lodi, letzten Sommer von Staatsoberhaupt Sergio Mattarella mit einem Orden ausgezeichnet.

Die Angst, das Umarmen und Küssen verlernt zu haben

Heute arbeitet Malara im Mailänder Covid-19-Feldkrankenhaus, das während der ersten Pandemiewelle im Frühjahr 2020 auf dem ehemaligen Messegelände errichtet wurde. Die Arbeit sei natürlich weiter mühsam und auch riskant, sagt Malara. Wobei das, was ihr am meisten zu schaffen mache, abgesehen von den vielen Stunden mit Schutzkleidung, Maske und Brille, die Angst sei, jemanden infizieren zu können. Deswegen lebe sie seit einem Jahr in strengster Isolation. "Obwohl ich doch so gerne wieder spontan Freunde treffen oder sie zum Abendessen einladen würde, oder ein Wochenende am Meer verbringen, eine Reise unternehmen möchte. Also all die Sachen, die nicht nur mir fehlen."

Nicht alles sei jedoch in diesen zwölf Monaten negativ gewesen, so die Ärztin. Sie habe auch wertvolle menschliche Erfahrungen gemacht. Während der ersten Pandemiewelle, wenn sie nach endlos scheinenden Schichten nach Hause kam, habe sie oft volle Einkaufstüten vor ihrer Wohnungstür gefunden. Die Nachbarn hatten für sie eingekauft, weil sie wussten, dass sie keine Zeit dazu hatte, erinnert sich Malara.

*Datenschutz

Auf die Frage, wie sie in die Zukunft blicke, zeigt sich Malara, was die Pandemie betrifft, vorsichtig zuversichtlich. "Ich hoffe auf die Massenimpfung." Besorgt sei sie vielmehr darüber, was die instinktive Herzlichkeit der Italiener betrifft, die gerne umarmen und küssen, auch wenn man den anderen gerade erst kennengelernt hat. "Mein Vater stammt aus Kalabrien, meine Mutter aus Umbrien, und von ihnen habe ich auch diesen Charakterzug geerbt", sagt Malara. "Für mich ist der körperliche Kontakt wichtig."

Doch dieses Jahr, in dem man notgedrungen sogar von den Eltern und Großeltern Abstand halten musste, hat auch die Italiener verändert. Und es ist zu vermuten, dass es nach überstandener Pandemie längere Zeit brauchen wird, bis wieder unbedarft Umarmungen und Küsse ausgetauscht werden.

Quelle: ntv.de