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"Drittel der Betten gesperrt" Intensivmediziner warnen vor Engpässen

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Aus Personalmangel können zahlreiche Intensivbetten nicht betrieben werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Eine Umfrage unter Intensivmedizinern ergibt, dass zahlreiche Stationen aufgrund von Personalmangel rund ein Drittel der betreibbaren Betten aus dem Betrieb nehmen müssen. Die Ärzte warnen daher vor drohenden Engpässen bei steigenden Covid-19-Infektionen.

Wenn es darum geht, einzuschätzen, welche Maßnahmen noch oder nicht mehr nötig sind, um gut durch den zweiten Corona-Winter zu kommen, stehen inzwischen die Krankenhauskapazitäten an oberster Stelle. Umso wichtiger ist es, die Realität auf den Intensivstationen wahrzunehmen. Und die sieht einer aktuellen Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN) und der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) unter Intensivmedizinern schlechter aus als viele vielleicht vermuten.

Insgesamt nahmen 643 Ärztinnen und Ärzte teil, was die Verfasser angesichts von bundesweit rund 1700 Intensivstationen in etwa 1300 Krankenhäusern als repräsentativ betrachten. Die Umfrage hat ergeben, dass die Kliniken im Median zwölf Betten mit invasiver Beatmung (High Care) und sechs Betten ohne invasive Beatmung (Low Care) betreiben könnten. "Könnten" deshalb, weil der chronische Personalmangel die Stationen dazu zwingt, eigentlich betreibbare Intensivbetten vorübergehend oder sogar dauerhaft zu sperren.

Nur 15 Prozent ohne Probleme

Nur 15 Prozent der Stationen gaben an, keine Betten aus dem Betrieb nehmen zu müssen. 37 Prozent müssen Betten dauerhaft sperren, 22 Prozent sind dazu nahezu täglich gezwungen. 2018 sagten noch 44 Prozent der Teilnehmer, nie zu solchen Maßnahmen greifen zu müssen.

Insgesamt sind den Verfassern nach "bereits heute 20 Prozent der maximal betreibbaren High-Care-Betten und 35 Prozent der Low-Care-Betten gesperrt. In der Folge befürchten 52 Prozent der Befragten in den kommenden Monaten eine unzureichende Versorgung der Bevölkerung."

Die Hauptursache ist in 75 Prozent der Fälle der Mangel an Intensivpflegenden. 70 Prozent der Befragten sagten, die Lage habe sich im Vergleich zur Situation vor der Pandemie verschlechtert. In 66 Prozent der Fälle steht weniger Stammpersonal zur Verfügung. Als direkte Folge habe der Anteil der Zeitarbeiter in 43 Prozent der Fälle zugenommen, so die Verfasser.

Gestresstes Personal oft alleine gelassen

Solche Zustände belasten das Personal nach eineinhalb Jahren Pandemie-Stress zusätzlich. 51 Prozent der Befragten gaben an, die Stimmung habe sich verschlechtert. 14 Prozent sagten, sie habe sich sehr verschlechtert. Eine psychosoziale Unterstützung erfahren bisher aber nur 33 Prozent.

Positiv sehen die Intensivmediziner lediglich, dass der Pflegeschlüssel jetzt in 70 bis 80 Prozent der Fälle bei 1:2 und nachts zu 89 Prozent bei 1:3 liegt. Zurückzuführen ist das auf die Rückkehr zu entsprechenden Personaluntergrenzen. Zuvor mussten auf Intensivstationen 2,5 beziehungsweise 3,5 Patienten betreut werden. Von Beginn der Corona-Pandemie an bis August 2020 gab es gar keine Untergrenze. Letztendlich trug auch diese notwendige Maßnahme zur Personalverknappung bei.

Offene Debatte gefordert

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Eine schwere Herbst- und Winterwelle, möglicherweise in Kombination mit weiteren Atemwegsinfektionen wie Grippe oder RSV, könne die Intensivmedizin in Deutschland erneut an ihre Grenzen und darüber hinaus bringen, warnen DGIIN und DIVI angesichts der Einschränkungen. Der Beatmungsanteil von Intensivpatienten werde voraussichtlich deutlich steigen und somit auch die Arbeitsbelastung des Personals.

Ein "Weiter so" könne es nicht mehr geben, schreiben die Intensivmediziner. "Eine in der Gesellschaft offen geführte Debatte zu Priorisierungsfragen sowie zur Verankerung gesundheitlicher oder vorausschauender Versorgungsplanungen erscheint deshalb dringend notwendig."

Quelle: ntv.de, kwe

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