Panorama

Christliche Tradition seit 1823 Fromme Schützen trotzten Nazis, nun Corona

König Günter Hülskötter (l.) und Hauptmann Alfons Konermann beim Emmausgang 1961.

König Günter Hülskötter (l.) und Hauptmann Alfons Konermann beim Emmausgang 1961.

(Foto: Schützenverein "Schütten tho Borchorst")

Ein Schützenverein in Nordrhein-Westfalen bringt seit fast 200 Jahren ein und dieselbe Laterne zu einer Kirche. Brechen die Mitglieder das Gelübde, müssen sie den Kandelaber einem Fürstenhaus zurückgeben. Deshalb findet die Prozession auch zu Corona-Zeiten statt.

Ostersonntag, es ist wieder so weit. Die Messinglaterne, die ein ganzes Jahr in den Räumen der "Prinzen Schützengesellschaft von 1490" im münsterländischen Steinfurt-Borghorst auf ihren Einsatz wartete, ist aus dem Tresor geholt, schön poliert und mit drei Kerzen bestückt worden. Kurz vor Anbruch der Dunkelheit werden sie angezündet und der Kandelaber durch die kleine Gemeinde getragen. Der Weg der Prozession ist ziemlich exakt einen Kilometer lang, er endet am Altar der katholischen Kirche Sankt Nikomedes.

Seit nunmehr 197 Jahren halten die "Schütten tho Borchorst" an dieser Tradition fest. Sie erfüllen damit einerseits ein Gelübde und bewahren andererseits einen christlichen Brauch: den Emmausgang. Er erinnert an den Marsch der Jünger nach Emmaus, einem Ort nahe Jerusalem.

Hauptmann Stephan Knubel-Sicking (r.) entzündet der Kerzen beim Emmausgang 2008.

Hauptmann Stephan Knubel-Sicking (r.) entzündet die Kerzen beim Emmausgang 2008.

(Foto: Schützenverein "Schütten tho Borchorst")

Die Prozession von Borghost ist in doppelter Hinsicht eine besondere. Die Prinzen-Schützen haben keine Ahnung, warum sich ihre Vorgänger 1823 verpflichteten, jedes Jahr am Ostersonntag drei Kerzen zur Kirche zu tragen und zu warten, bis sie niedergebrannt sind. Vor allem aber dürfte es sich um einen frühen Beitrag zur Aussöhnung der beiden christlichen Konfessionen gehandelt haben. "Wir gehen davon aus, dass damit eines der ersten ökumenischen Zeichen in der Region gesetzt werden sollte", sagte Kai Laukemper, Vorsitzender der Prinzen-Schützen. "Schließlich war der Messingkandelaber eine Gabe aus einem durch und durch evangelischen Fürstenhaus an eine durch und durch katholische Gemeinde."

Immer wieder neue Meilensteine

Tatsächlich begründete der protestantische Fürst Alexius zu Bentheim und Steinfurt die Tradition des Borghorster Emmausgangs mit dem Geschenk der Laterne an die damals rein katholische Schützengesellschaft, die Anfang des 19. Jahrhunderts die Aufgabe einer Stadtwache hatte. Warum der Adlige das tat, was sein Motiv dahinter war und weshalb daraus das Gelübde entstand, die drei Kerzen Jahr für Jahr zur St-Nikomedes-Kirche zu tragen, ist nicht überliefert. Fest steht aber: Fällt ein einziger Emmausgang in Borghorst aus, müssen die Prinzen-Schützen die Laterne an das Fürstenhaus zurückgeben. "Es ist sehr seltsam und bleibt vielleicht für immer ein Geheimnis", meint Laukemper. "In den Dokumenten unseres Schützenvereins ist dazu nichts überliefert. Auch Historiker, die schwerpunktmäßig zum Münsterland forschten, fanden es nicht heraus. Aber die Prozession hat für uns auch ohne das Wissen darum eine enorme Bedeutung."

Zum Ausdruck kommt das auch darin, dass die Prinzen-Schützen immer wieder neue Meilensteine des christlichen Miteinanders setzten. Am 190. Jahrestag des Laternenumzugs feierten ihn erstmals Protestanten und Katholiken in ökumenischer Gemeinschaft in der Kirche. Der Emmausgang endete mit einer Andacht beider christlicher Konfessionen. Inzwischen gehörten dem Verein Christen beider Glaubensrichtungen, Muslime und Atheisten an, sagt der Vorsitzende. "Wir sind bunt und weltoffen." Die drei Kerzen stehen übrigens für den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist: Die Dreifaltigkeit gilt als einziges Glaubensbekenntnis, das die Konfessionen verbindet.

Selbst während der zwei Weltkriege soll der Brauch aufrechterhalten worden sein. "Wir wissen von Zeitzeugen, dass die Nazis den Emmausgang schon 1939 ablehnten, aber noch nicht verboten", erklärt Laukemper. "1941 und 1942 wurden die Anfeindungen schlimmer, bevor sich 1943 bewaffnete Nazi-Anhänger sogar versteckt haben, um auf den Laternenträger und sein Gefolge zu warten." Die Teilnehmer der Prozession hätten sich deshalb ebenfalls bewaffnet, um sich wehren zu können. Passiert sei nichts, "auch weil die Bevölkerung vollkommen dahinter stand". In den letzten zwei Kriegsjahren sei der Emmausgang verboten worden. "Zwei Schützenbrüder brachten den Kandelaber mit den drei brennenden Kerzen über Vorgärten und Betriebsgelände bis zur Kirche. Sie riskierten Leib und Leben, um das Gelübde zu erfüllen."

Umzug ohne Menschen und Party

Hauptmann Volker Stockbrink (l.) entzündet die Kerzen in der Emmauslaterne. Schützenkönig Kai Laukemper (r.) hält den Kandelaber fest.

Hauptmann Volker Stockbrink (l.) entzündet die Kerzen in der Emmauslaterne. Schützenkönig Kai Laukemper (r.) hält den Kandelaber fest.

(Foto: Schützenverein "Schütten tho Borchorst")

Der Überlieferung nach soll der Fußweg 1945 zwei Stunden gedauert haben. Normalerweise sind es - in gemächlichem Schritt - gut 20 Minuten. So auch diesen Sonntag. Denn stattfinden soll er auch im Zeitalter von Corona. Die Devise der Prinzen-Schützen lautete: Wen die Nazis nicht stoppen konnten, den hält auch ein Virus nicht auf. Zwar war diskutiert worden, das nach wie vor existierende Fürstenhaus Bentheim-Steinfurt zu bitten, die Gesellschaft für ein Jahr von dem Gelübde zu entbinden. Aber die Idee wurde zugunsten des Versprechens verworfen, "auch in schweren Zeiten alles Mögliche dafür zu tun", der Pflicht nachzukommen.

"Gerade jetzt sollen die Kerzen Hoffnung spenden und vielleicht auch als Licht am Ende des Tunnels gesehen werden", meint Laukemper. Der Verein passte die Tradition den Vorgaben zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus an - auch aus Vorbildfunktion. Gerade Nordrhein-Westfalen hat es heftig erwischt. Während in all den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sich wenigstens 100 Leute an dem Umzug beteiligten, bringen dieses Jahr - in gebührendem Abstand zueinander - nur zwei Leute, Laukemper und der amtierende Schützenkönig, die Laterne zum Altar. "Wir bitten die Anwohner, Kerzen in die Fenster zu stellen und von dort aus zuzusehen, aber bitte auf alle Fälle daheim zu bleiben."

Auch die gemeinsame Feier im Vereinslokal, die eigentlich so lange geht, bis die drei Kerzen heruntergebrannt sind, musste abgesagt werden. Nun ist geplant, den Vorgang über Video im kleinen Kreis auf Facebook zu übertragen. "Wichtig ist für uns, dass der Emmausgang stattfindet und die Tradition nicht unterbrochen wird", sagt Laukemper. "Sonst müssten wir die Laterne zurückgeben. Aber das wollen wir nicht. Ihr ideeller Wert für uns ist unschätzbar."

Quelle: ntv.de