Panorama

Kollaps des Gesundheitssystems? Führende Mediziner warnen vor Alarmismus

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Ist kein Platz mehr frei, müssen Ärztinnen und Ärzte dramatische Entscheidungen treffen. Doch von einem drohenden Kollaps könne in Deutschland laut führender Mediziner keine Rede sein.

(Foto: picture alliance/dpa)

Droht ein Kollaps des Gesundheitssystems? Als Gradmesser gilt das DIVI-Register, das gerade weniger als ein Fünftel freier Intensivbetten in Deutschland ausweist. Mehrere führende Mediziner üben Kritik daran und sprechen von unverantwortlichem Alarmismus in der Corona-Pandemie.

Führende Mediziner an Kliniken warnen vor Alarmismus im Kampf gegen Corona. "Wir sind und waren zu keiner Zeit am Rande unserer Kapazitäten", sagt Thomas Hermann Voshaar, Chefarzt der Lungenklinik Bethanien Moers, laut der Zeitung "Bild". Der Alarmismus der Intensivmediziner der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) sei daher unverantwortlich und unverhältnismäßig und von den tatsächlichen Zahlen nicht gestützt. Doch bei der Frage nach härteren Maßnahmen wie Ausgangssperren gehen die Meinungen auch bei den Medizinern auseinander.

Laut Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) werden aktuell etwas mehr als 4900 Corona-Patienten auf deutschen Intensivstationen behandelt, knapp 2800 werden invasiv beatmet. Dabei gibt es jedoch regional große Unterschiede in Deutschland: Während in Städten wie Bremen, Köln oder München die Belegung laut DIVI-Register bei über 90 Prozent liegt, weisen vor allem ländliche Regionen eine deutlich geringere Auslastung - zum Teil mit mehr als 50 Prozent freier Intensivbetten - aus.

Voshaar kritisiert, dass nicht genug berücksichtigt wird, welche Patienten auf den Intensivstationen liegen: "Nicht mal ein Viertel der 22.000 Intensivbetten in Deutschland sind mit Covid-19-Patienten belegt." Der Chefarzt der Lungenklinik Bethanien Moers erachtet deshalb auch vielfach wiederholte und bekräftigte Warnungen von Politikern vor einem Kollaps als überzogen und fragt: "Wieso droht da Gefahr?"

Schneller Impfen für Entlastung der Intensivstationen

Der Mediziner rechnet in dem Zeitungsbericht vor, dass für normale Notfälle wie Unfallopfer oder Schlaganfallpatienten 15.000 Betten notwendig seien und es reiche, "wenn wir auf nicht dringend notwendige Operationen wie eine Hüft-OP verzichten würden", um überfüllte Intensivstationen zu vermeiden. Deshalb seien aus Sicht von Voshaar Pläne für härtere Maßnahmen "der völlig falsche Weg", bei denen es auch an wissenschaftlichen Belegen als wirksames Instrument im Kampf gegen die Corona-Pandemie fehle.

Auch der Leiter der Klinik für Intensivmedizin und Notfallmedizin des Klinikums Bremen Mitte, Rolf Dembinski, befürchtet keinen Zusammenbruch des Gesundheitssystems. "Ich befürchte keinen Kollaps, aber bis zum Sommer eine schwierige Situation", sagt er der Zeitung. Die Lage sei "angespannt, aber noch beherrschbar". Doch dem Bremer Intensivmediziner bereite es schon Sorge, inwieweit die Versorgung anderer Patienten gewährleistet werden könne. "Wir sind am Rande des Machbaren. Deshalb sind Warnungen durchaus wichtig."

Aus Sicht von Dembinski sollte mehr Priorität auf Corona-Impfungen gelegt werden, damit schneller mehr Menschen eine Impfung erhalten. Das Vakzin schützt vor allem vor schweren Verläufen, was die Intensivstationen entlasten würde. Dieser Effekt zeigt sich bereits am Altersdurchschnitt der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen: Seit die Kampagne Ende Dezember 2020 angelaufen ist, ist der Anteil der älteren Menschen auf Intensivstationen stetig gesunken - ältere Menschen haben bei der Impfung Priorität. Auch auf der Bremer Intensivstation seien die Patienten laut Dembinski in der dritten Welle jünger, das Durchschnittsalter liege etwa bei 50 Jahren.

Bislang wurde rund ein Fünftel der Bevölkerung mindestens einmal gegen das Coronavirus geimpft, wie aus dem Impfquotenmonitoring des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Den vollen Impfschutz durch die zweite Dosis haben bislang knapp sieben Prozent. "Das Allerwichtigste sind die Impfungen. Da muss endlich Dampf rein, ich habe den Verdacht, dass das nicht gut vorbereitet war“, sagt der Bremer Mediziner.

Operationen müssten verschoben werden

Ein ähnliches Bild beschreibt auch Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg, in dem Bericht: Das Durchschnittsalter am UKE sei von 63 auf 56 Jahre gesunken. Kluge überrasche es jedoch nicht, dass die DIVI angesichts steigender Infektionszahlen seit Wochen vor einem Kollaps des Gesundheitssystems warnt. "Die Lage ist angespannt, aber beherrscht. Es gibt noch freie Betten", so Kluge. Doch es kämen immer mehr Patienten auf die Intensivstationen und "wer eingeliefert wird, bleibt viele Tage im Krankenhaus". Jüngere Patienten haben häufig eine bessere Prognose, was aber bedeutet, dass sie deutlich länger Betten auf den Intensivstationen belegen. "Das hat zur Folge, dass planbare Eingriffe abgesagt werden müssen und manche nicht dringliche Operationen bereits mehrfach verschoben werden mussten", mahnt der Hamburger Mediziner.

Kluge spricht sich dem Bericht zufolge klar für schärfere Maßnahmen aus: "Die Zahlen müssen runter, sonst können wir es bald nicht mehr ausbalancieren." Das UKE rechnet damit, dass die dritte Welle größer wird als die zweite, weshalb an dem Hamburger Klinikum gerade die dritte Intensivstation für die Versorgung von Covid-19-Patienten geöffnet wurde.

Diesen Schritt wird auch das Klinikum rechts der Isar in München machen, sollten die Zahlen weiter steigen. "Sollten weitere Intensivbetten für Covid-19-Erkrankte benötigt werden, werden wir – wie in den ersten beiden Wellen – die erforderlichen Maßnahmen ergreifen, um zusätzliche Kapazitäten zu schaffen", sagte Christoph Spinner, Infektiologe und Pandemie-Beauftragter am Klinikum, der ebenfalls noch keinen Kollaps drohen sieht. Das Problem starker Auslastung sei zudem kein pandemiebedingtes Phänomen und nicht neu: "Die Belegung auf unseren Intensivstationen war auch schon vor Covid-19 angespannt."

Quelle: ntv.de, joh/rts

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