Panorama

Corona-Krise und Prüfungsstress Medizinstudenten beklagen Hammerexamen

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Statt zur Prüfung sollen die Medizinstudenten in die Kliniken, um in der Corona-Krise zu helfen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lange stritten Behörden und Medizinstudenten um die Verschiebung des zweiten Staatsexamens wegen der Pandemie. Nun entscheiden sich die meisten Bundesländer überraschend dagegen - außer Bayern und Baden-Württemberg. Das stößt bei den Studenten auf heftige Kritik.

In der Corona-Krise sind die Kliniken in Deutschland auf jede Hilfe angewiesen. Vor allem über die wachsende Unterstützung von Medizinstudenten freuen sich die Krankenhäuser: Inzwischen haben sich Tausende angehende Ärzte gemeldet, die im Kampf gegen die Pandemie freiwillig helfen wollen. Dass deswegen allerdings ihr anstehendes zweite Staatsexamen verschoben werden sollte, hat in den vergangenen Wochen bei vielen von ihnen für Verunsicherung und Frust gesorgt. Eigentlich sollten rund 4000 Medizinstudenten die Prüfung Mitte April ablegen. Stattdessen sehen sich nun einige nächstes Jahr mit einem sogenannten Hammerexamen konfrontiert.

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Die zuständigen Institutionen waren lange skeptisch, ob sie den Schutz der Prüflinge Mitten in der Corona-Krise gewährleisten könnten. Daraufhin änderte sogar Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vergangene Woche die Approbationsordnung für Ärzte: Mit der Verordnung werden die Prüfungen grundsätzlich um ein Jahr verschoben, die Studierenden sollen vorzeitig ins Praktische Jahr (PJ) starten, um die Kliniken im Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen. Gleichzeitig stellte es Spahn den Bundesländern frei, von dieser Regelung abzuweichen. Sie könnten die Prüfungen wie geplant stattfinden lassen, wenn sie deren "ordnungsgemäße Durchführung" unter Einhaltung der aktuellen Sicherheits- und Hygiene-Maßnahmen des Infektionsschutzes gewährleistet können.

Überraschend folgten die meisten Bundesländer nicht der Linie des Bundesgesundheitsministeriums. Sie werden das zweite Staatsexamen wie geplant Mitte April abnehmen. Nur Bayern und Baden-Württemberg entschieden sich für das "Hammerexamen". Dort wird die Prüfung erst nach Ende des PJ stattfinden, unmittelbar vor dem dritten Staatsexamen. "Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber es gibt wichtige Gründe für die Verschiebung – vor allem mit Blick auf das Infektionsrisiko", sagte die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml am Freitag. Die jetzige Lösung habe den Vorteil, dass sich die Medizinstudenten auch ohne das zweite Staatsexamen in der Gesundheitsversorgung einbringen und gleichzeitig ihr Studium fortsetzen könnten.

So bleibe aber viel zu wenig Zeit zum Lernen, die Studenten stünden vor einer Mammutaufgabe, kritisierte hingegen die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bmvd) – und warnte vor schweren psychischen Belastungen. Daher hat die Vereinigung bereits vor der Entscheidung des Bundesgesundheitsministeriums eine Petition für "faire Bedingungen für das praktische Jahr und Staatsexamina" gestartet. Mehr als 100.000 Menschen haben die Online-Petition unterschrieben. Allerdings könne nach der Entscheidung der Bundesländer von gleichen und fairen Bedingungen an den verschiedenen Standorten nicht die Rede sein.

Berlin wählt studentenfreundliche Option

Auch Medizinstudent Sebastian Reiß von der Universität Tübingen sieht sich benachteiligt. Er kann nicht verstehen, warum in manchen Bundesländern die Prüfung stattfindet und in anderen nicht. "Es kann doch nicht sein, dass Nordrhein-Westfalen das organisatorisch hinbekommt und Baden-Württemberg nicht", sagt der 30-Jährige dem Magazin "Bento". Er lerne seit Mitte Dezember für das Examen - jeden Tag im Schnitt acht bis zehn Stunden. "Das Examen war das große Ziel in diesem Semester. Das alles ist jetzt wie weggeblasen."

Es hätte eine bundesweite Lösung geben müssen, sagt Reiß. Seiner Meinung nach wäre nur eine Option wirklich sinnvoll und fair gewesen: "das Examen ersatzlos zu streichen". Da aber Baden-Württemberg die Prüfung auf 2021 verschoben hat, werde "das Hammerexamen jetzt ein Jahr lang über allem schweben." Er will die Entscheidung nicht hinnehmen und weiterhin für eine gerechte Lösung kämpfen.

Für eine studentenfreundlichere Option entschied sich neben Sachsen und Sachsen-Anhalt auch Berlin. Der Senat stellt den Medizinstudenten frei, ob sie ihre ursprünglich für Mitte April geplanten Staatsexamen ablegen oder nicht. Eine entsprechende Regelung verabredeten die SPD-geführten Senatsverwaltungen für Bildung und Wissenschaft am vergangenen Freitag. Offiziell solle das sogenannte "Optionsmodell" zeitnah vorgestellt werden.

Diese Möglichkeit hatte sich auch die bvmd für alle Studenten gewünscht. "Dass die Studierenden wählen dürfen, ist aus unserer Sicht eine sehr kulante Regelung", sagte Sprecher Martin Jonathan Gavrysh der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Er gab aber auch gleichzeitig zu bedenken, dass diese Lösung "rechtssicher sein muss, denn es hilft nichts, wenn sie am Ende doch kassiert wird und die Studierende noch weniger Planungssicherheit als vorher haben."

Quelle: ntv.de