Panorama

Timo Ulrichs im ntv-Interview England ist ein "großes Freiluftexperiment"

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Eine Diskothek in London: Der britische Premierminister Johnson setzt von nun an auf die Eigenverantwortung der Bürger.

(Foto: AP)

Deutschland steuert auf die vierte Welle zu, und das offenbar früher als angenommen. In dieser Phase der Pandemie dürfe man keinesfalls fahrlässig werden, warnt der Epidemiologe Timo Ulrichs im Gespräch mit ntv. Umso größer ist sein Unverständnis über die umfassenden Lockerungen in England.

ntv: Die Infektionszahlen steigen langsam, aber beständig an. Wie sehr beunruhigt Sie das?

Timo Ulrichs: Es ist in der Tat beunruhigend, dass das so früh passiert. In manchen Nachbarländern ist der Anstieg sogar schon weiter fortgeschritten. Es kann also sehr schnell passieren, dass wir trotz der Sommersaison auch in eine Lage kommen, in der die Neuinfektionen wieder stark ansteigen.

Ist das schon die vierte Welle?

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Der Epidemiologe Timo Ulrichs ist Professor für Medizin, Mikrobiologie und Katastrophenhilfe an der Akkon-Hochschule in Berlin.

Wenn wir das mit der Entwicklung von 2020 vergleichen, dann sehen wir, dass es damals auch erst langsam losging. Aber eben stetig, wie das so ist bei exponentiellem Wachstum. Das ist wohl auch jetzt der Fall. Deswegen ist das dann schon der Beginn einer vierten Welle.

Die Inzidenz hat sich zuletzt innerhalb von zweieinhalb Wochen auf 10 verdoppelt. Ist das ein Tempo, mit dem wir noch leben könnten?

Wir hatten eigentlich damit gerechnet, dass die vierte Welle gegen Herbst kommt, sprich, dass die Zahlen Ende September oder ab Oktober wieder richtig hochgehen. Jetzt ist es wohl so, dass es etwas früher passieren wird. Es kann dann sogar sein, dass mit der Herbstsaison, also mit den besseren Bedingungen für die Virusausbreitung, es nochmal eine Beschleunigung geben wird. Das heißt, wir befinden uns immer noch in einem Wettlauf mit dem Virus.

Wie wird sich das auf die Corona-Maßnahmen auswirken?

Es ist ein Grund mehr, die Maßnahmen rechtzeitig zu intensivieren. Hier muss man schneller werden. Und vor allen Dingen das Impfen beschleunigen, sodass wir die Virusausbreitung im Herbst nochmal eindämmen können.

Es sind ja immerhin noch zwei Monate bis zum Herbst. Woran liegt es denn, dass man sich in den Berechnungen so vertan hat?

Es hängt zu einem großen Teil mit der erhöhten Ansteckungsfähigkeit der Delta-Variante zusammen. Das heißt, wenn alles mit der Alpha-Variante oder dem Wildtyp zu berechnen gewesen wäre, hätte man das Ganze etwas entspannter angehen können. Aber jetzt sehen wir, dass es in einigen Ländern trotzt großer Durchimpfung immer noch zu starken Ausbreitungen kommt.

Was bedeutet diese Erkenntnis für uns?

Wir haben mit der Impfung nach wie vor ein Instrument, um die Virusausbreitung einzudämmen und weitere Altersgruppen zu schützen. Da sollten wir jetzt nicht nachlassen, sondern ganz im Gegenteil alle Möglichkeiten nutzen.

In England hat man sich trotz steigender Fallzahlen dazu entschieden, die Corona-Maßnahmen fallen zu lassen. Dort gelten so gut wie keine Regulierungen mehr. Ist das verantwortungslos oder durchaus machbar?

Das ist auf jeden Fall verantwortungslos! Und zwar von der Regierung, denn die schiebt ihre Verantwortung für das Allgemeinwohl auf die Bevölkerung ab. Premierminister Johnson sagt, man solle sich entsprechend ordentlich Verhalten. Also sich impfen lassen und Abstände einhalten. Nur, dass es der Staat nicht mehr kontrolliert. Aber das ist gefährlich. Nahezu alle raten davon ab. Da kann man wirklich nur mit dem Kopf schütteln, denn das Ganze ist im Prinzip ein großes Freiluftexperiment. Das können wir in dieser Phase der Pandemie nicht gebrauchen. In Deutschland sollten wir das auf gar keinen Fall nachmachen.

Aber es gibt auch bei uns erste Überlegung die epidemische Lage, sprich die Rechtsgrundlage für die Corona-Maßnahmen, im Herbst fallen zu lassen. Das ist nach Berechnungen von Forschern der TU Berlin auch der Zeitpunkt, wo die vierte Welle nochmal richtig Schwung aufnehmen wird. Was ist da der richtige Weg?

Das wäre in der Tat kein gutes Signal und auch keine gute äußere Rahmenbedingung, um in dieser Welle mit dem Virus fertig zu werden. Wir haben etwas in der Hand, was wir letzten Herbst noch nicht hatten. Nämlich das Impfen. Wir haben auch viel über sinnvolle Maßnahmen dazugelernt, sodass wir eigentlich alle Karten in der Hand haben, um nicht noch einmal in einen harten Lockdown gehen zu müssen.

Wie sähe also der richtige Umgang aus?

Damit wir auf der sicheren Seite bleiben ist es eben sinnvoll, Maßnahmen wie Abstand halten und Masken tragen auf jeden Fall weiter durchzuhalten. Das ist die generelle Rahmenbedingung. Das einfach aufzuheben wäre fahrlässig und so ähnlich wie das, was in Großbritannien ab heute gemacht wird. Um sicher durch die vierte Welle zu gehen, müssen nochmal Anstrengungen unternommen werden, etwa was die Sicherheit in den Schulen angeht.

Das heißt, über das Fallenlassen von Corona-Maßnahmen sollten wir nicht vor Beendigung der vierten Welle nachdenken?

Genau! Die vierte Welle wird natürlich nicht so hart wie die zweite und die dritte Welle, die kurz nacheinander kamen und in denen es die meisten Toten gab. In der ersten Welle ging es ja noch relativ klein los. Damals hatten wir ja noch gar nicht auf dem Schirm, wie schlimm es noch werden könnte. Aber man hätte es auf dem Schirm haben können. Denn auch bei der Spanischen Grippe waren die zweiten und dritten Wellen die mit den meisten Toten. Doch wir sind in der Lage zu impfen. Das konnte bei der Spanischen Grippe nicht gemacht werden. Daher sollten wir dieses Instrument auch wirklich konsequent anwenden.

Mit Timo Ulrichs sprach Katrin Neumann. Es handelt sich um die sprachlich und textlich leicht angepasste Version eines Interviews vom 19. Juli.

Quelle: ntv.de

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