Politik

Völkermord-Entschädigung Herero und Nama sind wütend

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Dem namibischen Unterhändler Zed Ngavirue wird ein Ausverkauf der Interessen von Herero und Nama vorgeworfen.

(Foto: Hitradio Namibia)

Während die Bundesregierung die Anerkennung des Völkermords an den Herero und Nama als "wichtigen Schritt" sieht, wird die Einigung in Namibia von den Betroffenen abgelehnt. Vertreter der Herero und Nama fühlen sich übergangen, sie fordern direkte Zahlungen aus Deutschland statt erhöhte Entwicklungshilfe an die Regierung in Windhoek.

Das geplante Versöhnungsabkommen mit Deutschland sorgt in Namibia für Spannungen und Proteste. Die Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama lehnen die Einigung entschieden ab - und kritisieren sowohl die namibische als auch die deutsche Regierung scharf.

Am Freitag waren Vertreter der beiden Bevölkerungsgruppen in der Hauptstadt Windhoek auf die Straße gegangen, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die in Aussicht gestellten Hilfsgelder in Höhe von 1,1 Milliarden Euro über 30 Jahre betrachten sie als "ungerecht". Auf diesen Betrag hatten sich die Regierungsdelegationen nach jahrelangen Verhandlungen geeinigt. Das Geld soll in Projekte aus Bereichen wie der Landwirtschaft und Infrastruktur fließen. Zudem erkennt Deutschland die Kolonialverbrechen an den Nama und Herero zwischen 1904 und 1908 als Völkermord an.

Zwei Organisationen der betroffenen Bevölkerungsgruppen wollen dieser Einigung nicht zustimmen. Die Ovaherero Genocide Foundation (OGF) und die Nama Traditional Leaders Association (NTLA) verlangen stattdessen direkte Reparationszahlungen sowie die Rückgabe der Ländereien, die vor dem Genozid noch ihnen gehörten. Mit einer Petition haben sie sich an Präsident Hage Geingob, die deutsche Botschaft sowie das namibische Parlament gewandt. Die namibische Regierung solle das Abkommen mit Deutschland ablehnen, heißt es darin. In einem weiteren Schreiben bekräftigt auch das Herero-Oberhaupt Vekuii Rukoro "unsere Forderung nach Gerechtigkeit, ohne die wir niemals von der Knechtschaft des Völkermordes befreit sind".

Am Sonntag meldeten sich zudem die Oberhäupter mehrerer traditioneller Königshäuser zu Wort. Das Angebot Deutschlands sei "verletzend", hieß es von ihnen. Anders als die Demonstrierenden am Freitag nannten sie auch eine konkrete Summe: Sie verlangen 8 Billionen Namibia-Dollar von der Bundesregierung, umgerechnet rund 476 Milliarden Euro. Der Betrag soll über einen Zeitraum von 40 Jahren direkt an die Betroffenen ausgezahlt werden. Die geforderte Summe sehen die Oberhäupter offenbar als Kompromiss. Ursprünglich habe man das Doppelte im Sinn gehabt. Dabei stützen sie sich auch auf die Entschädigungen, die Deutschland an Holocaust-Überlebende gezahlt hat. Seit 1952 hätten die Betroffenen in Form von Renten und Sozialhilfen mehr als 71 Milliarden Euro erhalten.

"Deutschland sieht das als PR-Coup"

Die traditionellen Oberhäupter der Herero und Nama stören sich nicht nur an der Höhe der in Aussicht gestellten Summe. Sie fühlen sich zudem übergangen. "Die namibische Regierung hat uns nicht rechtzeitig über das Angebot von deutscher Seite informiert", sagt etwa Chief Manasse Zeraeua. Man habe keine Gelegenheit gehabt, sich mit den Gemeinden abzustimmen und sich "ihren Segen einzuholen". Bis das geschehen sei, solle das Angebot Deutschlands auf Eis gelegt und die endgültige Unterzeichnung des Abkommens verschoben werden.

Auch die deutsche Regierung steht in Namibia zum Teil heftig in der Kritik. "Deutschland sieht das alles entweder als PR-Coup und erpresst Namibia, oder es betrachtet die namibische Regierung als Marionetten", beklagte das frühere Kabinettsmitglied Kazenambo Kazenambo am Wochenende im Gespräch mit der Tageszeitung "The Namibian". Deutschland habe während des gesamten Verhandlungsprozesses keinerlei Feingefühl gezeigt. Die Verhandlungsführer beider Seiten seien "Clowns", so Kazenambo.

Seit 2015 hatten Delegationen der beiden Regierungen miteinander verhandelt, nach der neunten Runde konnten die Vertreter am Freitag eine gemeinsame Erklärung vorweisen. "Vertreter der Gemeinschaften der Herero und Nama waren auf namibischer Seite in die Verhandlungen eingebunden", heißt es auf der offiziellen Website des deutschen Außenministeriums. Die Organisationen der betroffenen Bevölkerungsgruppen sehen das anders. Zwar hatte die namibische Regierung mit Zed Ngavirue einen Sondervermittler ernannt, der selbst zu den Herero zählt. Der Unmut über den früheren Diplomaten ist jedoch groß. Kritiker werfen Ngavirue vor, im Interesse der Regierung gehandelt und einem "Ausverkauf" zugestimmt zu haben. Der namibische Chefverhandler weist die Anschuldigungen lokalen Medien zufolge zurück - schließlich sei er anfangs sogar als idealer Vertreter der Herero gefeiert worden.

Heiko Maas will demnächst nach Windhoek reisen

Auch Ngavirues Gegenüber, der CDU-Politiker Ruprecht Polenz, hält die Kritik an der Zusammensetzung der Delegationen für unbegründet. Vermittler aus beiden Bevölkerungsgruppen seien vertreten gewesen, sagte er der Deutschen Welle. "Wir können der namibischen Regierung nicht vorschreiben, diese oder jene Person in die Delegation aufzunehmen", fügte Polenz hinzu, "das wäre ein kolonialistischer Ansatz".

Die namibische Regierung hält sich derweil bedeckt. Ursprünglich wollte sich Präsident Hage Geingob nach einer Einigung mit Deutschland bei einem persönlichen Treffen direkt an die Betroffenen wenden. In der vergangenen Woche wurde Geingob jedoch positiv auf das Coronavirus getestet, seither befindet er sich in Quarantäne. Über seinen Sprecher hatte er am Freitag ausrichten lassen, dass das geplante Versöhnungsabkommen ein "erster Schritt in die richtige Richtung" sei. Ministerpräsidentin Saara Kuugongelwa-Amadhila soll sich voraussichtlich in der kommenden Woche zu den Verhandlungen äußern.

Währenddessen will die deutsche Regierung Prozess möglichst schnell aabschließen. Womöglich noch im Juni will Außenminister Heiko Maas nach Windhoek reisen, um die Erklärung zu unterzeichnen. Im darauffolgenden Schritt muss sie durch beide Parlamente ratifiziert werden. Sollte das gelingen, soll Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt in Windhoek offiziell um Verzeihung für den Völkermord bitten.

Von 1884 bis 1915 war das heutige Namibia eine deutsche Kolonie. Aufstände der existenzbedrohten Einheimischen schlug die deutsche Schutztruppe unter Lothar von Trotha brutal nieder. Im Jahr 1904 erließ der General den sogenannten Schießbefehl: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." In den darauffolgenden Jahren bis 1908 ermordeten kaiserliche Truppen Schätzungen zufolge etwa 65.000 von 80.000 Herero und mindestens 10.000 von 20.000 Nama.

Eine gemeinsame Erklärung bedeute kein Schlussstrich unter diese Vergangenheit, sagt Außenminister Maas. "Die Anerkennung der Schuld und unsere Bitte um Entschuldigung ist aber ein wichtiger Schritt, um die Verbrechen aufzuarbeiten und gemeinsam die Zukunft zu gestalten."

Quelle: ntv.de

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