Panorama

Kindesmisshandlung oft übersehen Schützt Deutschland seine Kinder nicht?

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Jede Woche sterben in Deutschland im Schnitt drei Kinder einen gewaltsamen Tod.

(Foto: imago images/blickwinkel)

Die sechsjährige Leonie stirbt an einer Gehirnblutung, die durch Misshandlungen ausgelöst wurde. Ihr Stiefvater muss für die Schläge und Tritte, die zu ihrem Tod führten, lebenslang in Haft - doch das ist nicht die Regel. Die Täter kommen oft frei, viele Taten bleiben unentdeckt. Wie kann das sein?

Gerade einmal sechs Jahre alt wurde Leonie aus Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, bevor ihr Stiefvater sie zu Tode prügelte. Dafür muss er nun lebenslang in Haft. Leonies Schicksal ist kein Einzelfall. 2018 wurden laut BKA-Bericht 136 Kinder gewaltsam getötet, die meisten von ihnen (fast 80 Prozent) starben vor dem sechsten Lebensjahr. In 98 weiteren Fällen blieb es beim Tötungsversuch. Oft kommen ihre Peiniger frei. Doch wie kommt es überhaupt dazu, dass in Deutschland Kinder misshandelt werden und viele Täter mit einem milden Urteil davonkommen?

Ein Freispruch sei bei Kindesmisshandlung nicht ungewöhnlich, sagt Rechtsmedizinerin Dr. Saskia Etzold ntv.de. "In dem Moment, in dem das Gericht glaubhafte Zweifel an der Täterschaft einer Person hat, wird immer im Zweifel für den Angeklagten entschieden." Grund sei ganz oft folgendes Problem: "Es gibt ein misshandeltes Kind, zwei Bezugspersonen, die nicht aussagen und die beide als Täter in Frage kommen", erklärt die Autorin von "Deutschland misshandelt seine Kinder". Vor Gericht müsse dann nachgewiesen werden, wer von beiden die Tat begangen hat. "Ist nur ein Erwachsener mit dem schwer misshandelten Kind zusammen gewesen, dann ist die Beweislage oftmals relativ klar. Das größere Problem ist, wenn zwei mögliche Täter vor Ort waren und beide behaupten, sie hätten die Tat nicht begangen und man nicht nachweisen kann, wer von beiden es war." Im Fall Leonie konnte vor Gericht nachgewiesen werden, dass der Stiefvater vor ihrem Tod mit der Sechsjährigen allein gewesen war.

Sozialarbeiter im Studium nicht geschult

Oftmals kommt es erst gar nicht zu einem Prozess, weil die Kindesmisshandlung nicht erkannt wird. Das liegt Etzold zufolge auch an der Ausbildung von Sozialarbeitern. "Im Studium der sozialen Arbeit ist Kindesmisshandlung kein Standardausbildungsteil. Die Sozialarbeiter, die später in diesem Bereich eingesetzt werden und mit Eltern arbeiten sollen, die fraglich ihre Kinder misshandeln, haben in ihrer Ausbildung Kindesmisshandlung nicht als Pflichtmodul gehabt." Es gebe zwar die Möglichkeit es zu wählen, allerdings könne man sein Studium auch abschließen, ohne in diesem Thema ausreichend geschult worden zu sein, kritisiert Etzold. "Noch vor wenigen Jahren war das auch im Medizinstudium der Fall." Dann könne man auch nicht erwarten, dass Mediziner oder Sozialarbeiter genau erkennen können, was da vorliegt, wenn sie in dem Bereich nicht richtig ausgebildet seien. Wichtig sei deshalb, dass regelmäßig Weiterbildungen in dem Bereich stattfänden. Vor allem müsse man erst einmal wissen, woran man körperliche Misshandlung erkenne, wenn man mit Kindern arbeitet.

Doch in der Realität sieht es oft anders aus. Sozialarbeiter seien darin ausgebildet, Familien zu unterstützen, sagt Etzold. "Nehmen wir einmal an, ein Sozialarbeiter arbeitet mit den Eltern und sieht ein sichtbar verletztes Kind. Dann kann es sein, dass das Kind gerade laufen lernt und sich einfach gestoßen hat. Es kann aber auch sein, dass es geschlagen wurde." In dieser Situation müsse der Sozialarbeiter dann entscheiden, ob er das Kind zum Arzt schickt, oder ob er sich mit der Erklärung der Eltern zufriedengibt, das Kind habe sich gestoßen.

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Deutschland misshandelt seine Kinder

Auch ob es am Ende zu einer Untersuchung kommt, hänge von mehreren Faktoren ab. "Die Entscheidungsbefugnis, ob das Kind untersucht wird, notfalls auch gegen den Willen der Eltern, obliegt dem Jugendamt." Zusammen mit den Eltern könne dann entschieden werden, ob das Kind untersucht werde. Verweigern die Eltern eine Untersuchung, habe das Jugendamt das Recht, sie gegen ihren Willen zu veranlassen, indem sie das Kind in Obhut nehmen.

Zeugen schauen häufig weg

Das setze jedoch voraus, dass überhaupt ein Verdachtsmoment vorliegt. Es könne schließlich sein, dass sich das Kind wirklich beim Laufen lernen gestoßen hat. "Dann wollen sie das Vertrauen, das sie in den Familien gewonnen haben, nicht gleich wieder verspielen. Auf der anderen Seite wollen sie auch keine Kindesmisshandlungen übersehen", fasst Etzold das Problem zusammen.

Kindesmisshandlung: Was kann man tun?

Bei einem Verdacht auf Kindesmisshandlung können Sie sich an folgende Stellen wenden:

 

  • Kinderschutzbund
  • Familien- und Erziehungsberatungsstellen
  • Jugendamt
  • Polizei

Wichtige Telefonnummern:

 

  • Elterntelefon "Nummer gegen Kummer": 0800 1110550
  • Kinder- und Jugendtelefon: 116111
  • Hilfetelefon "Gewalt gegen Frauen": 08000 116016
  • Telefon Seelsorge: 116123

Doch nicht nur eine verbesserte Ausbildung von Sozialarbeitern könne schlimmere Kindesmisshandlung verhindern, auch Zeugen seien in der Pflicht einzugreifen. "Es gibt den Passus der unterlassenen Hilfeleistung", erklärt Etzold. Dabei werde nicht verlangt, sich selbst in ein körperliches Risiko zu begeben. "Bekommen Sie mit, dass jemand angegriffen wird, erwartet man nicht von Ihnen, dass sie selbst dazwischengehen. Allerdings stehen Sie in der gesetzlichen Pflicht, Hilfe zu rufen, sofern Sie dazu in der Lage sind." Trotzdem kommen viele Menschen dieser Pflicht nicht nach, wie sich auch im Fall Leonie zeigt.

Ein Cousin des Angeklagten habe vor Gericht ausgesagt, Leonies Stiefvater hätte ihr an einem gemeinsamen Grillabend "mit voller Wucht" ins Gesicht geschlagen. "Er hat richtig ausgeholt, ich erinnere mich noch genau. Anschließend packte David die kleine Leonie und steckte das Mädchen kopfüber in den schwarzen Müllsack. Leonie schrie, lief anschließend weinend in ihr Zimmer", zitiert die "Bild-Zeitung" die Zeugenaussage. Trotzdem brachte er den Fall nicht zur Anzeige.

Das sei bei Weitem kein Einzelfall. Doch warum verschweigen viele Menschen Vorfälle wie diesen? "Angst", weiß Etzold. "Davor, dass sich diese Wut gegen sie richtet. Viele sind auch einfach so geschockt, dass sie nicht wissen, was sie machen sollen." Jede Woche werden in Deutschland im Schnitt drei Kinder gewaltsam getötet, wie aus dem BKA-Bericht hervorgeht. Gerade bei Kindern, die auf Schutz angewiesen sind, ist Zivilcourage extrem wichtig. "Kinder können nicht einfach ihre Koffer packen und gehen."

Quelle: ntv.de