Panorama

"Gefangene auf eigenen Schiffen" Seeleute kämpfen mit Corona-Pandemie

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Der "Seamen's Club Welcome" in Bremerhaven ist ziemlich leer. Kaum Seepersonal geht von den Schiffen an Land.

(Foto: picture alliance/dpa)

Rund um den Erdball sitzen Seefahrer durch die Corona-Pandemie in Häfen fest und dürfen teilweise nicht einmal ihr Schiff verlassen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Und selbst wenn der Landgang glückt, ist der Weg in die Heimat durch weitere Hindernisse verbarrikadiert.

Im "Seamen's Club Welcome" ist abends eigentlich immer was los. Mitten im Bremerhavener Überseehafen bietet er Seeleuten die Möglichkeit, sich eine Auszeit vom harten Bordalltag zu nehmen. Doch an diesem Abend kurz vor Weihnachten ist nur ein einziger Seemann da: Antonio Zorrilla von den Philippinen, er arbeitet auf einem Autotransporter, der gerade in der Werft repariert wird. Er gönnt sich ein Bier, kauft sich eine Telefonkarte und Schokolade im Club-Kiosk. "Ich habe meinen freien Tag", sagt der 52-Jährige. Und seine Kollegen? Wollten sie nicht mit? Zorrilla zuckt mit den Schultern.

In Corona-Zeiten ist alles anders als sonst. Der Bremerhavener Seemannsdiakon Thomas Reinold schätzt, dass die Besucherzahl im Club um mehr als zwei Drittel zurückgegangen ist. Die Seeleute wollen im Hafen nicht von Bord gehen - aus Angst, sich mit dem Virus zu infizieren und ihn aufs Schiff zu bringen. "Es gibt aber auch Fälle, da verbietet es der Kapitän oder die Reederei", sagt Reinold. Anke Wibel, Diakonin im Hamburger Seemannsclub Duckdalben, weiß von Fällen, bei denen Seeleute seit Mai nicht an Land gekommen sind: "Das macht sie zu Gefangenen auf ihren eigenen Schiffen."

Seeleute dürfen je nach Vertrag bis zu elf Monate am Stück auf einem Schiff arbeiten, in der Regel sind es neun Monate. Für die meisten sei es daher wichtig, in den kurzen Liegezeiten im Hafen mal von Bord zu kommen, sagt Diakon Reinold. Sie könnten dann mit der stabilen Internetverbindung im Seemannsclub in Ruhe mit der Familie skypen, persönliche Dinge einkaufen oder einfach mal durchatmen. Damit das auch in Corona-Zeiten möglich ist, wurde vorgesorgt: "Wir haben im Duckdalben ein strenges Hygienekonzept, Crews mischen sich nicht und können sich weiträumig aus dem Weg gehen", sagt Wibel. Weil die Seeleute trotzdem nicht kommen, haben die Seemannsmissionen im Norden Lieferservices eingerichtet. Die per Mail oder Telefon bestellten Waren werden an der Hafenkante übergeben. In der Adventszeit gibt es obendrauf kleine Geschenke. "Es ist ein Zeichen, dass wir an die Seeleute denken, die auch Weihnachten für uns die Waren transportieren", sagt Reinold.

Hunderttausende Seefahrer betroffen

Dabei wollen manche Seeleute einfach nur nach Hause - und können wegen der Pandemie nicht. Nach Schätzungen der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation IMO warten weltweit rund 400.000 Seefahrer nach Ende ihres Einsatzes darauf, ihre Schiffe verlassen zu können. Zwar sei die Situation glücklicherweise nicht mehr so dramatisch wie beim ersten Lockdown im Frühjahr, sagt Sven Hemme von der Internationalen Transportarbeiter-Föderation. Aber immer noch verbieten manche Länder, dass Seeleute in ihren Häfen von Bord gehen. Hemme steht mit einem philippinischen Seemann in Kontakt, der seit August auf einem Schiff festsitzt, das in China in einer Werft liegt. "China lässt ihn und seine Kollegen nicht ausreisen", sagt der Gewerkschafter.

In anderen Häfen fehlen die Rückflugmöglichkeiten, weil weniger Flüge angeboten werden. "Dann müssen sie noch einen Hafen weiterfahren und es wieder versuchen", sagt Hemme. "Es ist ein Lotteriespiel." So bleiben Seeleute unfreiwillig länger an Bord. "Das ist fatal", betont Reinold. Viele Seeleute seien chronisch erschöpft. Und das sei nicht nur menschlich eine Katastrophe. "Es passieren auch Unfälle."

Länder verbieten Einreise

Zudem gibt es Staaten, die ihre eigenen Landsleute wegen der Corona-Pandemie nicht einreisen lassen. In Hamburg sind 60 Seeleute aus Kiribati gestrandet, auch sie werden Weihnachten nicht bei ihren Familien sein können. Wegen der Pandemie schloss der Pazifikstaat seine Grenzen, selbst für die eigenen Bürger. "Unter den Seemännern sind welche, die seit 18 Monaten nicht zu Hause waren", sagt Wibel. Erst waren sie auf See - und dann seien sie unfreiwillig in einem fremden Land, ohne zu wissen, wann sie wieder nach Hause können.

"Das sind starke psychische Belastungen", betont die Diakonin. "Einer ist inzwischen Vater geworden, er hat das Kind noch nie gesehen." Die teils rigiden Reiseeinschränkungen müssten aufgehoben werden, fordert auch der Präsident des Verbands Deutscher Reeder, Alfred Hartmann. Zudem müssten Seeleute als systemrelevant eingestuft und dann auch bevorzugt geimpft werden. Das würde auch einen Fall vermeiden, von dem Diakon Reinold berichtet: Ihm erzählte ein indonesischer Seemann, er könne nicht nach Hause - aus Sorge um den Arbeitsplatz seiner Frau. "Sie arbeitet als Lehrerin", sagt Reinold. "Sie hätte nicht weiter unterrichten dürfen, wenn sie mit ihm Kontakt hätte."

Antonio Zorrilla von den Philippinen geht es dagegen gut: Sein Arbeitgeber ist eine US-amerikanische Reederei, er ist immer nur vier Monate an Bord. Und er darf in Häfen von Bord gehen, wenn er denn will. Weihnachten wird er auf hoher See verbringen. Für ihn sei das aber kein Problem, sagt der 52-Jährige: "Ich bin noch Single."

Quelle: ntv.de, Janet Binder, dpa