Panorama

"Rosa Parks" der LGBTQ Lesbische Ikone boxte Weg für CSD frei

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Das Stonewall Inn ist noch heute Schauplatz von Protesten.

(Foto: REUTERS)

Systematische Polizeigewalt, Diskriminierung durch weiße Menschen: Was dieser Tage die Schlagzeilen bestimmt, brachte die Menschen auch am Stonewall Inn 1969 in Wallung. Zum Jahrestag der Rebellion, die die LGBTQ-Bewegung weltweit stärkte, lohnt sich der Blick auf eine ganz besondere Frau.

Es ist eine warme Sommernacht, die in die Geschichtsbücher eingeht. Im Stonewall Inn trinken und tanzen Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und andere Queere Menschen. Im New York der 60er Jahre ist eigentlich kein Platz für sie. Die zum Teil von der Mafia betriebenen Bars, in denen sie sich illegal treffen, sind stetigen Kontrollen und Polizeieinsätzen ausgesetzt. So auch am 28. Juni 1969.

Als Polizeibeamte das Stonewall Inn betreten, wird Stormé DeLarverie allein ihr Äußeres zum Verhängnis: Die 48-Jährige trägt Männer-Klamotten. Damals gilt die Regel, dass Personen mindestens drei Kleidungsstücke in der Öffentlichkeit anhaben müssen, die zu ihrem bei der Geburt zugeschriebenen Geschlecht passen. DeLarverie hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits einen Namen in der LGBTQ-Gemeinschaft gemacht. Sie tritt als Drag King auf und widersetzt sich zeitlebens Geschlechternormen. Als einzige Frau wird sie für das umherreisende Travestie-Ensemble der "Jewel Box Revue" engagiert - neben 25 Drag Queens.

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Stormé DeLarverie genoss bereits zu Lebzeiten den Ruf einer "lesbischen Superheldin".

(Foto: imago images/POP-EYE)

Die Geschichte des Stonewall Inn und des damit verbundenen Christopher Street Days wurde schon oft erzählt. Die Geschichte von Stormé DeLarverie dagegen nicht so oft. Das lag vor allem an ihr selbst. Ihre Rolle als LGBTQ-Ikone wollte sie viele Jahre nicht an die große Glocke hängen. Erst knapp 40 Jahre nach den Ereignissen in den Morgenstunden des 28. Juni gibt Stormé DeLarverie in einem Interview zu: Ihre Festnahme und ihr Widerstand gegen Polizisten waren der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Als Polizisten das Stonewall Inn stürmen, halten sie DeLarverie zunächst für einen schwulen Mann - so schildert sie es später. Groß, androgyn und gut aussehend. Sie wird in Handschellen nach draußen geführt. Doch sie wehrt sich. Klagt, dass die Fesseln zu eng seien. Ein Polizist schlägt mit einem Knüppel auf sie ein. Sie blutet am Kopf und ruft der Menge, die sich inzwischen vor dem Lokal versammelt hat, zu: "Warum tut ihr nichts?" Einem Polizisten versetzt sie einen Schlag. Als sie schließlich zu einem Polizeiwagen befördert wird, eskaliert die Situation. Flaschen und Steine fliegen auf die Beamten. Mehrere Stunden liefern sich Staatsmacht und Bürger Auseinandersetzungen. Auch in den darauffolgenden Tagen kommt es zu Unruhen.

"Der Protest hat sich zu einem Mythos entwickelt"

"Stonewall war ein spontaner Akt der Selbstverteidigung gegen Polizeigewalt", sagt Historiker Ben Miller, Vorstand im Schwulen Museum Berlin. "Die Rebellion entstand aus einer Wut der Queeren Menschen aus der Arbeiterklasse und anderweitig Unterdrückter, auf die gewalttätige Polizei." Die Frage, wer den ersten Ziegelstein warf, sei im Rückblick auf die Ereignisse nicht so wichtig, sagt Miller im Gespräch mit ntv.de. "Wichtig ist, welche Art von Menschen war bei der Rebellion dabei." Entgegen der Annahme, es hätten vor allem schwule, weiße, gut situierte Männer den Aufstand geprobt, stammten diejenigen, die sich gegen Polizeiwillkür wehrten, aus verschiedenen Gesellschaftsschichten und hatten verschiedene Hautfarben. Einen gehörigen Anteil leisteten zudem Trans*Frauen, wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera.

"Stormé war die erste Person, die festgenommen wurde, eine 'stone butch', eine männlich gelesene lesbische Frau", sagt Miller. Er sei nicht sicher, ob alles tatsächlich genauso passiert sei, aber es handele sich um eine der wahrscheinlichsten Geschichten. "Es war ein dunkler, lauter Protest, der sich zu einem Mythos entwickelt hat, von dem alle einen Teil haben wollten." Die Stonewall-Rebellion sei eine Aktion von Menschen gewesen, die nichts zu verlieren hatten. "Irgendwann machten sie Platz für andere Elemente der Bewegung, die eher bürgerlich und kompromissorientiert waren." Als ein Jahr später mehrere Lesben, Schwule und Transgender mit einem Marsch an die Ereignisse erinnerten, war der Christopher Street Day, wie er heute in Europa bekannt ist, geboren.

Lange Zeit war die Rolle von DeLarverie im Entstehen der Proteste unklar. Erst später galt sie als "Rosa Parks der Queeren Gemeinschaft". Sie wurde 1920 als Kind eines weißen Mannes und dessen schwarzer Hausangestellten in New Orleans geboren. Laut Überlieferung ist das genaue Datum unbekannt, DeLarverie sollte ihren Geburtstag jedoch stets am 24. Dezember feiern. Ihre Kindheit im Süden der USA beschrieb sie einst als stetiges Weglaufen. Weglaufen vor Mitschülern, die sie aufgrund ihrer Herkunft hänselten, vor Hunden und Schlangen. Irgendwann habe sie beschlossen, nicht mehr zu flüchten, sondern sich ihren Peinigern zu stellen. Ein Umstand, der ihr später dabei half, zur Beschützerin der Queeren Gemeinschaft in New York City aufzusteigen.

Parallelen zu "Black Lives Matter"

In Interviews sagte DeLarverie, die hochbetagt im Jahr 2014 in einem Pflegeheim starb, dass sie von dem Wort "Randale" (Englisch: riot) im Zusammenhang mit den Ereignissen am 28. Juni 1969 nichts hielt. Für sie war es eine Rebellion, ein Aufstand, ziviler Ungehorsam. In den Jahrzehnten danach unterstützte sie die Gleichberechtigung der LGBTQ und engagierte sich auf vielfältige Art für die Gemeinschaft.

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Vorm Stonewall Inn kam es vor 51 Jahren zu einer Rebellion gegen Polizeigewalt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Berühmt berüchtigt ist ihr Auftreten als Türsteherin vor Lesben-Bars und Wächterin, die bewaffnet durch die Straßen zieht und ihre "Babys" vor Übergriffen schützt. Junge Queere Menschen und andere Mitstreiter wurden ihre Ersatzfamilie. Sie wurde als "lesbische Superheldin" gefeiert. In den Ruhestand ging sie erst, als sie das 80. Lebensjahr weit hinter sich hatte.

Ben Miller vergleicht die Proteste vor nunmehr 51 Jahren mit dem Hier und Jetzt. Seit Wochen gehen Tausende Menschen in den USA und anderen Staaten auf die Straße, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren. "Sie sehen sich als Teil einer unterdrückten Gemeinschaft und kämpfen gegen rassistische Polizeigewalt zurück. Das ist eine Parallele zu damals", sagt er. Denn noch heute gebe es zum Beispiel eine lesbische Unsichtbarkeit. Ein Umstand, der vermutlich dazu geführt haben könnte, dass Stormé DeLarveries Geschichte so lange unerzählt blieb.

Und was die Gewalt gegen nicht-weiße Transgender Menschen, vor allem Frauen, angeht: "Sie ist heute so stark wie noch nie", gibt Miller zu bedenken. Doch er hat auch eine Hoffnung: "Dass die 'Black Lives Matter'-Bewegung noch erfolgreicher ist als Stonewall. Dass nicht nur Änderungen für bürgerliche, reichere oder privilegierte Teile der Gesellschaft erreicht werden, sondern für alle."

Quelle: ntv.de