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Hunderttausend fehlende Stellen Deutschland braucht dringend neue Erzieher

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Der Bedarf an Kitaplätzen steigt von Jahr zu Jahr. Auf jeden Pädagogen kommen aktuell bis zu 13 Kinder.

(Foto: picture alliance/dpa)

Noch nie ist so viel für frühkindliche Bildung getan worden, wie jetzt. Trotzdem kommen hierzulande auf einen Pädagogen 8 oder 9, manchmal sogar bis zu 13 Kita-Kinder. Das führt zu Überlastung bei den Erziehern und zu Bildungsdefiziten bei den Kindern, warnen Experten.

Das Gute-Kita-Gesetz sollte die Trendwende einleiten, aber vor den Bundesländern liegt noch ein steiniger und langer Weg in Sachen frühkindlicher Bildung. Zu diesem Ergebnis kommt der aktuelle Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme der Bertelsmann-Stiftung. Jedes Jahr wird darin analysiert, wie sich die Qualität von Krippen- und Kitaplätzen im Hinblick auf die Personalentwicklung und das Angebot an Plätzen entwickelt.

Doch trotz milliardenschwerer Finanzspritzen durch den Bund ist die aktuelle Analyse ernüchternd. Zwar ist die Personaldecke in der Branche deutlich dicker geworden – im Zeitraum von 2008 bis 2018 wurden deutschlandweit über 200.000 zusätzliche Pädagogen eingestellt. Trotzdem ist der Handlungsbedarf in allen Bereichen der frühkindlichen Erziehung noch immer groß.

Denn die Rahmenbedingungen, unter denen die inzwischen 580.000 Erzieherinnen in Deutschland arbeiten, haben sich deutlich verändert. Einerseits ist der Bedarf an Betreuungsplätzen gestiegen, gleichzeitig haben die Bundesländer den Betreuungsschlüssel für Krippen und Kitas weiter gesenkt. Das bedeutet, dass im Vergleich zu 2008 heute weniger Kinder auf einen Pädagogen kommen dürfen. Wenn es nach den Berechnungen der Bertelsmann-Stiftung geht, fehlen aktuell über 100.000 Fachkräfte, um Kleinkinder ideal zu betreuen.

Den wachsenden Bedarf verschlafen

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Im bundesweiten Vergleich braucht nur Baden-Württemberg keine neuen Erzieherinnen. Quelle: Bertelsmann-Stiftung

(Foto: Ländermonitor Frühkindliche Bildungssysteme 2019)

Verantwortlich für den Bericht zeichnet Kathrin Bock-Famulla. Sie leitet den Bereich der frühkindlichen Bildung der Bertelsmann-Stiftung und hat den Ländermonitor 2008 ins Leben gerufen. Der Fachkräftemangel ist ihrer Meinung nach hausgemacht: "Man hätte schon lange absehen können, dass der Bedarf langfristig steigen wird." Bereits vor acht Jahren habe die Stiftung die Länder zum zukünftigen Fachkräftebedarf befragt und festgestellt, dass fast kein Bundesland Strategien zum Ausbau der Kapazitäten gehabt habe. "Bund und Länder haben damals leider nicht entschlossen genug gehandelt", sagt Bock-Famulla n-tv.de. Ideal sind laut Bericht Betreuungsschlüssel von 1:3 für Kinder unter drei Jahren und ein Faktor von 1:7,5 für Kinder im Kindergartenalter von 3 bis 7 Jahren.

Da auch die frühkindliche Erziehung Ländersache ist, schwankt dieser Wert von Bundesland zu Bundesland erheblich. Während der Spitzenreiter Baden-Württemberg in der Analyse als einziges Land den Empfehlungen der Stiftung entspricht und seinen Bedarf an Fachkräften bereits heute deckt, hinken alle anderen Bundesländer hinterher. Speziell Mecklenburg-Vorpommern bildet mit 13,2 Kita-Kindern auf einen Pädagogen das Schlusslicht. "Das Land hat einen großen Sprung nach vorne gemacht, die Leistung muss man anerkennen. Trotzdem sind die Betreuungsschlüssel die ungünstigsten im Bundesländervergleich", sagt Bock-Famulla. Somit schafft es das Bundesland trotz aller Anstrengungen nicht einmal in die Top 10. Mit Thüringen und Bremen gibt es auch zwei Bundesländer, deren Bilanz sich über die Jahre sogar verschlechtert hat. In Thüringen beispielsweise kamen im Jahr 2013 noch 11,2 Kita-Kinder auf einen Pädagogen, während der Betreuungsschlüssel im Jahr 2018 auf 1:11,6 anstieg.

Wenn es nach Bildungsexpertin Bock-Famulla geht, dürfen die Probleme der Branche nicht nur einseitig betrachtet werden: "Wir beobachten, dass sich die politische Debatte ausschließlich auf den Fachkräftemangel konzentriert. Dabei geht es auch darum, die Arbeitssituation von Fachkräften zu verbessern, die bereits im Kita-System arbeiten." Durch die angespannte Arbeitssituation komme es häufig zu Krankheitsfällen und im schlimmsten Fall zu langfristigen psychischen Erkrankungen. "Da wäre es hilfreich, wenn man verstärkt über Unterstützungsmaßnahmen nachdenken würde. Der Finanzierungsbedarf ist bei solchen Maßnahmen überschaubar und hier könnten kurzfristig positive Wirkungen erzielt werden."

Allein Berlin fehlen über 11.000 Fachkräfte

Ein weiterer Faktor für die verschärfte Situation ist der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, den Eltern seit 2013 haben. "Es geht also einerseits um den Qualitätsausbau, andererseits um den Ausbau an Kitaplätzen. Es gibt immer noch einen ungedeckten Bedarf der Eltern, die keinen Platz für ihr Kind finden. Dabei beobachten wir eine jährlich steigende Nachfrage." So haben in Nordrhein-Westfalen 20 Prozent der Unterdreijährigen einen Krippenplatz. Dem gegenüber stehe ein Bedarf von rund 46 Prozent der Eltern. "Das gibt einen guten Eindruck dafür, dass noch sehr viel zu tun ist", sagt Bock-Famulla.

Ein Garant für eine gute frühkindliche Bildung scheinen derzeit weder Maßnahmen wie Rechtsansprüche noch Finanzspritzen vom Bund zu sein. Das weiß auch der Geschäftsführer des Kita-Trägers Hanna aus Berlin, Hartmut Horst: "Seitens des Senats wurde der Betreuungsschlüssel kürzlich wieder angehoben, obwohl die Fachkräfte gar nicht da sind. Insofern stellt sich die Entwicklung für uns als deprimierend dar, weil wir es fast geschafft hätten die Anforderungen zu erfüllen." Für seine Firma sei es heute immer noch schwierig, qualifizierte Mitarbeiter zu finden. "Trotzdem geht es uns in Sachen Personal besser als anderen Mitstreitern, da ist die Situation noch brenzliger", sagt Horst n-tv.de. Laut der Bertelsmann-Analyse fehlen aktuell allein in Berlin immer noch über 11.000 Pädagogen für Krippen und Kitas.

Wenn die Betreuungsschlüssel weiterhin auf einem unzureichenden Niveau bleiben, hat das für Pädagogen und Kinder Folgen. "Bei überarbeitetem Personal werden die Kinder einfach nur verwahrt und nicht entsprechend ihrer Begabungen gefördert", sagt Horst. Und auch Kathrin Bock-Famulla ist sich sicher, dass in der Krippe und im Kindergarten der Grundstein für ein erfolgreiches Leben gelegt wird: "Heute sind Kinder früher und länger in den Kitas – insofern müssen wir uns überlegen, unter welchen Bedingungen sie betreut werden sollen." Je besser die frühkindliche Betreuung und Bildung sei, desto besser würde sich ein Kind im schulischen und beruflichen Kontext entwickeln.

Das Gute-Kita-Gesetz ist kein Allheilmittel

Dafür soll unter anderem auch das Anfang 2019 beschlossene Gute-Kita-Gesetz sorgen. Insgesamt sind 5,5 Milliarden Euro veranschlagt, die den Bundesländern für die frühkindliche Bildung über vier Jahre zur Verfügung stehen. "Grundsätzlich ist es richtig zu sagen, dass mehr Geld in den Erziehungsbereich fließen muss", sagt auch Kita-Chef Hartmut Horst. "Die Schieflage unserer Branche lässt sich aber nicht durch ein einziges Paket regeln. Wichtig ist vor allem, dass wir eine bundesweit einheitliche Politik im Hinblick auf die frühkindliche Bildung entwickeln." Dem pflichtet Bertelsmann-Expertin Bock-Famulla bei: Das Kernziel des Gesetzes sei es, einen Beitrag für gleichwertige Lebensverhältnisse von Kindern im Land herzustellen. "Die Länder sind recht frei, was die Verwendung der Mittel angeht und verfolgen dann eine eigene Agenda." Ein Land wie Mecklenburg-Vorpommern mit hohem Fachkräftemangel gibt das gesamte Geld für die Beitragsfreiheit aus, stellt aber kaum neue Erzieher ein.

Die Bertelsmann-Expertin macht aber auch eine ganz andere Rechnung auf: "Um die Anzahl der Kinder in deutschen Krippen und Kitas bestmöglich zu betreuen, bräuchte es nicht 5,5 Milliarden Euro auf vier Jahre gerechnet, sondern zusätzlich 5 Milliarden Euro jährlich – alleine an Personalkosten", sagt Bock-Famulla. Das Ziel, viele Pädagogen einzustellen, müsse einhergehen mit besseren Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten. "Die unzureichende Vergütung, kaum Karrierechancen und dann die Überbelastung durch zu viele Kinder, die betreut werden müssen - der wichtige Job des Erziehers ist derzeit viel zu unattraktiv."

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Quelle: n-tv.de

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