Panorama

Debatte um den Corona-Exit Kohle verdienen oder zu Asche werden?

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Die Bemühungen, die Seuche in den Griff zu bekommen, sind richtig und notwendig, aber sie haben auch fatale Folgen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft.

(Foto: picture alliance/dpa)

Jeden Tag sterben in Europa Hunderte Menschen an der vom Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19. Doch was sind die Folgen einer monatelangen Rezession für Staat und Gesellschaft? Deutschland muss sich der Diskussion stellen - und wohl ein Risiko in Kauf nehmen. 

Der Volksmund weiß oft, wo es langgeht. Ein Spruch aus kollektiver Kehle lautet: Einen Tod müssen wir sterben. Das heißt so viel wie: Was immer wir tun, ob wir uns für Variante A oder B entscheiden, jemand wird der Verlierer sein. Alles, was wir wollen und was wünschenswert ist, können wir nicht haben. Die perfekte Lösung gibt es nicht. Denn die ideale Welt, in der sich beim obligaten Happy End alles fügt, existiert nur im Märchen. Das wahre Leben ist anders. 

Ganz offenkundig rast die Menschheit gerade in eine Sackgasse, an deren totem Ende ein Prellbock mit der Aufschrift steht: Einen Tod müsst ihr sterben. Die Frage aber ist: welchen? Jeden Tag verlieren Hunderte ihr Leben durch das Coronavirus. Die Bemühungen, die Seuche in den Griff zu bekommen, sind fraglos - auch in ihrer Schärfe - richtig und notwendig. Zugleich haben sie fatale Folgen für Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Die Welt rutscht möglicherweise in eine Rezession, gegen die die Finanzmisere nach der Lehman-Pleite vor einem Jahrzehnt mit anschließender Staatsschuldenkrise eine Konjunkturdelle war.

Seriöse Ökonomen gehen von einem Einbruch der Wirtschaftsleistung von bis zu 20 Prozent aus. Das Ifo-Institut berechnete den Wertschöpfungsverlust nach nur einmonatigem Shutdown mit wenigsten 152 Milliarden Euro. Dauerte die Schließung Deutschlands ein Vierteljahr, läge das Minus durch Produktionsausfall bei 729 Milliarden Euro. Der Bund plant schon jetzt mit 156 Milliarden Euro zusätzlichen Schulden. Die Europäische Zentralbank kündigte an, bis Ende des Jahres Staats- und Unternehmensanleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro zu kaufen. Gigantische Summen, deren Folgen für das Geldsystem kaum absehbar sind.

Erkaufte Zeit

Deutschland und der Rest der Welt erkauft sich so viel Zeit wie möglich. Auch wenn düstere Prognosen niemandem helfen, liegt auf der Hand: Ein Kollaps des Gesundheitssystems hätte fatale Konsequenzen für die staatliche Ordnung. Wenn reihenweise Polizisten, Müllmänner, Beamte, private Sicherheitsdienste, Mitarbeiter der Lebensmittelindustrie, Lastwagenfahrer, Piloten, natürlich Ärzte, Pfleger, Forscher, Lehrer und andere für ein Land wichtige Berufsgruppen durch Krankheit und Tod dezimiert würden, erschiene der Alptraum, den wir gerade erleben, noch als Produkt eines Powernappings. Nicht zuletzt auch deshalb besteht rund um den Erdball Einigkeit: Nichtstun ist keine Option.

Aber umgekehrt - und nun möge sich jeder den Tod seiner Wahl aussuchen - zeichnen sich schon die Schattenseiten des Shutdowns ab. Der Einzelhandel wird in die Knie gehen. Hunderttausende Selbstständige, Gründer und uralte Familienunternehmen zittern nicht nur um ihre Existenz, oft ist mit ihrer Firma das Lebenswerk mehrerer Generationen bedroht. Die Bundesagentur für Arbeit steht vor einer Flut von Anträgen für Kurzarbeit und auf Arbeitslosengeld sowie Hartz IV. Das sind Millionen Menschen, die nichts für diese Lage können. Schuld an ihrer Lage sind keine gierigen Banker, dilettierende Manager oder "der Markt", sondern ein Naturereignis. Dafür werden Firmen wie die Restaurantkette Vapiano, der es schon vor Corona-Zeiten mehr als schlecht ging, nun nach Millionen vom Staat schreien.

Zunahme der häuslichen Gewalt

Man muss nicht Soziologie oder Psychologie studiert haben, um die gesellschaftlichen Folgen zu erahnen. In Berlin nahm nach Angaben von Polizeipräsidentin Barbara Slowik häusliche Gewalt im März im Vergleichsmonat 2019 um mehr als zehn Prozent zu. Das Problem der Vereinsamung - in Großstädten ohnehin ein Problem - wird garantiert nicht geringer werden, wenn man sich nicht mehr traut, neben einem Unbekannten auf der Parkbank zu sitzen. Was nützt einem Single ein teures Dating-Portal, wenn er aus Vorsicht niemand Fremdes treffen mag? Wie lange kann ein Land im sozialen Aussnahmezustand leben? Einmal abgesehen von verfassungsrechtlichen Fragen. 

Es ist nur logisch, dass eine Debatte entbrannt ist, wie es zu dem kommen kann, was "Exit" genannt wird. Doch wer sich öffentlich traut, eine - wenn auch differenzierte - Abwägung anzumahnen, gerät in einen Shithurricane. Thomas Straubhaar, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Hamburg, hat es erlebt. Er forderte, nicht in einem Schnellschuss, sondern in einem sachlichen Abwägungsprozess "die sozioökonomischen Kosten einer Isolierungsstrategie für die gesamte Gesellschaft wie die zu erwartende Arbeitslosigkeit oder den Ausfall von Selbsthilfegruppen oder Vereinsabenden" zu berücksichtigen. In 95 Prozent der Reaktionen, so gab er an, wurde er daraufhin "als zynischer, kaltherziger Ökonom dargestellt. Und das ist noch milde ausgedrückt".

"Schutz der Menschen ist alternativlos"

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Thomas Straubhaar, Professor für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Uni Hamburg.

(Foto: picture alliance / dpa)

Straubhaar ist ein freundlicher Herr, der niemandem die Pest an den Hals wünscht. Trotzdem bedeuten seine Aussagen in letzter Konsequenz, den Tod Älterer mehr oder weniger billigend in Kauf zu nehmen. Zum Wohle der Jüngeren? Sterben lassen, um selbst gut davonzukommen? Der Gedanke geht auch in einem zunehmend atheistischen Land ins Mark. "Nicht mit mir", sagt Bundesinnenminister Horst Seehofer, ein bekennender Christ. In Merkelscher Manier predigt er: "So lange das Virus so wütet, ist der Schutz der Menschen alternativlos." Wirtschaftliche Interessen dürften den Schutz von Menschenleben nicht überlagern.

Bernhard Emunds, Professor für Christliche Gesellschaftsethik und Sozialphilosophie, spricht von einer "gefährlichen Debatte, weil man schnell dabei ist, Menschenleben gegen Firmenpleiten und Börseneinbrüche aufzurechnen. In dieses zynische Dilemma sollten wir uns gar nicht erst bringen." Genauso zynisch könnte man dagegen halten, Emunds finde Selbstmorde als Folge von Insolvenzen und Existenzverlusten weniger schlimm. Frank Dietrich, Professor für Praktische Philosophie der Uni Düsseldorf, regte an, den "Primat der Lebensrettung" als leitende Maxime zu überdenken, wenn "die Krise längere Zeit anhält und die ökonomischen Verwerfungen ein extremes Ausmaß erreichen". Zynisch könnte man dagegenhalten, Dietrich sei der Dax-Kurs wichtiger als Menschenleben. Und wann ist ein Ausmaß "extrem"?

Also die Alten wegsperren und in Einsamkeit vor sich hindümpeln lassen? Was wäre mit Pflegebedürftigen? Wie schaut es aus mit jüngeren Leuten, die Krebs hatten oder an Diabetes leiden? Wegsperren, damit VW und Porsche wieder Autos herstellen können? Und was, wenn das nach hinten losgeht?

Verweise auf die Grippe helfen nicht weiter

Auch die endlosen Verweise auf die Grippe helfen nicht weiter. Die Bilder aus Spanien und Italien zeigen eindeutig, dass die Rasanz der Epidemie nicht mit der Grippe zu vergleichen ist, auch wenn diese in manchen Jahren deutlich mehr Opfer bringt und die Sterblichkeitsrate ähnlich hoch ist. Die Rasanz der Verbreitung ist eine andere und gegen die Corona-Krankheit gibt es kein Medikament.

In der Debatte wird - je nach Standpunkt - an das (fehlende) Tempolimit auf Autobahnen und die jährlich rund 3000 Toten im Straßenverkehr erinnert. Auch hier greift der Staat nicht radikal durch, um diese 3000 Menschenleben zu schützen. Hier nimmt er das Risiko - im Gegenzug für individuelle Freiheit - bewusst in Kauf. Jeder kann theoretisch selbst entscheiden, ob er Auto oder Bahn fährt, um die Gefahr zu minimieren. Italien hat ein Tempolimit auf Autobahnen, die Zahl der Unfalltoten liegt dennoch leicht über der in Deutschland. Weder dort noch hier sind Verkehrsunfälle Virenschleudern.

Der alles andere als hyperventilierende Virologe Christian Drosten geht davon aus, dass die Bundesrepublik "gesellschaftlich ein Jahr im Ausnahmezustand" verbringen muss. Trotzdem rät er, die Maßnahmen je nach Wissensstand über das Virus nach und nach zurückzufahren. "Wir können nicht ewig so weitermachen." Da wird er wohl recht haben. Nun muss Deutschland klären, was "nicht ewig" bedeutet.

Quelle: ntv.de