Panorama

Vordrängler und EU Kurz wütet über Impfpannen in Österreich

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Österreich impft, aber auch nicht besonders schnell.

(Foto: imago images/photosteinmaurer.com)

In Österreich schmuggeln sich einige Bürgermeister an Risikopersonen vorbei auf Impf-Wartelisten - und liefern peinliche Ausreden. Sebastian Kurz ist not amused, hat aber ein größeres Problem, für das er Brüssel die Schuld gibt.

Erst der Kardinal, dann der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, dann ein Bürgermeister nach dem anderen: In Österreich drängeln sich Lokalpolitiker und andere VIPs auf den Wartelisten von Pflegeheimen vor, um an überzählige Covid-Impfdosen zu kommen - obwohl sie teils gar nicht zur Risikogruppe gehören. Mehr als ein Dutzend Fälle sind schon bekannt geworden.

In Eberschwang etwa, rund 60 Kilometer südlich von Passau, wurden laut "Presse" nur 16 Heiminsassen, dafür aber 30 Externe geimpft, darunter der Bürgermeister und zwei Stellvertreter. Die Heimleiterin hat mittlerweile gekündigt. In Salzburg und Kärnten sollen Privatpersonen dank Spenden auf den Wartelisten gelandet sein.

Wilder Westen statt Impfen nach Plan - das wirft ein schlechtes Licht auf den ohnehin schon holprigen Impfstart. Im internationalen Vergleich liegt Österreich mit einer Impfquote von 1,85 Prozent ungefähr auf dem Niveau von Deutschland im Mittelfeld, wobei erhebliche Zweifel an der Aussagekraft der Zahlen bestehen. Auf die Impf-Schummler angesprochen, wurde Bundeskanzler Sebastian Kurz in der "Krone" deutlich: "Es macht mich wütend und zornig." Auf Österreichs Bundeskanzler wartet noch ein noch viel größeres Problem: Wird der Impfstoff von Astrazeneca wie von einigen Experten gefürchtet nur für Menschen unter 55 Jahren zugelassen, muss Österreich seinen Impfplan komplett umbauen. Der "normale Sommer", den Kurz erst kürzlich versprochen hatte - er wäre in Gefahr.

Kurz "reißt der Geduldsfaden"

Beim Videogipfel der EU am Donnerstag sprach sich Kurz vehement für eine "unbürokratische" Zulassung des britischen Impfstoffes aus. "Irgendwann reißt mir der Geduldsfaden", hatte der Bundeskanzler schon am Montag bei "Puls4" gesagt, nach dem EU-Gipfel setzte er der Zulassungsbehörde EMA quasi ein Ultimatum bis nächste Woche - was ohnehin dem schon lange bekannten Zeitplan entspricht.

Eine mögliche Erklärung für das überflüssige Drängeln: Kurz hatte die Impfung als "Gamechanger" angekündigt, die erste Dosis wurde am 27. Dezember live im Fernsehen verimpft, in Anwesenheit von Bundeskanzler und Gesundheitsminister. Danach herrschte plötzlich Stille, weil sich die Länder auf den verabredeten Start in den Pflegeheimen am 12. Januar vorbereitet hatten. Erst als die ersten kritischen Berichte über die lange Pause auftauchten, intervenierte Kurz und ordnete einen Kaltstart an. Die Schuld suchte er woanders - erst im Gesundheitsministerium, nun also in Brüssel.

Wie viele Impfdosen seit Kurz' "Machtwort", wie es die "Krone" nannte, tatsächlich verabreicht wurden, ist schwer festzustellen - das offizielle Dashboard der Regierung arbeitet mit Schätzungen und Projektionen. Wer die Seite ansteuert, kann der Zahl live beim Wachsen zusehen, eine nette Spielerei, die mit den realen Zahlen nur wenig zu tun hat. Das Gesundheitsministerium will jedenfalls bis zum Wochenende die Marke von 200.000 Geimpften erreichen.

"Ich schmeiße auch kein Brot weg"

Nicht schnell genug geht es offenbar auch den Bürgermeistern, die sich in den letzten Wochen auf die vorderen Plätze der Wartelisten von Pflegeheimen geschlichen haben. Weil inzwischen sechs statt fünf Impfdosen aus einem Biontech-Fläschchen gezogen werden können, bleiben oft einige Rationen übrig und werden an Wartende vergeben - allerdings prioritär an Hochrisikopatienten.

Besonders dreist soll sich Wolfgang Matt aus Feldkirch in Vorarlberg vorgedrängelt haben. Die zuständige Ärztin hatte dem Bürgermeister die Impfung im Pflegeheim verweigert - doch Matt habe darauf bestanden. "Ich habe bis zum Schluss gewartet, es war nur noch eine Dosis übrig", rechtfertigte sich der ÖVP-Mann. Die Version der Ärztin klingt anders: Vor der Tür hätten noch einige Menschen aus der Hochrisikogruppe gewartet. Doch die letzte Dosis ging an den Bürgermeister, ein anderer Arzt setzte schließlich die Spritze.

In der wichtigsten Nachrichtensendung Österreichs lieferte Matt am Dienstag einen denkwürdigen Auftritt: "Ich schmeiße auch kein Brot weg, dann mache ich lieber Toast", sagte er im Nachrichtenjournal "Zib2". Was Matt denn gemacht hätte, wären noch drei Dosen übrig gewesen, wollte Moderator Armin Wolf wissen. "Ich hätte geschaut, dass ich wen mobilisieren kann." Warum er das mit der einen Dosis nicht auch gemacht hat? "Ja, das ist richtig, das hätte ich machen können." Mittlerweile hat sich Matt entschuldigt.

Auch der Kardinal war sehr früh dran

Österreichs Impfplan sieht eigentlich vor, zuerst Insassen und Personal in Alten- und Pflegeheimen sowie Hochrisikogruppen zu impfen, in Phase 2 erhalten Risikogruppen, Menschen über 65 sowie Arbeiter in systemrelevanten Berufen ihre Dosis.

Doch auch momentan läuft es nicht überall nach Dringlichkeit: In Tirol etwa haben laut "Standard" die "Med Alp"-Kliniken schon mehr Impfstoff für ihr Personal bezogen als die Landes-Krankenhäuser, obwohl diese privaten Unfall-Spitäler gar keine Covid-Patienten aufnehmen. Pikant: Der Betreiber dieser Kliniken, Alois Schranz, sitzt im Corona-Krisenstab des Landes und in der ÖVP-nahen Lobbygruppe "Adlerrunde".

Solche Meldungen werden in Österreich unter dem Stichwort "Freunderlwirtschaft" abgeheftet, so bezeichnen man landläufig das Phänomen, dass es sich die Reichen und Wichtigen meist geräuschlos richten können. Ein Verdacht, der sich auch jetzt wieder bestätigt findet: So wurden auch der Kardinal Christoph Schönborn, immerhin Risikopatient, und der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Oskar Deutsch, quasi auf dem kurzen Dienstweg und dank Vitamin B vorzeitig geimpft. In Kärnten machen sogar Gerüchte die Runde, in einigen Pflegeheimen würden die Plätze auf den Wartelisten gegen Spenden vergeben, die Staatsanwaltschaft bestätigt den Eingang einiger Anzeigen.

Immerhin gibt es auch gute Nachrichten: Die Impfbereitschaft scheint zu steigen, schon jetzt haben laut "Standard" rund 850.000 Menschen online ihren Impfwunsch hinterlegt. Nur wann sie ihre Dosis bekommen, ist unklarer denn je. Lässt die EMA Astrazneca nur für Menschen unter 55 Jahre zu, heißt es für Österreich: Ein neuer Impfplan muss her.

Quelle: ntv.de

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