Panorama

"Opfer von Kolonialismus" Historiker fordert Impfstoff-Hilfen für Namibia

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Der namibische Gesundheitsminister Kalumbi Shangula bei seiner Impfung im April.

(Foto: imago images/Xinhua)

Der Kolonialismus-Forscher Jürgen Zimmerer hält es für ein "Gebot historischer Gerechtigkeit", dass Deutschland Namibia im Kampf gegen Corona unterstützt. Das südafrikanische Land leide unter seiner kolonialen Geschichte und akutem Impfstoffmangel.

Angesichts der sich zuspitzenden Corona-Lage in Namibia fordert der Hamburger Historiker und Kolonialismus-Forscher Jürgen Zimmerer schnelle Impfstoff-Hilfen aus Deutschland. Das sei ein "Gebot historischer Gerechtigkeit", sagte Zimmerer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). In Namibia treffe die Pandemie auf ein Land, "dessen Gesundheitssystem auch aufgrund der kolonialen Geschichte und der bis zur Unabhängigkeit 1990 andauernden Apartheid in der Fläche völlig unzureichend ausgebaut ist".

Namibia habe keinen Impfstoff mehr und keinen Zugang zum kostenlosen Programm der globalen Impfallianz Covax, "da es als Land mittleren Einkommens klassifiziert ist". Namibia werde aufgrund des Durchschnittseinkommens zwar in die mittlere Gruppe eingestuft, das Land sei aber aufgrund der nach wie vor kolonialen Wirtschaftsstruktur Spitzenreiter in der Schere zwischen Arm und Reich, sagte Zimmerer. "Die Opfer von Kolonialismus und Apartheid leiden doppelt und sind nun auch durch Covid massiv gefährdet", betonte der Historiker.

Auch mehrere führende Repräsentanten der Volksgruppe der Herero waren in den vergangenen Wochen nach Corona-Infektionen in Namibia gestorben, darunter sowohl der Chefunterhändler des Versöhnungsabkommens mit Deutschland als auch einer der wichtigsten Kritiker des Abkommens.

"Stärkste Zeichen der Verantwortungsübernahme"

"Dass die drohende medizinische Katastrophe zeitlich zusammenfällt mit dem Abschluss der Regierungsverhandlungen über den Genozid, erfordert schnelles und eindeutiges Handeln der Bundesregierung", sagte Zimmerer dem RND. Die offizielle Unterzeichnung des Versöhnungsabkommens müsse auf Eis gelegt werden, "bis die Herero Zeit hatten, ihre Repräsentanten zu betrauern, neue zu wählen und ihre Haltung zum Abkommen in Ruhe zu bestimmen".

Schnelle Hilfe etwa durch die Bereitstellung von Impfstoff sei nun "ein Gebot historischer Gerechtigkeit", betonte der Historiker. "Es wäre das stärkste Zeichen der Verantwortungsübernahme durch Deutschland, wenn es nun alles Erdenkliche unternehmen würde, um den Erhalt der überlebenden Herero und Nama in der Gegenwart zu schützen." Die Unterstützung dürfe sich nicht auf die beiden Gruppen beschränken, da alle schwarzen Namibierinnen und Namibier unter der Kolonialherrschaft und dem durch das Deutsche Reich eingeführten "Rassenstaat" gelitten hätten.

1,5 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft

In Namibia sind nach Angaben der in der US-Stadt Baltimore ansässigen Johns-Hopkins-Universität erst knapp 1,5 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Ende Mai war bekannt geworden, dass Deutschland die Verbrechen deutscher Kolonialtruppen an den Volksgruppen der Herero und Nama im heutigen Namibia Anfang des 20. Jahrhunderts offiziell als Völkermord anerkennen und die Nachkommen der Opfer um Entschuldigung bitten wird. In dem Versöhnungsabkommen vorgesehen sind außerdem deutsche Wiederaufbauhilfen in Höhe von 1,1 Milliarden Euro. Das Geld soll vor allem in den Siedlungsgebieten der Herero und Nama eingesetzt werden.

Der Einigung zwischen Berlin und Windhoek waren mehr als fünfjährige Verhandlungen vorausgegangen. Von einigen Vertretern der Herero und Nama wird die Vereinbarung jedoch scharf kritisiert. Unter anderem beanstanden sie, dass Deutschland den Nachfahren der Opfer keine direkte Entschädigung zahlt.

Quelle: ntv.de, mbe/AFP

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