Panorama

STIKO-Chef kontert Lauterbach "Es geht hier nicht um Meinungen"

SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach und andere Politiker fordern mangels ausreichenden Impfstoffs, die Zweitimpfungen möglichst lange aufzuschieben. Der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO), Mertens, ist da weniger überzeugt - genauso wenig von Söders Sputnik-Kauf.

Weil die Massenimpfkampagne weiter durch fehlende Impfstoffdosen ausgebremst wird, setzen viele Verantwortliche darauf, die Zweitimpfungen möglichst weit nach hinten zu schieben. So soll eine Höchstzahl an Menschen zumindest eine Erstimpfung erhalten. Allerdings hält Thomas Mertens, der Chef der Ständigen Impfkommission (STIKO), diesen Weg für nicht zwingend sicher, auch wenn er den Ansatz verstehe.

"Man muss aber sagen, dass die Datenlage, wie gut und wie sicher dieses Vorgehen ist, derzeit schlecht ist", sagte Mertens am Morgen im ZDF. "Wir wissen das vor allem für die mRNA-Impfstoffe nicht genau." Die STIKO trage weiter alle Erkenntnisse zusammen. "Aber das geht nicht übers Knie zu brechen", sagte Mertens. "Es geht hier auch nicht um Meinungen, sondern es geht um Erkenntnisse, die letztendlich eine Entscheidung möglich machen."

Unklarheit herrscht auch weiterhin bei der Frage nach der Zweitimpfung für Menschen unter 60 Jahren, die bereits eine Erstimpfung mit Astrazeneca erhalten haben. "Wir haben derzeit keine wirklich guten Aussagen darüber, wie hoch ein mögliches Risiko bei der Zweitimpfung von Menschen ist mit Astrazeneca, die erstmalig mit Astrazeneca geimpft worden sind", sagte Mertens. "Sicherlich ist das Risiko gering, aber wie groß das Risiko ist, wissen wir nicht. Deshalb empfiehlt die STIKO zur Zweitimpfung der jüngeren Menschen, der gleichen Altersgruppe unter 60, einen mRNA-Impfstoff zu verwenden. Das ist sicherlich sicher."

Mertens verteidigt Widerspruch zur EMA

Mertens verteidigte die Entscheidung der STIKO, Astrazeneca weiterhin erst ab 60 zu verimpfen, obwohl die europäische Arzneimittelbehörde EMA Astrazeneca generell empfiehlt. Mertens zog einen Vergleich zur Zulassung neuer Automobile. "Da gibt es eine Stelle, die lässt zu, und das ermöglicht die Nutzung dieses Automobils", sagte Mertens. "Und dann gibt es so etwas wie Verkehrsregeln, also letztendlich Umgangsregeln; wie gehen wir in Deutschland mit dem Impfstoff um. Dazu ist die STIKO gesetzmäßig beauftragt, diese Empfehlung auszuarbeiten."

Vor diesem Hintergrund gebe es auch unterschiedliche Prämissen. "Die EMA bewertet den Impfstoff auf der Grundlage einer sogenannten Public-Health-Überlegung. Das heißt: Was ist für die gesamte Bevölkerung der EU von Vorteil? Und da kommt sie zu dem sicherlich richtigen Ergebnis, dass die Impfung positiv zu bewerten ist", sagte Mertens. "In Deutschland haben wir eine etwas andere Situation, weil wir nicht so abhängig sind von Astrazeneca-Impfstoff und wir können Impfstoffe verschieben und können dadurch erreichen, dass wir den gleichen Effekt, haben aber letztendlich das Risiko für diese schweren Nebenwirkungen in einer bestimmten Altersgruppe doch stark reduzieren oder sogar ausschließen können."

Skepsis gegenüber bayerischem Alleingang

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Die Nachricht, dass Bayerns Ministerpräsident Markus Söder bei einem möglichen Produzenten in Bayern 2,5 Millionen Dosen des russischen Impfstoffs Sputnik V für den Fall einer EU-Zulassung vorbestellt hat, bewertet Mertens skeptisch. "Ich finde es natürlich prinzipiell gut, dass man jetzt versucht, sich Impfstoff zu sichern", sagte er. "Dass das jetzt als bayerischer Alleingang sozusagen geplant sein sollte - wenn das denn so ist - , davon bin ich nicht so sehr überzeugt."

Grundsätzlich hat Mertens aber kein Problem mit dem Vakzin aus Russland. "Ich kenne nur die Daten, die im Lancet veröffentlicht sind. Ich weiß nicht, was der EMA vorliegt als zusätzliche Daten", schränkte der STIKO-Chef ein. "Die publizierten Daten sehen sehr gut aus, das kann man sagen. Und wenn der Impfstoff geprüft und zugelassen wird, hätte ich persönlich auch nichts gegen den Einsatz des Impfstoffes einzuwenden."

Quelle: ntv.de, shu