Panorama

Gewitterfront vorm Wochenende "Die Gefahr von Superzellen ist erhöht"

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Eine sogenannte Superzelle ist 2018 in der Nähe von Freiberg (Sachsen) zu sehen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Bevor es am Samstag und Sonntag wieder sonnig und sommerlich warm wird, ziehen Unwetter über das Land, die es laut ntv-Wetterexperte Björn Alexander in sich haben können. Besonders, wer ein "grünlich bis bläulich schimmerndes Wolken-Ufo" entdeckt, sollte sich in Acht nehmen.

ntv: Zuletzt gaben sich oft Hitze und Blitze die Klinke in die Hand. Ist das jetzt wieder so?

Björn Alexander: Leider schon. Denn vorm schönen Wochenende müssen wir noch einen Wetterumschwung über uns ergehen lassen. So flutet gerade warme bis heiße Sommerluft unser Land, die zunehmend feucht und damit schwül und energiegeladen wird. Gleichzeitig schicken Tief "Tina" und Tief "Ulrike" ihre Ausläufer in Form einer Kaltfront zu uns auf den Weg.

Was bedeutet das?

Björn Alexander

Björn Alexander ist Wetterexperte bei ntv.

Dass das Unwetterprotenzial abermals ansteigen wird. Und das gilt nicht nur bei uns in Deutschland. Auch Benelux, Frankreich sowie generell der Alpenraum im Bereich Norditalien, Schweiz und Österreich sind betroffen.

Welche Gefahren sind zu erwarten?

Die Wettercomputer haben erneut Starkregen mit Überflutungsgefahr, Hagel und Sturmböen bis um die 100 Stundenkilometer im Programm. Die Gefahr von sogenannten Superzellen ist ebenso erhöht. Eine brisante Wetterlage, die - ähnlich wie zuletzt in Teilen Österreichs - punktuell durchaus Regenmengen von über 100 bis an die 200 Liter pro Quadratmeter bringen kann.

Was ist eine Superzelle?

Hierbei handelt es sich um eine besondere Gewitterform. Verfügt eine Gewitterwolke über Bereiche, in denen sich Auf- und Abwinde getrennt voneinander gebildet haben, dann ist die Vorstufe einer Superzelle entstanden. Im zweiten Schritt beginnt die Wolke zu rotieren. Das verstärkt die Gewitterzelle enorm und führt dazu, dass sich eine sogenannte Mesozyklone gebildet hat. Das kann schon mal ein Gewitterkomplex sein, der eine kilometerweite Ausdehnung hat und auch über längere Zeit von mindestens 30 Minuten existiert. Erst dann ist eine Superzelle entstanden, die optisch an ein grünlich bis bläulich schimmerndes Wolken-Ufo erinnert, enorme Regenmengen bringen kann und in deren Umfeld - bei den richtigen Zutaten - sogar Tornados entstehen können.

Wie entwickelt sich die Unwetterlage in Deutschland?

Am Abend und in der Nacht verlagert sich die Kaltfront mit Gewittern und Unwettergefahr vom Westen bis etwa in die Landesmitte auf eine Linie vom Allgäu bis herauf nach Schleswig-Holstein. Am Freitag tagsüber erreicht die Gewitter- und Unwetterlinie dann den äußersten Osten, während es von Westen dahinter rasch ruhiger und schöner weitergeht. Zuvor drohen in den Gewittern auch bei uns in Deutschland Starkregen, Hagel und Sturmböen.

Hinter den Gewittern wird es "ruhiger" - gilt das auch fürs Wochenende?

Auf jeden Fall. Denn auch wenn der Juli an seinem ersten Tag eine Bruchlandung für den Sommer hinlegt, so will er es am ersten Wochenende doch deutlich besser machen. Hinter den dynamischen Damen "Tina" und "Ulrike" folgt nämlich der herrliche "Helmut" - seines Zeichens Hoch und Schönwetterbringer - mit viel Sonne und angenehmeren Sommertemperaturen.

Der Juli kommt - der Juni endet. Wie geht der erste Sommermonat in die Wettergeschichtsbücher ein?

Nach einem eher kühlen Beginn startete der Juni ziemlich durch und brachte uns eine sehr intensive und frühe Hitzelage mit neuen Rekorden im zweiten Junidrittel. Beispielsweise mit 39,3 Grad in Altdöbern oder 39,2 Grad in Dresden und Cottbus. Teilweise wurden damit Allzeitrekorde an den Stationen geknackt, noch nie war es somit so früh so heiß. Im Vergleich zum Vergleichszeitraum 1961-90 war es gut drei Grad zu warm.

Gab es auch Unterschiede bei der Verteilung der Wärme?

Auf jeden Fall. Das fällt insbesondere beim Nord-Süd-Vergleich auf. So war der Norden zum Teil kaum ein Grad wärmer als der langjährige Schnitt. Der Süden bekam hingegen einen Temperaturüberschuss von mehr als vier Grad. Im deutschlandweiten Mittel war der Juni 2022 somit der sechstwärmste Juni seit Aufzeichnungsbeginn. Parallel grätschten aber wiederholt ebenso Unwetterlagen dazwischen, sodass es zwar leider teilweise enorme Schäden, aber eben auch den so wichtigen Regen gab. Den hat die Natur nach dem trockenen Frühjahr mehr als nötig.

Wie viel Regen ist denn im Juni 2022 gefallen?

Im landesweiten Schnitt sind es um die 55 Liter pro Quadratmeter. Das entspricht in etwa 2/3 des Monatssolls. Es war demzufolge insgesamt zu trocken; wobei es beim Regen ebenfalls große regionale Unterschiede gab. Besonders trocken war es von Nordbayern und Sachsen bis herauf nach Mecklenburg-Vorpommern und herüber in den Osten Niedersachsens mit kaum 10 Litern pro Quadratmeter. Normal nass oder sogar zu nass war es wiederum in Teilen Süddeutschlands sowie bei den Nordlichtern.

Macht es der Juli beim Regen besser?

Die experimentellen Langfristtrends des Amerikanischen Wetterdienstes NOAA prognostizieren für den Juli 2022 im Osten tatsächlich einen eher zu nassen Verlauf. Die Westhälfte soll hingegen zu trocken durch den Juli kommen. Übrigens fallen im langjährigen Durchschnitt im Juli normalerweise um die 80 Liter pro Quadratmeter.

Zurück zum Sommer-Comeback am Wochenende: Wie schön wird es denn in Deutschland?

Es wird schon ziemlich schön und angenehm warm. Oft dominiert nämlich die Sonne und bringt uns pro Tag gerne mal 11 bis 15 ungetrübte Betriebsstunden - wobei der Sonntag in Summe sogar der sonnigere und auch der wärmere Tag werden könnte. Die Temperaturen erreichen am Samstag 22 bis 30 und am Sonntag 22 bis 31 Grad. Gleichzeitig bleibt die Luft trocken und frisch, so dass es nachts gut auskühlt und wir richtig gut durchlüften können.

Apropos kühl, welche Abkühlung versprechen uns momentan die Badeseen?

Je nach Größe und Tiefe des Gewässers sind es oft zwischen 22 und knapp 26 Grad. Weniger warm ist es in Nord- und Ostsee mit 18 bis 22 Grad. Gemessen wird das in einem Meter Wassertiefe. Flachere Ufer- und Küstenbereiche können dementsprechend spürbar wärmer sein.

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Welche Trends erwarten uns in der nächsten Woche?

Am Montag und Dienstag im Süden zunehmend wieder schwül und damit gewittrig. Auch erneute Unwetter sind nicht auszuschließen. Sonst geht es sonniger in die neue Woche, bevor es ab Mittwoch auch übrigen Land wechselhafter und allgemein kühler werden dürfte.

Wie entwickeln sich die Temperaturen?

Am Montag und Dienstag werden es 19 bis 28 Grad warm. Mittwoch, Donnerstag und Freitag verlaufen dagegen immer seltener sommerlich mit Höchstwerten zwischen 17 und 25, vielleicht auch 26 Grad. Am wärmsten ist es dann noch am Oberrhein. Erst zum Wochenende mehren sich erneut die Zeichen für ein sonniges und warmes Sommer-Comeback.

Quelle: ntv.de

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