Panorama

Kampf gegen die Pandemie Medizinstudenten helfen in der Coronakrise

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Medizinstudenten helfen auf der Intensivstation den Pflegekräften oder betreuen die Telefonhotlines der Gesundheitsämter.

(Foto: picture alliance/dpa)

Volle Krankenhäuser, fehlendes Personal: In mehreren Regionen Europas bricht das Gesundheitssystem unter der Last der vielen Corona-Patienten zusammen. Damit das nicht auch in Deutschland passiert, melden sich Tausende Studierende der Medizin freiwillig, um die Kliniken zu unterstützen.

Das Coronavirus hat Europa fest im Griff. Mediziner berichten vielerorts von dramatischen Zuständen in Krankenhäusern. Frankreich erwartet am Wochenende die bisher größte Welle von Corona-Kranken. Dabei sind in manchen Regionen die Kliniken schon jetzt überlastet. Die Sorge, dass Deutschland etwas Ähnliches bevorsteht, ist groß. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn rechnet mit weiter steigenden Belastungen für Krankenhäuser in der Coronakrise. "Noch ist das die Ruhe vor dem Sturm", sagte Spahn am Donnerstag. Keiner könne genau sagen, was in den nächsten Wochen kommt. Er appellierte an die Leiter deutscher Krankenhäuser, sich auf steigende Infektionszahlen vorzubereiten. Somit rüsten sich Kliniken auf Hochtouren für den Notfall - und sind dabei auf jede Hilfe angewiesen.

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Eine von Medizinstudierenden aus Deutschland und Österreich geschaffene Online-Plattform bringt Kliniken und Studenten zur personellen Stärkung des Gesundheitssystems zusammen. Michael Neulinger ist Student an der Medizinischen Universität Graz und Co-Initiator von medis-vs-covid19.de. "Mehr als 200 Spitäler und medizinische Einrichtungen in beiden Ländern haben sich bei uns gemeldet und Bedarf an Unterstützung bekannt gegeben", sagte er der österreichischen Nachrichtenagentur APA. Die Plattform verbindet zwei Facebook-Gruppen von Medizinstudenten und die Kliniken miteinander. Während die Studierenden auf der Homepage die Kontaktdaten der Kliniken finden, können die Gesundheitseinrichtungen ihre Hilfegesuche in den beiden Facebook-Gruppen posten. Mehr als 23.000 Studierende verschiedener Fachrichtungen sind darin bereits verzeichnet.

Auch Jochen A. Werner, Ärztlicher Direktor des Uniklinikums Essen, will Studenten in der Krise einbinden. "Aktuell haben wir um die 500 Medizinstudierende, die sich bei uns gemeldet haben und uns unterstützen wollen", sagt Werner ntv.de. Besonders wichtig seien Studierende, die eine Pflegeausbildung haben oder sogar ausgebildete Intensivpflegekräfte sind. "Die versuchen wir natürlich adäquat im Bereich der Pflege einzusetzen." Je nach Kenntnisstand sollen die restlichen Studenten für die nötigen Stationen geschult werden.

Ausbildung im Schnelldurchlauf

In Jena folgten mehr als 800 angehende Mediziner einem Aufruf des Uniklinikums und meldeten sich in ihren Semesterferien als Helfer während der Corona-Pandemie. Jüngere Semester würden vor allem an der Hotline des Gesundheitsamtes sitzen und Kontaktpersonen ermitteln, sagte Jens Maschmann, der Medizinische Vorstand am Uniklinikum, dem MDR. Die älteren seien in der Notaufnahme, der Fiebersprechstunde und bald auch in der psychologischen Telefonberatung und auf den Stationen am Uniklinikum tätig.

"Angesichts der noch zu erwartenden Belastungen für die Patientenversorgung an der Klinik können die Studierenden ein wichtiger Beitrag sein, um das medizinische Fachpersonal kompetent zu unterstützen", sagte Maschmann. Obwohl der reguläre Lehrbetrieb derzeit eingestellt sei, würden die angehenden Medizinstudenten so lernen und Praxiserfahrung sammeln. Als Krisenhelfer sind sie vertraglich abgesichert und werden auch entlohnt.

Die Uni Münster macht zurzeit Medizinstudenten im Schnelldurchlauf fit für die Aufnahme und Versorgung von Corona-Patienten. Dafür hat die Medizinische Fakultät eine einwöchige Fortbildung entwickelt, die üblicherweise ein halbes Jahr dauert. Das teilte die Uniklinik Münster mit. Weil der Lehrbetrieb an den Universitäten in NRW derzeit ruht, hatte die Uni Münster bei ihren 3000 Medizinstudenten nachgefragt, wer sich im Kampf gegen das Coronavirus freiwillig engagieren will. 1800 hätten sich gemeldet, hieß es. Freiwillige mit abgeschlossener Pflegeausbildung wurden sofort an die Klinik übergeben, für die anderen sei die Fortbildung entwickelt worden.

Nicht jeder muss Krankenhausdienst machen

"Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen" - mit diesem Credo hat auch die Technische Universität München ihre Studierenden ermutigt, zu helfen. Im Klinikum Rechts an der Isar, an dem die Studenten ausgebildet werden, gingen daraufhin innerhalb kurzer Zeit Hunderte Bewerbungen ein. Schon die Erfassung dieser Bewerber und der Einstellungsprozess binde viel Arbeitskraft, sagt Silke Großmann, Pflegedirektorin am Klinikum, der "Süddeutschen Zeitung". Bewerbungsgespräche fänden nur am Telefon statt. Schnell und pragmatisch müsse geklärt werden, wen man wo am besten brauchen könne.

Der Einsatzort muss nicht immer das Krankenhaus sein. Auch chronisch unterbesetzte Gesundheitsämter sind auf die Unterstützung der Studenten angewiesen. Mit ihrem Fachwissen können sie die Telefonhotline der Behörde betreuen und Bürger aufklären. Zudem können sie beim sogenannten Tracing mithelfen, wo in einer Art Detektivarbeit nach Ansteckungen gesucht wird.

Noch sei die Lage überschaubar, sagte Großmann, die das Klinikum gut vorbereitet sieht, der Zeitung. Im Moment lege man dort, wie auch in vielen anderen Klinken in ganz Deutschland, Stationen zusammen, um Platz für Corona-Patienten zu schaffen. In der momentanen Lage könne man jeden gut einarbeiten, sagt sie. Auch die Studenten.

Quelle: ntv.de