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"Teams sind sehr erschöpft" DIVI-Chef weist Alarmismus-Vorwurf zurück

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Aus manchen Regionen müssen schon Corona-Patienten in weit entfernte Krankenhäuser transferiert werden.

(Foto: imago images/Max Stein)

Einzelne Intensivmediziner finden die regelmäßigen Warnungen des eigenen Verbands übertrieben, werfen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) gar "Alarmismus" vor. DIVI-Chef Marx schildert dagegen plastisch, wie ernst die Lage in manchen Regionen bereits ist - und liefert eine Erklärung dafür, dass manche das anders sehen.

ntv: Wie ist die Situation auf den Intensivstationen im Moment? Welche Patienten liegen dort?

Gernot Marx, Präsident Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI)

Gernot Marx ist Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin - kurz DIVI. Er leitet die Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care der Uni Aachen.

(Foto: dpa)

Gernot Marx: Die Situation ist angespannt. Wir haben im Moment knapp 5000 Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf deutschen Intensivstationen zu versorgen. Wir müssen leider feststellen, dass wir immer jüngere Patientinnen und Patienten haben, viele knapp über 30, knapp über 40 Jahre alt. Und wir haben natürlich auch viele andere Patienten zu versorgen, sodass wir so im Schnitt ein bis eineinhalb Betten pro Krankenhaus auf der Intensivstation noch frei haben.

Es gibt Intensivmediziner, die Ihnen Alarmismus vorwerfen. Wie kann es sein, dass man zu so unterschiedlichen Einschätzungen kommt?

Die Lage ist regional sehr unterschiedlich. Ich kann die Kolleginnen und Kollegen gut verstehen, wenn sie in ihrem eigenen Haus noch das Glück haben, dass es relativ ruhig ist. Das freut mich sehr. Aber um es vielleicht mal zu verdeutlichen: Wir haben aus Thüringen vor dem Wochenende Patienten - also schwerkranke, beatmete Patienten - über viele Hundert Kilometer in andere Krankenhäuser in Norddeutschland transferieren müssen. In Thüringen war überhaupt kein Intensivbett mehr vorhanden. Wir haben oft die Situation, dass wir aus den Notaufnahmen in Ballungszentren die Patienten nicht im eigenen Haus auf die Intensivstation bringen können. Selbst aus einer großen Stadt wie Köln werden schon Patienten verlegt, auf andere Intensivstationen in andere Städte.

Das heißt, es ist im Grunde eine Frage der optimalen Verteilung von Patienten?

Nun ja, es gibt eben Regionen, die sind weniger betroffen als andere. Aber insgesamt ist die Zahl der Betten relativ knapp geworden. Diese Zahl von etwa 3000 freien Intensivbetten bleibt immer gleich, weil die Intensivmediziner ihren Job machen. Wir müssen ja immer einige Betten frei haben, um Notfälle zu versorgen. Und wir regulieren das entsprechend. Dann werden Operationen abgesagt, weil dafür keine Kapazitäten mehr da sind. Das ist für die betroffenen Patienten besonders belastend.

Jetzt soll das Infektionsschutzgesetz nach langer Debatte geändert werden. Sie haben das schon vor Wochen gefordert. Welchen Preis haben wir in der Zwischenzeit gezahlt?

Das Entscheidende ist, dass wir das Infektionsgeschehen unter Kontrolle bringen. Wir müssen die hohen Infektionszahlen runterbekommen. Die Sieben-Tage-Inzidenz muss wirklich deutlich unter 100, am besten unter 50, damit wir uns wieder mit Testung und noch mehr geimpften Menschen in die richtige Richtung entwickeln können. Wir sind ja eigentlich auf der Zielgeraden. In wenigen Wochen, vielleicht zwei bis drei Monaten, werden wir das Schlimmste überstanden haben. So lange müssen wir, so schwer es uns allen fällt, noch Mobilität reduzieren und Kontakte vermeiden.

Sie sagen, 50 wäre eigentlich die Zielmarke. Ist die Inzidenz von 100, wie sie im Gesetz steht, zu hoch?

Wir werden sehen, wie die Maßnahmen greifen. In anderen europäischen Ländern haben ähnliche Regeln sehr gut funktioniert - zum Beispiel in Portugal. Das müssen wir uns einfach im Verlauf anschauen. Auf jeden Fall ist diese Corona-Notbremse jetzt wirklich sehr wichtig. Denn, wenn ich das noch sagen darf: Wir sind jetzt über ein Jahr in der Pandemie. Wir sind in der dritten Welle. Unsere Teams sind wirklich sehr erschöpft, sehr müde. Und es ist dringend, dass wir gemeinsam erfolgreich die Pandemie bewältigen.

Wissenschaftler regen jetzt an, zur Bewertung der Lage einen neuen Wert ins Spiel zu bringen, nämlich die Neuaufnahme auf den Intensivstationen. Was halten Sie davon?

Wir haben in einem Jahr unsere Instrumente gut geschärft und uns in die verschiedenen Stellschrauben gut eingedacht. Wir haben die Sieben-Tage-Inzidenz, den R-Wert, die Neuinfektionen und die Zahl der Intensivpatienten. Ich glaube, das ist ausreichend. Jetzt etwas Neues hinzuzufügen ist nicht notwendig. Das DIVI-Intensivregister ist sehr zuverlässig und liefert robuste Daten. Auch über die Feiertage war das DIVI-Intensivregister immer sehr informativ.

Mit Gernot Marx sprach Katrin Neumann

Quelle: ntv.de

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