Panorama

Angekettetes Mädchen verdurstet IS-Rückkehrerin droht Haft für Versklavung

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Die Angeklagte Jennifer W., die sich der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak angeschlossen haben soll, zweifelt den Tod des Kindes an.

(Foto: picture alliance/dpa)

In München fällt das Urteil in einem weltweit einzigartigen Prozess: Erstmals soll ein Kriegsverbrechen an Jesiden strafrechtlich verfolgt werden. Die IS-Anhängerin Jennifer W. ist wegen Versklavung mit Todesfolge angeklagt - sie soll eine Fünfjährige ohne Trinkwasser in der Sonne angekettet haben.

Nach zweieinhalb Jahren soll am Montag vor dem Oberlandesgericht in München der deutschlandweit erste Prozess gegen eine IS-Rückkehrerin enden. Der inzwischen 30 Jahre alten Angeklagten Jennifer W. droht wegen des Todes eines fünf Jahre alten jesidischen Mädchens eine lebenslange Haftstrafe, wenn es nach der Bundesanwaltschaft geht.

W. und ihre Verteidiger halten die Vorwürfe dagegen zum großen Teil für falsch - geht es nach ihnen, soll die Frau aus Lohne in Niedersachsen bald wieder freikommen. W.s Fall ist unter mehreren Aspekten besonders, aus einem Grund heraus wird er auch weltweit beachtet: Das als Sklavin von W. und deren Mann, einem Kämpfer der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS), gehaltene Mädchen gehörte zur vom IS verfolgten religiösen Minderheit der Jesiden. Der Prozess soll der weltweit erste sein, in dem ein Kriegsverbrechen an Jesiden verfolgt wird.

Eine weitere Besonderheit des Verfahrens ist, dass es auch um eine konkrete Gewalttat geht. Oft sollen die freiwillig in den Irak oder nach Syrien gereisten deutschen Frauen von IS-Kämpfern vor allem den Haushalt erledigt und mit ihnen eine Familie gegründet haben. W. soll dagegen nach ihrer Reise in den Irak in die IS-Gebiete um Mossul und Falludscha mit einer Kalaschnikow bewaffnet selbst Teil der Sittenpolizei gewesen sein. Im Sommer 2015 soll sie dann mit ihrem seit April 2020 in Frankfurt am Main vor Gericht stehenden Mann Taha Al-J. auf einem Sklavenmarkt das in Kriegsgefangenschaft genommene Kind und dessen Mutter gekauft haben.

W. sieht sich als Opfer

Als sich das erkrankte Kind einnässte, soll es ihr Mann zur Strafe bei über 40 Grad Celsius Hitze ohne Trinkwasser in der Sonne angekettet haben. Das Kind soll verdurstet sein, W. soll nichts dagegen unternommen haben. Die Bundesanwaltschaft wirft der Deutschen vor, dass sie das Kind hätte befreien und so den Tod des Mädchens hätte verhindern können. Strafrechtlich geht es bei ihr um verschiedene Taten nach dem Völkerstrafgesetz, darunter Versklavung mit Todesfolge sowie um Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Sollte das Gericht der juristischen Einschätzung der Bundesanwaltschaft folgen, wird es als Urteil mit großer Wahrscheinlichkeit eine lebenslange Haftstrafe für W. verhängen.

In ihrem letzten Wort ging W. wohl auch wegen der drohenden Höchststrafe in die Offensive. Sie sieht sich als Opfer der hiesigen Justiz, zu Unrecht verfolgt für nicht bewiesene Verbrechen. So zweifelt W. an, dass das Kind überhaupt gestorben sei. Die Mutter des Kindes, die in München aussagte, sieht sie als unglaubwürdig an. Tatsächlich äußerte sich die als Kronzeugin in dem Verfahren aufgetretene Mutter zum Teil widersprüchlich. W. äußerte außerdem Zweifel an der Annahme der Ankläger, sie hätte sich gegen ihren Mann zur Wehr setzen und eigenständig das Kind befreien können.

Nach dem Plädoyer der Verteidigung soll W. nur zwei Jahre Haft auf Bewährung bekommen, weil sie den IS unterstützt habe. Falls das Gericht den Verteidigern und nicht der Bundesanwaltschaft folgt, käme W. womöglich noch am Tag des Urteils frei, weil sie schon deutlich länger als zwei Jahre in Untersuchungshaft sitzt. Die jesidische Gemeinschaft wartet mit Spannung auf das Urteil - und auch auf das derzeit für Ende November erwartete Urteil gegen W.s Mann in Frankfurt.

Quelle: ntv.de, lve/AFP

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