Panorama

Intensivmediziner Janssens "Impfungen helfen nur langfristig"

Der verschärfte Lockdown soll dem unkontrollierten Infektionsgeschehen entgegenwirken. Doch Intensivmediziner Uwe Janssens rechnet weiterhin mit einer steigenden Zahl belegter Intensivbetten. Die Virus-Mutation aus Großbritannien könnte zudem ein "gravierendes Problem" darstellen.

ntv: Herr Janssens, die Zahlen, die wir heute gemeldet bekommen, sowohl bei den Neuinfektionen als auch bei den Todeszahlen, sind wieder besorgniserregend hoch. Auf den Intensivstationen gibt es seit Wochen schon volle Auslastung der Betten. Können Sie uns schildern, wie die Lage aktuell ist?

Uwe Janssens: Die ist natürlich weiterhin extrem angespannt, das ist das Ergebnis der Monate November und Dezember. Trotz des Lockdowns, der ja, muss man sagen, dann eingezogen wurde. Da lagen dann noch die Weihnachtstage dazwischen und man hatte auch nicht den Eindruck, dass im Vorfeld die Menschen die Hinweise, Kontaktierungen möglichst zu unterlassen, beachtet haben. Wir hatten die Städte voll in der Weihnachtszeit. Ich glaube, diese Summe hat dazu beigetragen, dass wir uns hier weiterhin auf einem unerfreulich hohen Niveau der Infektionszahlen bewegen und leider, das ist das Allerschlimmste, auch diese hohen Sterberaten zu beklagen haben.

Wie lange halten Sie das in Ihrer Klinik durch?

In unserer Klinik, wie woanders auch, halten wir das durch. Die Pflegekräfte sind weiter extrem motiviert. Ich habe meine Kollegen aber mehrfach darauf hingewiesen, dass natürlich diese Dauerbelastung irgendwann vielleicht auch mal ein Ende finden muss. Irgendwann muss man auch entspannen können und mal nicht die Station jeden Tag ganz voll haben. Und diese schwer kranken Covid-19-Patienten, die ja zu der normalen Behandlung der anderen schwerkranken Patienten hinzugekommen sind, sind wirklich sehr betreuungsintensiv. Das fordert alle Beteiligten noch mehr heraus.

Was ist jetzt das Ziel?

Wir müssen, und das ist ganz klar, endlich von diesen hohen Infektionszahlen herunter. Nur das hilft uns auf allen Ebenen. Die Impfungen, die ja jetzt eingesetzt haben, werden uns im Moment an dieser Stelle überhaupt nicht helfen, sondern nur langfristig eine Lösung des Problems darstellen.

Sind Sie insofern froh, dass der Lockdown gestern verlängert und sogar verschärft worden ist?

Ich bin mal ganz ehrlich: Die einzige Verschärfung der Lockdown-Maßnahmen, die ich hier sehe, ist die Verschärfung bei den Kontakten. Ein Haushalt plus eine Person. Wer wird das überwachen, wie wird das überwacht und werden sich die Leute daran halten? Trotz aller unserer Ermahnungen und vor allem Bitten, es sind ja Bitten gewesen, haben die Leute sich leider Gottes nicht daran gehalten. Das stimmt uns schon ein bisschen traurig, denn das ist Ausgangspunkt von vielen weiteren Infektionen.

Also befürchten Sie tatsächlich, dass die Anzahl der belegten Intensivbetten und der Menschen, die mit Covid-19 kommen, noch steigt?

Man muss es befürchten, wenn man die Bilder gesehen hat und sich vorstellt, wie viele Kontakte untereinander stattgefunden haben. Wir wissen ja auch noch gar nicht, ob die britische Mutation schon bei uns angekommen ist. Einzelne Hinweise gibt es ja schon darauf, dass diese deutlich infektiöser ist. Wenn das noch dazukommt, dann haben wir tatsächlich noch ein gravierenderes Problem. Also, im Moment kann von Entspannung keine Rede sein.

Sie haben vorhin Großbritannien angesprochen. Was denken Sie, wenn Sie die Bilder der Krankenwagen sehen, wo Patienten vor den Kliniken behandelt werden müssen, weil drinnen alles voll ist? Bereitet das Ihnen Sorge?

Die Situation in Großbritannien ist Ausdruck eines Gesundheitssystems, das tatsächlich seit Jahren an der falschen Ecke gespart hat. Das ist Entscheidung eines ganzen Landes, einer ganzen Gesellschaft, sein Gesundheitssystem so aufzubauen. Dazu muss man ja nichts mehr sagen. Die Anzahl der Intensivbetten, der Krankenhausbetten und der Möglichkeiten der Versorgung sind halt nicht auf eine Pandemie eingestellt.

Wo genau liegt der Unterschied zu Deutschland?

Wir sehen den Unterschied zwischen Deutschland und Großbritannien. Wir haben 34 Intensivbetten auf 100.000 Einwohner, Großbritannien liegt bei 10 auf 100.000. Das ist dramatisch viel weniger, und dann wundern einen solche Bilder angesichts einer so dramatisch hohen Infektionslage nicht. Man sieht es doch jetzt ganz eindeutig. Die Kritiker der Lockdown-Maßnahmen sollen bitte einmal nach Großbritannien schauen, das ist doch ein Ergebnis einer Politik, die dahingeschlingert ist, die das lange ignoriert hat.

Harte Lockdown-Maßnahmen sind also unausweichlich?

Schauen wir nach Schweden: Jetzt wird dort von dem bisherigen Weg abgewichen. Jetzt ist erkannt worden, dass die Sterberaten da so hoch sind. Vor allen Dingen die alten Leute sind da gestorben, sodass jetzt ein kompletter Kurswechsel vorgenommen wird in Richtung tatsächlich stärkerer Maßnahmen, die dann dem Weg Deutschlands und anderer Länder folgen.

Deutschland diskutiert im Moment über das Impfen, auch über Impfstoffbeschaffung. Wie ist das denn in den Krankenhäusern, ist da der Impfstoff schon angekommen? Sprich, konnten Ärzte und Pfleger schon geimpft werden?

Wir werden in NRW voraussichtlich in der Kalenderwoche drei dieses Jahres mit den Impfungen auch in den Krankenhäusern beginnen. Das ist eine Entscheidung, die ist getroffen worden und die will ich auch gar nicht diskutieren. Es ist richtig, dass die vulnerablen Populationen zunächst geimpft werden, damit sie geschützt werden.

Aber dann kann es direkt losgehen?

Wir in den Krankenhäusern warten jetzt darauf und müssen uns, ich sage es Ihnen ganz ehrlich, darum bemühen, dass die Pflegekräfte und Ärzte sich auch alle impfen lassen. Wie Sie wissen und gehört haben, gibt es da ja auch Zweifler. Auch die müssen mitgenommen werden, das heißt, auch hier müssen wir sicherstellen, dass die Durchimpfung in den Krankenhäusern maximal ist und sich hoffentlich über 70, 80, 90 Prozent der Mitarbeiter im Gesundheitswesen impfen lassen.

Es gibt eine neue Entwicklung eines Medikaments von Astrazeneca, welches in Großbritannien bereits getestet wird. Ein Antikörpercocktail, der als Notfallmedikament zum Einsatz kommen soll. Wie schätzen Sie den potenziellen Nutzen ein?

Wir wissen von diesen Antikörpercocktails, dass diese vor allem in der Frühphase einer Erkrankung eine Rolle spielen. Ich nenne jetzt mal nicht nur das englische Produkt. Blicken wir doch mal über den Teich nach Amerika, wo Präsident Trump ganz früh, zu Beginn seiner Erkrankung, auch einen Antikörpercocktail, nämlich aus zwei Antikörpern, bekommen hat. Diese Antikörper entfalten ihre Wirksamkeit, wenn sie extrem zugegeben werden. Das ist ja genau das Wichtige an der Sache.

Also nur ein Mittel für die Frühphase?

Im späteren Verlauf einer Erkrankung sind diese Antikörper nicht mehr sehr hilfreich. Wenn sich das Virus schon in die Lunge und in die anderen Organe begeben und dort sein Unwesen getrieben hat, können Antikörper da nicht mehr viel helfen. Das heißt, frühzeitig gegeben sind Antikörper sehr hilfreich, in der Spätphase einer Erkrankung relativ wenig hilfreich.

Mit Uwe Janssens sprach Doro Steitz. Es handelt sich hierbei um die sprachlich und textlich leicht angepasste Version des Skype-Interviews vom 6. Januar.

Quelle: ntv.de

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