Panorama

"Sie sind ein würdeloses Weib" Frau in Hose sorgte für Bundestagseklat

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Weil sie während einer Rede im Bundestag lieber Hose als Rock trug, erhielt Lenelotte von Bothmer 1970 unzählige Schmähbriefe.

(Foto: picture alliance/dpa)

Es ist die Zeit von Miniröcken und Hippies: Gleichzeitig haben Frauen Anfang der 1970er-Jahre in der chauvinistischen Männergesellschaft noch hart zu kämpfen. Als eine SPD-Politikerin vor dem Parlament spricht und dabei erstmals Hosen trägt, kommt es zum Eklat.

Das Latex-Kleid der CSU-Abgeordneten Dorothee Bär oder der Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Oslo mit tiefem Dekolleté - die Kleiderwahl von Politikern hat schon immer für viel Diskussionsstoff gesorgt. Es fällt jedoch auf, dass weniger die Sakkos der Männer in den Mittelpunkt von Mode-Debatten geraten, sondern überwiegend Frauen. Besonders nackte Haut von Politikerinnen ist vielen ein Dorn im Auge.

Als Lenelotte von Bothmer am 14. Oktober 1970 ans Rednerpult des Bundestages tritt, löst sie eine Welle an Empörungen aus. Obwohl sie gut gekleidet und weit entfernt davon ist, nackte Haut zu zeigen. Dass die damals 54-Jährige über Schulpolitik und Klassengesellschaft spricht, bleibt dabei nur den wenigsten in Erinnerung. Viel streitbarer ist offensichtlich das, was sie anhat. "Es war so eine Jacke, ganz hochgeschlossen, bis auf die Oberschenkel lang, und dann die Hose darunter", erinnert sich die 1997 verstorbene Bremerin später in einem Interview mit der ARD. Der beige Hosenanzug ähnelt ein bisschen der heutigen Garderobe von Merkel. Doch vor 50 Jahren führt genau dieser Hosenanzug zu einem handfesten Skandal. Denn erstmals spricht eine Frau in Hosen im Deutschen Bundestag.

Die Geschichte hatte bereits ein halbes Jahr zuvor begonnen. Im April 1970 kam von Bothmer erstmals mit einem Hosenanzug in den Plenarsaal, hielt an diesem Tag jedoch keine Rede. Der damalige Bundestagsvizepräsident Richard Jaeger verkündete daraufhin, er werde niemals erlauben, dass eine Frau in Hose im Plenum spreche. Der CSU-Politiker war wegen seiner Befürwortung der Todesstrafe auch als "Kopf-ab-Jaeger" bekannt.

"Die erste Hose am Pult"

"Die erste Hose am Pult", rutscht dem Abgeordneten Berthold Martin von der CDU in seiner Empörung heraus, bevor die ehemalige Lehrerin von Bothmer im Oktober 1970 zum ersten Satz ihrer Rede ansetzen kann. Danach bleibt es, laut Sitzungsprotokoll, erst einmal still. Denn offiziell verstößt von Bothmer gegen keine Bundestagsregel. "Egal, wie sehr der Hosenanzug von Frau Bothmer den anderen Abgeordneten missfallen hat, sie hatten kein Recht, was zu sagen", sagt der Historiker Michael Feldkamp zu ntv.de. "Eine Kleiderordnung hat es im Bundestag nie gegeben." Es sei der sechsfachen Mutter ohnehin weniger darum gegangen, den Kleidertrend des Bundestages zu ändern, sondern vielmehr um das, was sie mit dem Hosenanzug aussagte.

"Gemeinsam mit anderen Abgeordneten wollte sie den extrem konservativen Präsidenten des Bundestages provozieren, was ihr auch gelang", sagt auch Winfried Baßmann. Der ehemalige Schulleiter lernte die Politikerin bei der gemeinsamen Arbeit in der Anti-Apartheid-Bewegung kennen und sprach einige Male mit ihr über die Hosenanzug-Aktion. "Sie hatte durchaus mit Unverständnis und Ablehnung auf der parlamentarischen wie auf der gesellschaftlichen Ebene gerechnet", erzählt Baßmann. "Aber das Ausmaß, die Schärfe und Unverhältnismäßigkeit der gegen sie geführten Attacken lösten doch Entsetzen in ihr aus."

Die Abgeordnete aus Hannover erhielt unzählige Schmähbriefe, wurde mit "würdeloses Weib", "Sie Schwein" und "ganz disziplinlose Abgeordnete" beschimpft. Nach der Bundestagssitzung ließen dann auch Parteikollegen und andere Abgeordnete ihrer Empörung freien Lauf: Von Bothmer sei eine "Hexe", "unanständig" und "geschmacklos", hieß es unter anderem. Die SPD-Politikerin selbst erinnerte sich an einen Schmähbrief, in dem ihr unterstellt wurde, sie würde bestimmt beim nächsten Mal ganz nackt kommen. "Dabei konnte ich doch angezogener gar nicht sein", wunderte sich die Abgeordnete, die sich vor allem in der Friedenspolitik engagierte.

Protest gegen chauvinistische Gesellschaft

"Die Aufregung kam vor allem von alten Männern, den Ewiggestrigen, so wie Jaeger einer war", sagt Feldkamp, der als Historiker im Bundestag arbeitet. Man müsse die Aktion auch im Kontext der Zeit sehen. Zwar war die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau schon seit 1958 im Grundgesetz verankert, in der Realität war sie aber längst noch nicht angekommen. Frauen durften nur arbeiten, wenn die berufliche Tätigkeit nicht mit den Pflichten in Ehe und Familie kollidierte. Wenn sie diese Voraussetzung erfüllten, erhielten sie - völlig selbstverständlich - weniger Gehalt als Männer. Von Bothmer war im Skandaljahr 1970 eine von lediglich 34 Frauen in einem Parlament mit 518 Abgeordneten.

Die Hosenanzug-Aktion der sechsfachen Mutter sei auch ein Protest gegen die chauvinistische Gesellschaft gewesen, so Feldkamp. Das passte auch zu ihrer Persönlichkeit. "Lenelotte war eine eher stille, bescheidene, freundlich zugewandte Person. Sie war nicht die politische Generalistin, sondern sie wandte sich wenigen, von ihr als wichtig empfundenen Themen mit großer Leidenschaft und hohem Engagement zu", sagt Baßmann.

"Frau von Bothmer war die Opposition in ihrer eigenen Partei", so Michael Feldkamp. Sie hätte nie der Parteilinie entsprochen. Das machte sich vor allem in der Afrika-Politik des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt bemerkbar. "Sie hat die Ansätze ihres Parteichefs praktisch gegeißelt", so der Historiker. Sie hatte gegensätzliche Ansätze, hat diese ausgesprochen und sich für sie eingesetzt.

Fortschrittliches Denken

Die Abgeordnete, die bereits als Dolmetscherin arbeitete, hat ihr fortschrittliches Denken mit der Hosenanzug-Aktion auch äußerlich sichtbar gemacht. Damit ist sie in die Geschichtsbücher eingegangen. In einem der wenigen Tondokumente blickt von Bothmer mit zwiespältigen Gefühlen zurück: "Ich war eigentlich ein bisschen entsetzt, dass der Hosenanzug nun mein Markenzeichen wurde. Viel lieber wäre ich wegen der Dinge, die ich mit viel Eifer betrieben habe, bekannt geworden."

Tatsächlich hat von Bothmer im Bonner Haus der Geschichte einen Platz in der Dauerausstellung zur Frauenbewegung der 1970er Jahre. Auf einem großen Foto ist sie in ihrem berühmten Hosenanzug mit passender Handtasche zu sehen, als sie den Bonner Plenarsaal betritt.

Quelle: ntv.de