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Virologe Stöhr im Interview "Das Ende der Pandemie naht"

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Die WHO schätzt, dass sich bis Ende März 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der EU mit Corona infizieren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit 100.000 Neuinfektionen pro Tag ist die fünfte Welle längst da. Hinter den Zahlen steht Omikron. Im Interview mit ntv.de erklärt der Virologe Klaus Stöhr, wieso diese Virus-Variante der Anfang vom Ende der Pandemie ist und wie eine mögliche "Exit"-Strategie aussehen könnte.

ntv.de: Inzidenzen von mehr als 1000, Neuinfektionen pro Tag um die 100.000. Die fünfte Welle ist da. Was sagen uns diese Zahlen?

Klaus Stöhr: Im Zusammenhang mit dem stabilen oder abnehmenden Hospitaliserungsindex: Das Ende der Pandemie naht. Die Meldeinzidenz hat sich doch vollständig abgekoppelt von der eigentlichen Krankheitslast. Die Zahl der Patienten in den Kliniken verringert sich ja in den letzten Tagen sogar.

Die WHO schätzt aber, dass sich bis Ende März 50 Prozent der Bürgerinnen und Bürger der EU mit Corona infizieren. Darunter werden auch viele Geimpfte, viele Geboosterte sein.

Richtig. Und das könnte der Weg für jeden Einzelnen aus der Pandemie sein, vor allen den Vulnerablen: sich erst impfen lassen und bei der unvermeidbaren Infektion danach besser geschützt sein. Infizieren werden sich sowieso ausnahmslos alle; das war am Anfang der Pandemie schon sicher. Steuern kann und sollte man die Infektion natürlich nicht. Das Impfen schon. Im Paket, Impfung und dann noch Infektion draufsatteln, so wird man einen lang anhaltenden Immunschutz gegen Corona haben. Boostern wird dann nur noch für die Vulnerablen im Herbst empfehlenswert sein.

Hinter den Neuinfektionen steht Omikron. Diese Corona-Variante ist jetzt vorherrschend. Sie sprechen von Entkopplung. Wieso ist Omikron denn der Anfang vom Ende der Pandemie?

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Klaus Stöhr ist Virologe und Epidemiologe. Während seiner 15-jährigen Tätigkeit für die Weltgesundheitsorganisation war er unter anderem Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator.

(Foto: imago images/teutopress)

Omikron ist jedenfalls der eine Teil, der uns Richtung Ende der Pandemie bringt. Das Virus vermehrt sich nicht mehr so häufig in der Lunge sondern im Nasen-Rachenraum. Dadurch steigt die Übertragungfähigkeit aber die schweren Verläufe reduzieren sich. Das ist typisch für ein endemisches Virus.

Sind sie deshalb so entspannt?

Das trifft es nicht. Es wird noch sehr viele schwere Erkrankungen geben bis zum Winterende. Das wäre mit mehr Impfungen und dem besseren Infektionsschutz der Älteren in der stationären und mobilen Altenpflege partiell vermeidbar gewesen. Aber die nicht aufzuhaltenden Verbreitung des Virus ist eine Realität des Naturereignis "Pandemie", das man nicht verhindern, dessen Folgen man aber reduzieren kann. Aber: Ein entscheidender Schritt in Richtung Endemie ist die Omikron-Variante. Sie bewirkt nach jetzigem, belastbaren Kenntnisstand aus vielen Ländern deutlich mildere Krankheitsverläufe sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern.

Das war ja das Ziel. Dass die Infizierten nicht mehr im Krankenhaus landen. Warum ist die Pandemie dann aber nicht jetzt schon am Ende?

Weil es noch sehr viele Ungeimpfte gibt. Immerhin noch rund zwei bis drei Millionen aus der Hochrisikogruppe der über 60-Jährigen. Und man kann es nicht oft genug sagen: Auf den Intensivstationen landen in überwiegendem Maße ungeimpfte Menschen, davon viele über 60-Jährige.

Was ist der andere Aspekt, der uns Richtung Ende der Pandemie bringt?

Die natürliche Immunisierung. Die Impfung allein ist hochwirksam um schwere Verläufe zu minimieren. Sie allein wird aber für die allermeisten Menschen nicht ausreichen für einen langanhaltenden und breiten Immunschutz; und ständiges Boostern ist nicht nur keine Alternative sondern bald auch unnötig durch die jetzt sehr schnell einsetzende allgemeine natürliche Immunisierung. Jeder wird sich mittel- bis langfristig infizieren. Und das zusammen, Impfung und Infektion, ist das Exit-Ticket aus der Pandemie.

Und wann ist die Pandemie dann, zeitlich, zu Ende?

Epidemiologisch dann, wenn die Auswirkungen von Corona vergleichbar sind mit anderen Atemwegsinfektionen, der Grippe zum Beispiel. Wenn die Zahl und Schwere der Erkrankungen, die Corona verursacht, so sind, dass wir sie als Gesellschaft akzeptieren und als "normal" einstufen. Der Schritt zur Verhältnismäßigkeit muss aber auch auf einer anderen Ebene vollzogen werden. Das Bild mit der Mutter auf dem Fahrrad und dem Kind dahinter mit Maske aber ohne Helm verdeutlicht gut, dass es noch unter Umständen ein weiter Weg sein könnte, bis sich die Risikowahrnehmung wieder angepasst hat.

Wie meinen Sie das?

Die Frage nach dem Ende der Pandemie ist nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine mentale. Die Pandemie wird zur Endemie im Kopf. Wenn die Menschen, auch die Politik in ihrer Kommunikation, bereit sind, diesen Schritt auch in ihrem Blickwinkel zu gehen.

Und das ist im Sommer der Fall?

Für den epidemiologischen Teil auf jeden Fall.

Was macht Sie so sicher?

Die vorliegenden Erfahrungen aus vorangegangenen Epidemien und mit anderen Atemwegserkrankungen aus den letzten Jahrzehnten. Denn jetzt werden sich viele natürlich immunisieren und wichtiger, hoffentlich noch viele impfen lassen. Im Sommer sinkt der Infektionsdruck um das circa 10- bis 15-Fache im Vergleich zum Winter. Es wird also sehr entspannt sein.

Sie fordern nun eine "Exit"-Strategie. Wie könnte, sollte die aussehen. Einfach alles laufen lassen offenbar nicht?

Einfach laufen lassen natürlich nicht. Exit heißt nicht, Schulter zucken und alles egal. Exit bedeutet, die Maßnahmen an die sich verändernde Situation anpassen. Das Virus und die Krankheitsverläufe haben sich verändert und die meisten Menschen sind geimpft. Mit welcher Begründung will man so weitermachen wie bisher? Die Maßnahmen müssen überprüft und angepasst werden und verhältnismäßig sein.

An welche Bespiele denken Sie?

Brauchen wir in Niedersachsen, wo die 2G-Regel offensichtlich keinen epidemiologischen Effekt hatte, weiterhin diese Beschränkungen für den Einzelhandel? Das gleiche gilt für die Gastronomie. Die Häufigkeit, dass Restaurants als Quelle von Infektionen ausgemacht wurden in den letzten beiden Jahren, liegt bei 0,043 Prozent.

Was ist mit den Schulen, bei den Jüngeren sind die Inzidenzen sehr hoch?

Hier gilt das Gleiche. Welche gesundheitlichen Auswirkungen haben hohe Inzidenzen in Schulen? Sind sie Infektionsquellen für Vulnerable? Mit welchem Effekt wird drei mal pro Woche getestet? Sind Masken für Schülerinnen und Schüler noch angemessen und was bezwecken sie wenn man realisiert, dass das Virus offensichtlich breit in der Population zirkuliert? Dänemark hat, bei deutlich höheren Inzidenzen, unter Beobachtung die Maskenpflicht an den Schulen abgeschafft und wird jetzt noch weiter lockern. Dort ist die Impfdecke höher aber höchstwahrscheinlich auch der Realitätssinn.

Bleibt noch der Aspekt Long Covid. Viele Eltern, viele Bürgerinnen und Bürger haben Sorge, dass selbst mild verlaufende oder sogar unbemerkte Corona-Infektionen langanhaltende Schäden verursachen.

Ja, es gibt Langzeitfolgen durch SARS-CoV-2, besonders bei älteren Menschen und Patienten nach schweren Verläufen. Daten aus verschiedenen Ländern legen nahe, dass Long Covid unter Umständen genauso häufig bei Sars-CoV-2 auftritt wie bei anderen Atemwegsinfektionen. Also Long Influenza bei einer Influenza-Infektion. Es gibt diese Langzeitfolgen auf alle Fälle, aber es ist eben keine Besonderheit von Corona und wird wahrscheinlich mit der Omikron und den nachfolgenden Varianten noch weniger werden. Auch hier müssen wir einen Weg finden, mit diesem Risiko umzugehen.

Gesundheitsminister Lauterbach sagt, wir müssen auch in Zukunft mit gefährlichen und hoch ansteckenden Varianten rechnen. Sehen Sie das auch so?

Also, Herr Lauterbach hat öfter mal seine eigenen Ideen, die sich dann, nicht sehr selten, in das Gegenteil verkehren.

Also Sie glauben nicht an weitere fiese Mutationen?

Es ist tatsächlich so: Das Virus wird sich weiterhin anpassen an den Menschen, in der Regel – und da gibt es, meiner Kenntnis nach, keine Ausnahme – haben sich alle Viren, die von Tieren auf den Menschen übergesprungen sind, sukzessiv so anpassen müssen, dass sie beim Menschen auch weiter zirkulieren. Eine Voraussetzung dafür ist, den Wirt …

… also uns Menschen …

… nicht zu stark zu schädigen, so dass man, solange dieser Wirt lebt, als Virus auch noch weiterverbreitet werden kann. Balance muss sich einstellen, zwischen Wirt, Umwelt und Erreger, und dazu gehört in der Regel, dass das Virus sich vielleicht stärker ausbreitet, aber den Wirt weniger beeinträchtigt.

Wie bei Omikron?

Genau. Omikron vermehrt sich vornehmlich im Nasen-Rachenraum und weniger im unteren Atemtrackt. Dadurch wird das Virus natürlich einfacher übertragen. Aber gleichzeitig wird die Lunge nicht so stark beschädigt und dadurch lebt der Wirt länger.

Und weitere Varianten werden sich in diese Richtung weiter optimieren?

Davon ist auszugehen. Das wäre ein evolutionärer Vorteil. Und ich kann nicht sehen, dass sich hier plötzlich wieder stärker krankmachende Varianten entwickeln. Die Evolution quasi einen Rückschritt macht. Was aber passieren wird, ist, dass die nächsten Varianten den Immunschutz partiell unterlaufen können, so wie wir das bei der Influenza sehen. Für deren Überwachung gibt es ein globales Netzwerk; diese Viren verändern sich auch periodisch.

Das globale Netzwerk der WHO für die Influenza haben Sie ja über viele Jahre geleitet. Das Ziel ist für die jährlichen Grippe-Impfungen immer die aktuellen Influenza-Virus-Varianten im Impfstoff zu haben. Gilt das dann auch für Sars-Cov-2?

Das ist gut vorstellbar, vor allem wenn die Corona-Schutzimpfung im Herbst für alle diejenigen, die vulnerabel sind, das richtige Mittel werden würde; genau wie bei der Influenza. Es könnte aber auch möglich sein, dass eine Impfung ab dem nächsten Jahr überhaupt nicht mehr erwogen wird so wie bei den jetzt schon bekannten vier Coronaviren des Menschen.

Wenn jetzt die Verläufe milder werden und das Risiko sinkt, sollte man dann auch die Nachverfolgung stoppen und damit Ressourcen sparen?

Das ist eine Frage der Rationalität. Was macht denn überhaupt noch Sinn? In England und der Schweiz sind bereits jetzt die Mehrzahl der positiven Coronabefunde in den Krankenhäusern Zufallsbefunde.

Sie meinen, die Patienten kommen eigentlich wegen anderer Krankheiten oder einem Beinbruch oder Nierensteinen in die Klinik.

Genau. Und dann wird festgestellt, dass sie, also bisher unbemerkt, auch mit Corona infiziert sind. Das sind Zufallsfunde. Das Virus zirkuliert also sehr weitflächig und da ist meines Erachtens die Kontaktnachverfolgung durch die Gesundheitsämter immer weniger sinnvoll und auch in der Breite gar nicht mehr zu stemmen.

Macht sie denn überhaupt noch Sinn? Also selbst wenn wir die Kapazitäten, das Personal hätten?

Ich glaube nicht. Welche Wirkung hat sie denn noch? Und auch die Quarantäne von Personen, die Virus ausscheiden, als Teil von ganz, ganz vielen anderen Menschen, die gar nicht gefunden werden, weil sie mild und asymptomatisch erkranken, die auch Viren ausscheiden, auch die Quarantäne muss schnell auf den Prüfstand genauso wie die Teststrategien.

Quarantäne macht auch keinen Sinn mehr?

Zunehmend weniger. Auch 2G plus muss man jetzt sehr schnell überdenken. Welche Wirkung kann man hier mit welchem Aufwand erreichen? Was sind die Kollateralschäden für die Wirtschaft? Inwieweit motiviert das zur Impfung oder erreicht man das Gegenteil? Und der Übergang zur Normalität am Pandemieende ist fließend, man muss also stufenweise deeskalieren, das hat Herr Streeck richtig gesagt. Aber man muss sich auf diesen Übergang jetzt vorbereiten, das ist jetzt absolut notwendig.

Keine Nachverfolgung, keine Quarantäne, kein 2G plus. Und die Impfpflicht?

Wenn Sie das rein aus epidemiologischen und medizinischen Gesichtspunkten sehen, dann macht sie Sinn: Jeder, der geimpft ist, reduziert sein Erkrankungs-Risiko. Und das Risiko für andere übrigens auch.

Ich höre ein "Aber"?

Ja, denn es gibt Alternativen, die man sich genauso intensiv wie die Impfpflicht auf Ihre Wirkung für die Erhöhung der Impfrate und ihre Vor- und Nachteile anschauen muss. Man könnte sich ja auch auf die Altersgruppen mit der größten Krankheitslast konzentrieren und auch eine nur temporäre Impfpflicht erwägen. Fundamental kommt aber eine wie auch immer geartete Impfpflicht in diesem Winter zu spät. Und für die Atemwegserkrankungen im Winter 2022/2023 wird sie vermutlich nicht mehr notwendig sein.

Sie möchten Corona also jetzt in eine neue Normalität transformieren. Viele Menschen werden Ihnen zustimmen. Aber Was sagen Sie den vielen Menschen, die einfach Angst haben? Angst vor Corona.

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Das kann ich sehr gut verstehen. Es sind mehr als 115.000 Menschen in Deutschland an oder mit Corona gestorben. Über fast zwei Jahre hinweg wurde in meinen Augen exzessiv über Infektionen berichtet und nicht selten die Verhältnismassigkeit aus dem Auge verloren. Die Angst vor einem unsichtbaren Virus hat die Rationalität vieler Menschen, einschließlich Journalisten, Politiker und Wissenschaftler beeinflusst. Die Kommunikation einiger, weniger mit der praktischen Seuchenbekämpfung sondern mehr mit der Grundlagenforschung vertrauter Wissenschaftler hat auch nicht unbedingt zur Beruhigung der Situation beigetragen. Von einigen wenigen Politikern ganz zu schweigen. Aber ich ermuntere einen Schritt zurückzutreten und mit dem Auge auf das Wissen über Pandemien und Atemwegserkrankungen und des Vergleichs mit andere Lebensrisiken etwas nüchterner auf Corona und die Risiken, die mit Corona verbunden sind, zu schauen. Wenn Omikron etwas Gutes hat, dann das die Variante helfen wird, die Schrecken der Pandemie langsam hinter uns zu lassen und mit dem Wissen einer zuverlässigen Impfung für die Vulnerablen langsam zur Normalität zurück zu gelangen.

Mit Klaus Stöhr sprach Tilman Aretz

Quelle: ntv.de

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