Panorama

Klimawandel und Katastrophen Jeden Tag erleben wir 150 Kipppunkte

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Josef Settele ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, Co-Vorsitzender des Weltberichts zum ökologischen Zustand der Erde und "Umweltweiser" der Bundesregierung.

(Foto: A. Kuenzelmann)

Bisher waren Auswirkungen des Klimawandels für uns kaum zu spüren. Die Hochwassertragödie zeigt, dass die Erderwärmung nicht nur traurige Eisbären auf schwindender Eisscholle bedeutet. Wir müssen rasch umsteuern und vor allem bei den Treibhausgasen ansetzen.

Als ich vergangenen Dezember einen Gastbeitrag bei n-tv.de zur Triple-Krise veröffentlichte, in dem ich die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Artensterben und Pandemien beschrieben habe, reagierten viele Menschen mit Sorge. Es gab aber auch jene, die mir unterstellten, Horrorszenarien zu verbreiten. Eine 1-Sterne-"Rezension" bei Amazon zu meinem Buch zu der Thematik besteht aus gerade mal zwei Sätzen: "Umweltweißer (sic!) der Bundesregierung, das sagt schon alles. Panik und Angstmache."

Und selbst jetzt während der Hochwasserkatastrophe in Deutschland und anderen europäischen Staaten, die allein bei uns weit mehr als 150 Todesopfer gefordert, Familien um Heim, Hab und Gut gebracht und Milliardenschäden verursacht hat, melden sich gewisse Teile der Bevölkerung, Medien und Politik zu Wort, die die Zusammenhänge zwischen menschgemachtem Klimawandel und seinen schlimmen Auswirkungen rund um den Erdball verniedlichen, kleinzureden versuchen oder gar bestreiten und deshalb entschlossenes Gegensteuern weiter ablehnen.

Ich frage mich: Was muss noch passieren, damit es endlich zu konsequentem Handeln der gesamten Welt kommt? Das Problem ist riesig. Die Brände auf der Nordhalbkugel sind ebenso keine Zufälle wie die Sturzfluten nach Starkregen in unseren Breitengraden. Es gibt seriöse Forscher, die davon ausgehen, dass wir bald den Kipppunkt erreichen oder überschreiten werden, ab dem die fatale Entwicklung höchstens noch zu bremsen, aber nicht mehr rückgängig zu machen ist und es tatsächlich zur nicht (mehr) kontrollierbaren Klimakatastrophe kommt.

Ich vermag es nicht bis ins letzte Detail zu beurteilen, weil ich kein Klimaforscher bin. Was ich aber sicher weiß: Das Aussterben einer jeden Art ist so etwas wie ein Kipppunkt im Kleinen, schließlich verschwindet sie damit ein für alle Mal von der Erde. Umgekehrt bedeutet das: Mit jeder Spezies, die wir bewahren können, verhindern wir einen weiteren Kipppunkt. Momentan verliert unser Planet rund 150 Tier- und Pflanzenarten – jeden Tag. Das heißt, Tausende Arten und Jahrmillionen an Geschichte und Evolution gehen verlustig und fehlen damit den Ökosystemen.

Die Korallenriffe sind schon über den Kipppunkt hinaus. Hier heißt es für die Menschheit: Abschied nehmen für immer. In den vergangenen 150 Jahren haben sich ihre Flächen halbiert. Für riesige Korallengebiete kommt jede Rettung zu spät, ihr Zustand ist irreparabel. Wenn sich die Erde in den nächsten Jahrzenten um nur zwei Grad erwärmt, überlebt lediglich ein Prozent der derzeitigen Bestände. Noch ein Beispiel: Im Amazonas steht ebenfalls ein Kipppunkt vor der Überschreitung. Der bisher unaufhaltsame Niedergang des Regenwaldes, wo abgeholzt wird, damit in Europa die Nachfrage nach Fleisch, Tropenholz, Soja und Avocados befriedigt werden kann, bringt ein riesiges Ökosystem in Gefahr.

Der traurige Eisbär ist längst tot

Die Auswirkungen der Misere kommen nun zunehmend in Europa an. Wer den Klimawandel noch immer mit einem traurigen Eisbären auf kleiner werdender Eisscholle verbindet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Neulich formulierten Fachleute des UN-Klimarates IPCC und des Weltbiodiversitätsrates IPBES gemeinsam Handlungsoptionen aus dem Wissen heraus, dass die weit verbreitete Einschätzung, die Ökosysteme könnten den Klimawandel von allein, also quasi selbstreinigend, in den Griff kriegen, falsch ist.

In der Politik wird aufgrund einer wissenschaftlichen Studie angenommen, dass die Natur in der Lage sei, rund 30 Prozent der Emissionen aufzunehmen, die bis 2030 der Atmosphäre entzogen werden müssen, um die Erderwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Hinter dieser optimistischen Annahme steckt jede Menge Wunschdenken. Trotzdem zeigt es vor allem die Grenzen dieses Ansatzes auf. Völlig zurecht: Der Mensch hat die Biosphäre schon so schwer beschädigt, dass diese nicht mehr in der Lage ist, nur die angestrebten 30 Prozent aus der Atmosphäre zu entfernen. Wir müssen daher dringend den Ausstoß von Treibhausgasen massiv reduzieren.

Dabei verlieren nicht nur die Bäume und Pflanzen im Amazonas die Fähigkeit, Kohlenstoff zu speichern, so dass weniger Kohlendioxid gen Himmel steigt. Auch in unseren Breitengraden verlieren Wälder zunehmend diese Fähigkeit, die notwendig ist, das Klima – wenigstens einigermaßen – zu stabilisieren. Nach wie vor halten Umweltschützer und Klimaaktivisten Biogas für zukunftsträchtig. Ein schwerer Irrtum sowohl in Hinblick auf die Erderwärmung als auch die Artenvielfalt. Pflanzen, die zur Bio-Energiegewinnung angebaut werden, nehmen mittlerweile in Deutschland Zehntausende Hektar Fläche ein, auf der fast nichts anderes wachsen kann. Natürlich krabbelt auch in Maisfeldern dieses oder jenes Insekt. Aber mit Artenvielfalt hat das nicht mehr viel zu tun.

Die Zerstörungen müssen gestoppt werden

Mais wird häufig in Auenbereichen angebaut und nimmt damit Flächen ein, die für die Rückhaltung oder Ausbreitung von Wasser notwendig wäre, um Überschwemmungen oder gar Hochwasserkatastrophen zu vermeiden. Ich zitiere aus meinem Buch: "Auen sind der bestmögliche Hochwasserschutz als natürliche Überschwemmungsgebiete seitlich von Flüssen und generell unverzichtbar als natürliche Wasserbecken. Kein Gebiet in Mitteleuropa weist eine so hohe Zahl an Tier- und Pflanzenarten auf wie Auen. Grünland in Auen trägt zudem als natürlicher Filter zur Verbesserung der Wasserqualität bei." Einige Sätze später heißt es: "Doch auch hier ist der Schwund schon nicht mehr vollständig reparierbar. Mehr als zwei Drittel der natürlichen Auen Deutschlands sind schon verschwunden. Noch ganze drei Prozent von den Restbeständen werden als vollständig intakt eingestuft."

Das heißt, wir müssen versuchen, die Zerstörung von Wald, Auen und Torfmooren signifikant zu verringen oder möglichst zu stoppen. Agrarflächen wieder in Feuchtgebiete zu verwandeln, also zu renaturieren, ist eine dringende Aufgabe – und zwar weltweit. Insbesondere die Wiederherstellung von Mooren hilft in enormem Ausmaß, Kohlenstoff zu binden und zugleich Lebensräume für sehr spezialisierte und gefährdete Arten zu schaffen. Denn so wie die Triple-Krise als großes Ganzes gesehen werden muss, hängen auch Umwelt-, Klima, Natur-, Arten- und Gesundheitsschutz eng zusammen. Sie sind zwei Seiten einer Medaille – die sich die Menschheit allerdings erst noch verdienen muss.

Quelle: ntv.de

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