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Endlich wieder Präsenzlehre Generation Z kämpft sich aus Corona-Tief

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Nach drei Semestern Online-Lehre: Studierende dürfen wieder an die Hochschulen zurückkehren.

(Foto: picture alliance/dpa/EUROPA PRESS)

Der Wunsch vieler Studierender scheint sich zu erfüllen: Ab Oktober dürfen sie wieder in die Hörsäle. "Höchste Zeit", sagen sie. Denn die junge Generation Z hat unter den Corona-Beschränkungen gelitten.

Das kommende Wintersemester soll zumindest zum Teil in Präsenz stattfinden. Das vermeldeten in den vergangenen Tagen mehrere Bundesländer. Für viele Studierende dürfte diese Nachricht Sehnsüchte wecken nach Treffen in Uni-Cafés, lebendigen Diskussionen in Seminaren, danach, endlich mal wieder die Kommilitonen "live" zu sehen - vielleicht sogar nach dem mehr oder minder gutem Essen so mancher Mensa. Denn drei Semester Online-Lehre gehen an die Substanz. Ältere Studierende vermissen das Studentenleben, das sie einst hatten und jüngere wollen endlich das erleben, was sie nie kennengelernt haben.

So auch, Anna H. aus Berlin. Die 19-Jährige fing im Corona-Jahr 2020 ein Bachelorstudium an. Nur Online-Vorlesungen, kaum Kontakt zu Kommilitonen und zu Hause bei den Eltern sitzen statt WG-Partys feiern: Studieren hatte sie sich immer ganz anders vorgestellt. "Jeden Tag das Gleiche. Schon beim Laptop-Aufklappen dachte ich: 'Nö, kein Bock jetzt, wirklich.'", erzählt sie ntv.de. "Immer nur auf den Bildschirm starren, ich fand das schon sehr anstrengend." Der Frust hatte Folgen: Schon nach kurzer Zeit zweifelte sie an ihrer Studienwahl Geotechnologie und suchte sich Beratung.

Generation Z hadert mit psychischen Folgen

Wie Anna erging es vielen jungen Menschen in den letzten 18 Monaten. Die Corona-Pandemie wirkt sich auf die Generation Z, also die Jahrgänge 1995 bis 2010, besonders tiefgreifend aus. Das zeigt auch eine aktuelle Studie des Instituts für Generationenforschung: Nur acht Prozent der unter 27-Jährigen empfinden die aktuelle Situation als gar nicht belastend. Bei den über 55-Jährigen sind es immerhin 24 Prozent.

"Für Jugendliche ist ein Jahr ungefähr so lange wie vier Jahre für einen Erwachsenen", erklärt Generationenforscher Rüdiger Maas. "Das liegt an dem autobiografischen Gedächtnis." Besonders neue Erlebnisse würden viel intensiver abgespeichert. Die erste Liebe, die erste WG, das erste Mal auf eigenen Beinen stehen. Diese Erfahrungen hat Corona zum Teil genommen. Was machen gefühlte vier Jahre ohne neue Erlebnisse mit Menschen?

Umfragen zeichnen ein düsteres Bild. Es gibt seit Beginn der Pandemie einen deutlichen Zuwachs an Depressionen und Essstörungen bei der Generation Z. Analysen aus dem deutschen Familienpanel pairfam weisen darauf hin, dass nach dem ersten Lockdown 2020 etwa 25 Prozent der Jugendlichen deutliche Symptome einer Depression aufwiesen. Im Jahr davor waren es nur zehn Prozent.

Maas sieht neben der Isolation auch die Internetnutzung als Problem. Schon zuvor hatte Social Media negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit von jungen Menschen. Im Lockdown waren sie nun noch mehr online. "Die Generation Z ist in vielen Bereichen unsicherer als andere Generationen", sagt Maas. "Corona hat vieles zusätzlich verschlechtert."

So ist auch das Cave-Syndrom bei den Jüngeren viel verbreiteter als bei älteren Generationen. Das Phänomen beschreibt die Angst vor zurückgewonnen Freiheiten nach den Corona-Beschränkungen. Betroffene bleiben lieber zu Hause, obwohl sie sich wieder mit anderen Menschen treffen dürften. Fast die Hälfte der unter 27-Jährigen fühlt sich aufgrund der Lockerungen unter Druck gesetzt, wieder viele Dinge unternehmen zu müssen. Dieser Druck nimmt mit zunehmendem Alter stetig ab. "Mit den negativen Folgen der Corona-Zeit wie beispielsweise dem Cave-Syndrom wird Generation Z noch lange leben müssen", prognostiziert Maas.

Studierende fordern schon lange Präsenzunterricht

Gerade deshalb empfinden es viele als notwendig, so schnell wie möglich in die Präsenzlehre zurückzukehren. Schon im Juni forderte die Initiative "Studieren jetzt!" aus Karlsruhe gut durchdachte Hygienekonzepte an Hochschulen. In dem Schreiben ging es auch um die psychische Belastung: "Durch die Perspektivlosigkeit und das Fehlen sozialer Kontakte wird sich dieses Problem in den nächsten Monaten weiter verschlechtern, sollte nicht bald und effektiv gehandelt werden", heißt es darin.

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Diese Forderungen sollen jetzt endlich umgesetzt werden. Mehrere Bundesländer, darunter Baden-Württemberg, Bayern und Hessen, wollen mit der 3G-Regel eine sichere Rückkehr zur Präsenzlehre ermöglichen. Künftig dürften also Studierende, die geimpft, genesen oder getestet sind, an den Hochschulveranstaltungen vor Ort teilnehmen. Wie gut das in der Praxis funktioniert, muss man sehen. Schließlich werden Corona-Tests ab Oktober nicht mehr kostenlos angeboten.

Auch Anna hofft auf einen Neubeginn im Herbst. Letztes Semester brach sie ihr Studium ab und ging zur Studienberatung. Jetzt hat sie sich für einen anderen Bachelorstudiengang eingeschrieben: Geografie. "Auf Online habe ich keine Lust mehr, da lernt man keine Leute kennen", sagt sie. "Ich würde so gerne Präsenzunterricht haben. Das wäre ein komplett anderes Studieren als ich es bisher kennengelernt habe."

Quelle: ntv.de

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