Panorama

Femizide in Deutschland Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind

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In Limburg tötete ein Mann im Oktober 2019 seine von ihm getrennt lebende Frau auf offener Straße.

(Foto: picture alliance/dpa)

Hunderte Frauen werden jedes Jahr in Deutschland Opfer von Femiziden. Doch in der Kriminalstatistik werden Gewalttaten aus Frauenfeindlichkeit bisher nicht erfasst. Das muss sich ändern, fordern Experten. Denn nur so komme man hinter die wirklichen Tatgründe.

Ehrenmord, Familiendrama, lange gab es in Deutschland für die Ermordung von Frauen beinahe entschuldigende Umschreibungen. In Prozessen wurden vor allem bei Beziehungstaten für die Täter oft strafmildernde Umstände geltend gemacht. Dabei wird geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen in vielen Teilen der Welt längst deutlich benannt.

In Deutschland war das bisher nicht so, doch inzwischen tut sich etwas. Die Digitalstaatsministerin der Bundesregierung, Dorothee Bär, sprach sich erst vor wenigen Wochen für die gezielte Erfassung frauenfeindlicher Straftaten in der Kriminalstatistik aus. Und der bislang in dieser Sache eher zögerliche Bundesinnenminister Horst Seehofer zeigt sich nun offen dafür. "Wir wissen, wie oft Frauen Opfer von Straftaten werden. Wir wissen aber nicht, wie viele dieser Taten aus frauenfeindlichen Motiven begangen werden", sagte der CSU-Politiker dem "Spiegel". Bundesjustizministerin Christine Lambrecht könnte sich sogar vorstellen, den Begriff "frauenfeindlich" als strafverschärfendes Motiv im Strafgesetzbuch einzuführen. Bei der Entscheidungsfindung könnten auch der SPD-Ministerin bessere Daten helfen.

2019 wurden in Deutschland 267 Frauen getötet, weitere 542 überlebten Tötungsversuche. Das geht aus einer Beschlussvorlage von mehreren Bundestagsabgeordneten hervor, die erreichen wollen, dass Femizide in Deutschland untersucht, benannt und verhindert werden. In den Jahren zuvor waren die Zahlen übrigens noch höher: 2018 wurden 367 Frauen Opfer einer gewaltsamen Tötung, im Jahr 2017 sogar 380. "Dies sind die offiziellen Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) der Kategorien Mord (§ 211 StGB), Totschlag (§ 212 StGB) und Körperverletzung mit Todesfolge (§§ 227, 223 StGB)", schreiben die Abgeordneten. Und: "Es ist anzunehmen, dass diese Zahlen nicht das gesamte Ausmaß von tödlicher Gewalt gegen Frauen umfassen."

Macht und Kontrolle

Gunda Wössner vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht verspricht sich von der Benutzung des Femizidbegriffs, "dass man hinter die wirklichen Tatgründe" kommt. "Indem man Femizide als solche anerkennen würde, ist man gezwungen, sich mit den strukturellen Gründen auseinanderzusetzen, die hinter diesen Taten stehen", sagt die promovierte Psychologin ntv.de. Solange Tötungsdelikte an Frauen mit anderen Taten gleichsetzt werden, wird so getan, als wenn es keine besonderen Gründe für diese Straftaten gibt. Doch Frauen werden meist aufgrund eines hierarchisch verstandenen Geschlechterverhältnisses umgebracht.

"Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind", bringen es die Bundestagsabgeordneten auf den Punkt. "Bei Tötungsdelikten an Frauen geht es häufig um Macht und Kontrolle und um die dahinter liegenden Geschlechterrollen", fasst Wössner die Forschung zu diesen Taten zusammen. Besonders häufig stünden die Tötungen mit Trennungssituationen im Zusammenhang. "Viele Männer wollen die Trennung nicht akzeptieren, weil sie ein bestimmtes Männer- und Frauenbild haben."

Selten finden die Richter jedoch so deutliche Worte wie in dem Prozess gegen den Mann, der im Oktober 2019 seine 31-jährige Frau in Limburg auf offener Straße getötet hatte. Er fuhr sie zunächst mit dem Auto an und attackierte sie dann mit einem Beil und einer Axt so lange, bis sie starb. Nach Aussagen von Zeugen beschimpfte er dabei die sterbende Mutter seiner Kinder. Im Juli 2020 wurde er dafür zu lebenslanger Haft verurteilt. In der Urteilsbegründung betonte der Vorsitzende Richter, der Mann habe seine Frau bestrafen wollen, weil sie ihn verlassen und sich mit den Kindern in ein Frauenhaus geflüchtet hatte. Zuvor hatte er seine Frau mehrfach geschlagen. Bei der Tat habe er einen "unbedingten Vernichtungswillen" gezeigt. "Er war tief gekränkt, sein Selbstbild vom treu sorgenden Familienvater brach zusammen."

Auffällig ist, dass der Verweis auf die "moderne Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland" mit ihrer "individualistischen und freiheitlichen Ausrichtung", in der auch Frauen volles Selbstbestimmungsrecht genießen, vor allem bei Tätern mit migrantischen Wurzeln auftaucht. Dabei ziehen sich die Taten durch alle Altersgruppen, Bildungs- und Gesellschaftsschichten, Beziehungsarten und Kulturen, wie die Autorinnen Laura Backes und Margherita Bettoni in ihrem Buch "Alle drei Tage" schreiben.

Angriff auf selbstbestimmtes Leben

Die Soziologin Monika Schröttle, die an der Universität Nürnberg-Erlangen seit langem zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen forscht, sagte dem MDR: "Es sind Tötungsdelikte, bei denen nicht akzeptiert wird, dass die Frau frei ist und ihre eigene Entscheidung trifft. Das Recht auf ein gewaltfreies Leben - auch ohne den Ex-Partner - wird nicht akzeptiert." Wenn ein Täter aber seinem Opfer kein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben zugesteht, stehen dahinter meist "Besitzansprüche und Ungerechtigkeiten aufgrund des Geschlechts", formuliert es Leonie Steinl vom Deutschen Juristinnenbund gegenüber der Deutschen Welle. Das sei die Definition eines Femizids. "Es geht um die strukturelle Ungleichheit, das patriarchale System, in dem wir immer noch leben, auch wenn wir in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern viel erreicht haben", sagt Wössner dazu. Hier gelte es, "als Gesellschaft stetig der historisch gewachsenen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen sowie tradierten Rollenbildern entgegenzuwirken".

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Mit der Unterzeichnung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, der sogenannten Istanbul-Konvention, hat Deutschland bereits 2018 anerkannt, dass Gewalt gegen Frauen "als geschlechtsspezifische Gewalt einen strukturellen Charakter hat" und dass es Handlungsbedarf gibt. Passiert ist seitdem noch nicht viel. Wössner hält wenig von Strafverschärfungen oder "symbolpolitischen Gesetzesänderungen" und hat Sorge, dass der Fokus auf dieses Phänomen gerade für politisch gewollte Strafverschärfungen instrumentalisiert wird. Sie würde sich aber wünschen, dass das Thema viel mehr in der juristischen und polizeilichen Ausbildung berücksichtigt wird. Zudem sei eine wissenschaftliche Aufarbeitung wichtig, so Wössner, um der Politik und der Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten.

Vor allem aber muss es noch mehr Präventionsangebote geben, für Frauen, die sich aus gewaltgeprägten Beziehungen befreien wollen, aber auch für Männer, die möglicherweise Täter werden könnten. "Es ist wichtig zu wissen, dass man mit dem Problem nicht allein ist, dass es Anlaufstellen für Antigewalttrainings gibt, dass es auch finanziert wird. Dort kann man lernen, mit inneren Konflikten oder Kränkungen umzugehen, ohne Frauen dafür verantwortlich zu machen."

Quelle: ntv.de

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