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Gefahr durch Wildtiererreger Corona ist nichts gegen das, was noch wartet

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Josef Settele ist Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle, Co-Vorsitzender des Weltberichts zum ökologischen Zustand der Erde und "Umweltweiser" der Bundesregierung.

(Foto: A. Kuenzelmann)

Klimawandel, Artensterben und tödliche Krankheiten befeuern sich wechselseitig. Es wird höchste Zeit, umzulenken. Sicher ist: Die nächste Pandemie wird kommen. Hat die Menschheit Pech, wird sie weitaus tödlicher als die Corona-Welle sein.

Ich hätte nie gedacht, dass ich ein bisschen das Zeug zum Wahrsager habe. Inzwischen weiß ich es. Von 2008 bis 2010 habe ich mit Kollegen wie dem Biologen Joachim Spangenberg diverse Szenarien veröffentlicht, wie sich der Verlust biologischer Vielfalt auf die Menschheit auswirken könnte. Unsere düsterste Prognose handelte von einer Pandemie, die außer Kontrolle gerät. Sie hatte ein bisschen was von einem Hollywood-Thriller. Als ich die Arbeit in Vorbereitung auf mein Buch "Die Triple-Krise" nach Ewigkeiten wieder mal las, bin ich erschrocken, wie nah wir der Realität in unserem Worst-Case-Szenario kamen: Zehntausende starben in Europa, Krankenhäuser waren überfüllt, Menschen zur Isolation gezwungen und Volkswirtschaften brachen weitgehend zusammen.

Nun erleben wir genau das: Ein Virus, das es vom Tier zum Menschen schaffte, bringt der gesamten Welt Leid und richtet schwere ökonomische sowie soziale Schäden an. Die Hoffnung, dass sich die Natur durch den Corona-Stillstand erholt, hat sich weitgehend zerschlagen. Die jüngsten Brände in Australien und im Amazonas-Gebiet belegen: Die vor allem vom Menschen ausgehende Zerstörung des blauen Planeten geht ungebremst weiter.

Es ist höchste Eisenbahn, das Gleis zu wechseln. Die Welt steht vor der Aufgabe, gleichzeitig drei nie dagewesene Herausforderungen zu meistern: den Artenrückgang, den Klimawandel und die steigende Gefahr von Pandemien. Die drei Komponenten der Triple-Krise bedingen und befeuern sich gegenseitig, ihre Wechselwirkungen sind verheerend. Wissenschaftlich belegt ist ein enger Zusammenhang zwischen der Zunahme schwerer Epidemien oder gar Pandemien und der Zerstörung der Umwelt, einschließlich des Niedergangs unzähliger Arten.

Je mehr der Mensch in bis dahin unberührte Natur vordringt und sie ausschlachtet, desto mehr Virenkrankheiten springen auf ihn über. Nach Abholzungen und Brandrodungen in Asien oder dem Amazonas sowie Feuersbrünsten wie 2020 in Australien, Sibirien und dem Westen der USA verringert sich der Lebensraum für Tiere. Es werden wenige von ihnen überleben und sozusagen die Herrschaft übernehmen. Erhöht sich die Dichte einer bestimmten Tierart, kann es leichter zu einer Übertragung von Viren und damit höheren Infektionsraten untereinander kommen.

Tiere verkraften Erreger, die nur innerhalb ihrer Art zirkulieren, in der Natur in der Regel sehr gut, nicht aber eng gehaltene Nutztiere - man denke nur an die Nerzfarmen und die Schweinepest - und schon gar nicht der Homo sapiens. Da Viren extrem anpassungsfähig sind, ist es lediglich eine Frage der Zeit, bis der eine oder andere Erreger eine Gestalt angenommen hat, die für den Menschen gefährlich ist. Zugleich führt die Naturzerstörung zum Verlust von Pufferzonen zwischen Wildnis und Zivilisation, etwa durch Besiedlung oder Umwandlung von Naturflächen in Agrarland.

Zustand der Erde? Erbärmlich!

Covid-19 ist längst nicht die erste Infektionskrankheit, die vom Tier zum Menschen gelangte. Durch Zoonosen, wie der wissenschaftliche Fachbegriff für dieses Phänomen heißt, entstanden Malaria, Aids, Ebola, Mers und Sars (Covid) und diverse Formen der Grippe. Dabei hatten wir noch einigermaßen Glück, was die Übertragbarkeit und die Lebensdauer der Viren angeht. Ich will mir gar nicht ausmalen, wie die nächste oder übernächste Pandemie aussehen wird. Aber ich garantiere Ihnen: Das Coronavirus, das uns Covid-19 brachte, ist harmlos gegen das, was noch im Dschungel auf uns Menschen wartet.

Der Klimawandel ermöglicht es, dass sich Mücken-, Hornissen- und Zeckenarten in Regionen fest ansiedeln, in denen sie bislang den Winter nicht überlebt hätten. Europa sieht sich damit Krankheiten ausgesetzt, die bisher Urlauber aus fernen Ländern mitbrachten. Seit einem Jahrzehnt werden in Deutschland und anderen Ländern Europas zunehmend Mückenarten heimisch, die gefährliche Viren in sich tragen. Wer von der Asiatischen Tigermücke gestochen wird, kann an Dengue-, Chikungunya- oder Zika-Fieber erkranken. Hoffnung, sie wieder loszuwerden, besteht angesichts der Erderwärmung nicht.

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Ich habe als Co-Vorsitzender des globalen Berichts des Weltrates für Biodiversität zusammen mit meinen Kollegen in aller Welt Zehntausende Studien von Wissenschaftlern sämtlicher Kontinente zum Zustand der Welt ausgewertet. Sie ließen ein einziges Fazit zu: Er ist erbärmlich. Intakte Natur verschwindet in ungeahntem Tempo. Wir zerstören die Basis unseres Wohlstandes, unserer Volkswirtschaften, Lebensgrundlagen und Wohnqualität. Der Mensch beutet überall natürliche Ressourcen aus, ohne das Morgen oder gar das Übermorgen mitzudenken. Wir müssen die Frage beantworten: Definieren wir unseren Wohlstand über ständig steigende Wirtschaftszahlen oder über die Lebensqualität? Sind uns schnelle Autos und ungezügelter Konsum wichtiger als Gesundheit dank intakter Natur?

Ich bin nicht für totalen Verzicht. Das Maß muss stimmen. Ich glaube an die Vernunft und wissenschaftlichen Fortschritt. Dieser Tage habe ich es in Interviews immer wieder gesagt, wie sehr ich es verstehen kann, dass niemand mehr den abgedroschenen Satz "Wir haben nur diese eine Welt" hören mag. Er stimmt aber wie eh und je. Lassen Sie uns die Erde im Miteinander erhalten. Weder Konzerne noch Landwirte haben ein Interesse, den Planeten zu vernichten. Ich hoffe, dass mir ein Beitrag hierzu mit meiner jahrzehntelangen Forschung gelungen ist, vielleicht auch ein klein wenig mit meinem Buch, das wie dieser Gastbeitrag mit dem Appell endet: Helfen Sie mit, den blauen Planeten zu bewahren!

Quelle: ntv.de