Panorama

Umweltkatastrophen in Norilsk "Putin ist verbal etwas ausgerutscht"

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Einsatzkräfte veruchen in Norilsk mit Baggern die Ausbreitung des Ölteppichs zu verhindern.

(Foto: picture alliance/dpa)

In einem Kraftwerk nahe der sibirischen Stadt Norilsk entweichen 20.000 Tonnen Öl durch ein Leck in zwei Flüsse. Nur einen Monat später ist das verantwortliche Unternehmen Nornickel in einen weiteren Skandal verwickelt: Umweltschützer finden heraus, dass der weltgrößte Nickelproduzent giftige Abfälle in Flüsse und Seen leitet. Das riesige Unternehmen wird vom reichsten Mann des Landes geleitet, dem Milliardär Wladimir Potanin, und hat großen Einfluss in Norilsk: "Es arbeiten vor allem ehemalige Manager in der Stadtverwaltung", sagt Dorothea Wehrmann im Gespräch mit ntv.de. Sie forscht am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zu arktischen Städten und weiß, dass die Aufräumarbeiten in der nördlichsten, einsamsten und womöglich auch schmutzigsten Großstadt der Welt kompliziert werden.

ntv.de: Sind Sie schon einmal in Norilsk gewesen?

Dorothea Wehrmann: Noch nicht, aber es würde mich sehr interessieren. Norilsk ist leider wie eine Insel nur mit dem Flugzeug zu erreichen oder im Sommer mit dem Schiff. Oder im Winter, wenn Eisbrecher die Route im Nordpolarmeer freihalten.

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Dorothea Wehrmann forscht unter anderem zur internationalen und transnationalen Arktis- und Antarktispolitik.

(Foto: privat)

Diese Abgeschiedenheit macht es vermutlich schwer, eine Umweltkatastrophe zu bekämpfen, oder?

Absolut. Zumal es für ausländische Personen ohne Genehmigung nicht möglich ist, die Stadt zu erreichen. Das ist auch eine Schwierigkeit: Die Stadtverwaltung oder das Unternehmen, das dort ansässig ist, Nornickel, müssen eine Genehmigung erteilen. Sonst können nur Personen aus Russland oder Weißrussland dorthin reisen.

Ohne Genehmigung kommt man nicht in die Stadt?

Norilsk gilt als sogenannte geschlossene Stadt. Nornickel hat diesen Status, als man ihn 2001 bekam, mit Arbeitsmigration begründet. Man kann natürlich spekulieren, welche anderen Gründe dahinterstecken, denn Norilsk gilt als die schmutzigste Stadt Russlands und als eine der schmutzigsten der Welt. Deshalb ist es vielleicht auch nicht erwünscht, dass sich zu viele Menschen in der Stadt aufhalten.

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Norilsk scheint sehr eng mit Nornickel verbandelt zu sein.

Norilsk ist vor allem für die Nickelproduktionen bekannt, und Nornickel ist das größte Unternehmen in der Region. In Norilsk leben knapp 180.000 Einwohner, fast 80.000 von ihnen sind bei Nornickel beschäftigt, dem größten Arbeitgeber der Region. Darüber hinaus ist Nornickel eines der zehn größten und profitabelsten Unternehmen Russlands mit einem Jahresumsatz von knapp 13,6 Milliarden US-Dollar und der Weltmarktführer in der Nickelproduktion.

Der Besitzer von Nornickel, Wladimir Potanin, ist auch der reichste Mann Russlands. Umweltschützer und russische Medien werfen ihm vor, auf der Taimyr-Halbinsel, auf der Norilsk liegt, "einen selbständigen Staat mit eigenen Gesetzen" geschaffen zu haben. Kontrolliert er die Stadt?

Er ist ein sehr einflussreicher Oligarch, und es werden ihm auch sehr enge, freundschaftliche Verbindungen zu Wladimir Putin nachgesagt. Er ist Vorsitzender der Interros-Holding. Die hält große Anteile an Nornickel. Und dadurch, dass vor allem ehemalige Manager in der Stadtverwaltung von Norilsk arbeiten, ist der Einfluss des Unternehmens in der Region natürlich sehr groß. Ob er einen eigenen Staat in der Region geschaffen hat, kann ich nicht einschätzen. Aber ich würde schon sagen, dass Potanin auf jeden Fall sehr viel Einfluss geltend machen kann.

Das macht sich möglicherweise auch bemerkbar in der Erklärung, die die russische Regierung nach der zweiten Umweltkatastrophe veröffentlicht hat. Sie hat diese Katastrophe ein Stück weit verharmlost, indem sie sehr schnell die Argumentation des Unternehmens aufgegriffen hat: Es sei notwendig gewesen, die Abwässer umzuleiten, um eine Überschwemmung des Absetzbeckens zu verhindern. Das Filmmaterial, das Umweltschützer und Journalisten mitgebracht haben, erweckt aber den Eindruck, dass diese Abflussrohre dauerhaft dort verlegt wurden.

Norilsk - einsam, kalt und schmutzig

Das Interview mit Dorothea Wehrmann ist für unseren "Wieder was gelernt"-Podcast entstanden und gibt es auch zum Anhören. "Norilsk - kalt, einsam und schmutzig" finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden. Kopieren Sie die Feed-URL und fügen Sie "Wieder was gelernt" zu Ihren Podcast-Abos hinzu.

Diese Vorwürfe sind aber schwer nachzuprüfen, wenn die Stadt unter Kontrolle von Nornickel steht.

Das ist richtig, obgleich inzwischen ermittelt wird. Aber dennoch ist es unglücklich, dass die Argumentation von Nornickel sofort ohne Überprüfung übernommen wird, obwohl Hinweise darauf hindeuten, dass es eine länger gültige Praxis war, diese Abwässer in Flüsse und Seen abzuleiten. Dafür spricht beispielsweise die Veränderung der Natur. Darauf verweisen auch die Umweltschützer, die das ans Tageslicht gebracht haben: In der näheren Umgebung sind massive Schäden sichtbar. Die lassen sich nicht auf ein paar Stunden fließendes Abwasser zurückführen.

Wie sehen diese Schäden aus?

Es stehen tote Bäume in der Region, manche sind gelb-orange gefärbt. Es wächst einfach nichts mehr, und man findet tiefer im Wald größere, übel riechende Tümpel. Die lassen auch darauf schließen, dass das nicht zum ersten Mal praktiziert wurde.

Kann man sagen, dass diese Entwicklung unausweichlich war? Norilsk wurde ja 1935 speziell für die Nickelförderung als Industriestandort gegründet.

Diese Region und die Stadt sind bekannt für die Umweltverschmutzungen. Und natürlich, durch die Nickelproduktion als solches gibt es Schwefelausstöße, die die Umwelt auf jeden Fall massiv belasten. Es ist aber trotzdem bedenklich, weil sich Norilsk als nördlichste Großstadt der Erde oberhalb des Polarkreises befindet. Und gerade die erste Umweltkatastrophe Ende Mai hat gezeigt, dass ein sehr besonderes und einmaliges Gebiet belastet wird.

Umweltverschmutzungen in der Arktis sind nicht nur schwer einzudämmen, sondern können auch Folgen für andere Anrainerstaaten haben. Wir reden hier vom Polarmeer, vom Arktischen Ozean - das ist Riesengebiet ohne Grenzen, die man schließen kann, um bestimmte Flächen einzudämmen. Wenn mehr als 20.000 Tonnen Öl ins Wasser fließen, ist es schwer, das dauerhaft zu reinigen. Das sagen auch Experten: Es wird Jahre dauern, die Umwelt wieder aufzubauen. Erst recht im Winter, wenn Eisschichten die Reinigung erschweren. Da hat man aktuell fast noch Glück gehabt, dass wir uns in der Sommerzeit befinden.

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Wladimir Putin geht die Verantwortlichen an.

Sind Sie noch ganz richtig im Kopf?

(Foto: imago images/ITAR-TASS)

Haben Sie Hoffnung, dass in Norilsk im wahrsten Sinne des Wortes "aufgeräumt" wird?

Der Schaden wird sicherlich angegangen werden müssen. Aufgeräumt im Sinne von einem Umdenken - das wäre wünschenswert, hängt aber davon ab, wie viel internationaler Druck aufgebaut wird. Auch von russischer Seite. Es gibt Videos von der Reaktion von Wladimir Putin: Er hat erst Tage später von dem Unglück erfahren, ist verbal etwas ausgerutscht und hat deutlich gemacht, dass er so etwas nicht billigt. Deshalb kann man schon hoffnungsvoll sein, dass in Norilsk ein anderer Druck besteht.

Auch durch den Arktischen Rat, in dem die Anrainerstaaten der Arktis sitzen. Der hat sich seit seiner Gründung 1996 den beiden Themen "Nachhaltige Entwicklung" und "Umweltschutz" verschrieben, und bisher wurde Russland als verlässlicher Partner wahrgenommen. Dieses Ansehen könnte leiden, wenn die Katastrophe nicht angegangen wird.

Wladimir Putin hat Wladimir Potanin aufgefordert, dass er persönlich für die Beseitigung der Umweltschäden zahlt.

Genau.

Hört die Freundschaft an dieser Stelle auf oder handelt es sich um reine PR?

Eine freundschaftliche Beziehung ist natürlich etwas, was sich in der Qualität unterscheiden und auch über die Zeit verändern kann. Wie gut sie befreundet sind, kann ich nicht sagen. Dafür ist mein Kenntnisstand einfach zu gering. Dass es aber überhaupt möglich gewesen ist, eine Stadt oberhalb des Polarkreises in der Art abzuriegeln und die Umweltverschmutzung so lange zu vertuschen, ist ja an sich erstaunlich. Und das war mir auch, bis ich mich stärker mit Norilsk beschäftigt habe, so nicht bekannt.

Mit Dorothea Wehrmann sprach Christian Herrmann

Quelle: ntv.de