Panorama

Russlands Corona-Impfstoff Sputnik V - Exportschlager oder Ladenhüter?

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Russland exportiert seinen Corona-Impfstoff in Dutzende Länder, im eigenen Land wollen ihn dagegen wenige.

(Foto: REUTERS)

Russland exportiert seinen Impfstoff Sputnik V in etliche Länder, bald vielleicht auch nach Deutschland. Doch so gefragt das Vakzin international ist, in der Heimat will es kaum jemand haben - obwohl es keine Priorisierung gibt und sich prinzipiell jeder impfen lassen kann. Auch im Einkaufszentrum.

Wer sich in Moskau gegen das Coronavirus impfen lassen will, braucht nicht sonderlich viel Geduld. Es gibt keine Priorisierung, das Vakzin Sputnik V wird in der russischen Hauptstadt unkompliziert unter die Leute gebracht, unter anderem im Einkaufszentrum oder in der Oper. Das liegt aber nicht an gigantischen Mengen Impfstoff, die Russland produziert, sondern an der geringen Impfbereitschaft.

"Die Impfskepsis ist durchaus sehr verbreitet und geht auch über den Impfstoff gegen Corona hinaus. Beim Corona-Impfstoff ist es jetzt aber nochmal sehr deutlich geworden", sagt Fabian Burkhardt im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Der Politikwissenschaftler vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropa-Forschung in Regensburg ist Herausgeber der Online-Zeitschrift Russland-Analysen.

Und seine Aussage spiegelt sich auch in einer Umfrage des russischen Instituts Levada Center wider. Demnach waren im Dezember nur 38 Prozent der Russen bereit, sich impfen zu lassen, 58 Prozent waren es nicht. Im Februar ist die Bereitschaft sogar auf 30 Prozent gesunken, während 62 Prozent eine Impfung ablehnten. Zudem fällt auf, dass in Russland besonders die junge Generation impfskeptisch ist. Von den befragten 18- bis 24-Jährigen gaben nur 19 Prozent an, sich impfen lassen zu wollen. Der Wert steigt mit dem Alter, über 55-Jährige sind immerhin zu 40 Prozent impfbereit.

Impfstoffmangel in Teilen Russlands

Im Alltag gestalten sich diese Werte so, wie es die regierungskritischen Journalisten von "The Bell" beschreiben. Einer der Reporter habe sich im März in einem Moskauer Einkaufszentrum impfen lassen, schreiben die Exil-Russen in einer Reportage. Er war einer von nur zwei Patienten in einem für 40 Personen ausgelegten Warteraum.

Fast menschenleere Impfstationen sind der Beleg für mangelndes Vertrauen in die Regierung. Obwohl Russland einen eigenen, anscheinend sehr wirksamen Impfstoff hat, liegt man im Vergleich der internationalen Impfquoten weit zurück, zum Beispiel noch hinter Indien und Mexiko. Nur knapp acht Prozent der Russen haben mindestens eine Impfdosis bekommen. In Deutschland sind es knapp 25, in Großbritannien sogar mehr als 50 Prozent.

Die ausgeprägte Impfskepsis ist aber nicht der einzige Grund für das langsame Impftempo, sagt Russland-Experte Burkhardt. Der Blick aus Deutschland verschaffe lediglich einen "oberflächlichen Eindruck". Während Impfungen in Moskau nahezu an jeder Ecke unkompliziert möglich sind, sieht das in weiten Teilen Russlands anders aus. "Es gibt tatsächlich einige Regionen, dazu gehört Moskau, wo die Verfügbarkeiten sehr, sehr groß sind. Aber in vielen anderen Regionen herrscht ein Mangel an Impfstoff."

Impfdiplomatie siegt über Impfnationalismus

Gleichzeitig exportiert Russland große Mengen des Sputnik-Impfstoffs ins Ausland - zugelassen ist das Mittel laut russischen Angaben bereits in 62 Staaten - von Algerien und Angola bis Venezuela und Vietnam. Und auch die Europäische Union prüft den Wirkstoff. Die russische Regierung versucht, mit Sputnik V außenpolitisch zu punkten. Der Impfstoff soll zum Exportschlager werden. "In Russland hat die Impfdiplomatie über den Impfnationalismus gesiegt", resümiert Fabian Burkhardt.

Der Impfstoff hat eine sehr große Bedeutung für Russland. Das kann man schon am Namen ablesen. Sputnik, das erinnert an den ersten künstlichen Erdsatelliten, den die Sowjetunion im Jahr 1957 ins All geschickt hat. "Russland versucht den angeblichen Erfolg des Impfstoffs auch propagandistisch oder zumindest marketingtechnisch auszunutzen", so Burkhardt im Podcast.

Impfstoff mit Twitter-Account

In der Tat wirbt Russland sehr aggressiv für Sputnik V. Der Impfstoff ist wahrscheinlich der einzige, der einen eigenen Twitter-Account hat. Stolz wird er dort als weltweit erster registrierter Covid-19-Impfstoff angepriesen. Teilweise im Stundentakt werden Sputnik-freundliche Artikel verbreitet, über immer wieder neue Impfstoff-Deals mit anderen Ländern berichtet und auch mal freundlich, aber bestimmt an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen appelliert: "Wir warten auf ihre Nachricht oder ihren Anruf."

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Man bekomme den Eindruck, Russland melde über den Twitter-Account "jede Kiste" Impfstoff, die in ein Land geliefert wird. "Viele Beobachter gehen davon aus, dass es Russland hier fast schon etwas übertreibt, und dass weniger vielleicht doch etwas mehr wäre." Experte Fabian Burkhardt erkennt in dem "recht dominanten und aggressiven Ton" Parallelen zu russischen Medien wie Russia Today oder auch den Social-Media-Accounts des russischen Außenministeriums. "Das heißt, diese Form der Kommunikation ist durchaus nichts Neues, das ist digitale Diplomatie, die Russland durchaus gekonnt und auch strategisch nutzt und ausführt."

Zu geringe Produktionskapazitäten

Wie lukrativ die Impfstoffexporte finanziell sind, lässt sich schwer sagen. Zwar sei die Zahl der vorbestellten Impfdosen groß, aber Russland könne gar nicht so viel Impfstoff produzieren, gibt Fabian Burkhardt zu bedenken. Der "geopolitische Nutzen" stehe derzeit über dem "finanziellen Nutzen", ist der Russland-Kenner überzeugt.

Um die Produktionskapazitäten deutlich zu erhöhen, setzt Russland unter anderem auf Kooperationen mit Indien, China und Südkorea. Indien soll zum internationalen Hauptproduktionsstandort für Sputnik V werden. Fünf Produktionsstätten sind schon fest vereinbart, weitere sollen hinzukommen. "Bis zum Jahresende ist wohl geplant, mit Sputnik weltweit 700 Millionen Menschen zu impfen. Aber da gibt es ein großes Fragezeichen. Es kommt darauf an, wie schnell diese Produktionskapazitäten hochgefahren werden", erklärt Burkhardt. Russland selbst verfüge über monatliche Produktionskapazitäten von geschätzt acht Millionen Impfstoffdosen. "Russische Journalisten gehen davon aus, dass etwa ein Drittel dieser produzierten Sputnik-Dosen in den Export gehen".

Neben weiteren Produktionsstätten in China und Südkorea sollen Millionen Impfstoffdosen künftig auch im schwäbischen Illertissen vom Band laufen. Dort hat das russische Pharma-Unternehmen R-Pharm eine Produktionsstätte. Einige der dortigen Dosen könnten dann in die Oberarme von Menschen in Bayern gehen. Ministerpräsident Söder hatte im Alleingang 2,5 Millionen Impfstoffdosen für sein Bundesland geordert.

Nicht nur Söder, auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer warb zuletzt für den russischen Impfstoff. Der CDU-Politiker war sogar zu Besuch in Moskau und hat mit Präsident Putin telefoniert. Wird Sputnik durch die Europäische Arzneimittelbehörde EMA zugelassen, sollen insgesamt 30 Millionen Dosen nach Deutschland geliefert werden, kündigte Kretschmer an.

Bedenken aus Brasilien

Das passiert aber wohl nur, wenn die letzten Bedenken weggewischt werden - und zwar nicht vom Sputnik-Twitter-Account. Zuletzt hat Brasiliens Gesundheitsbehörde den Import des Mittels untersagt. Obwohl schon Verträge über 30 Millionen Dosen unterzeichnet wurden, ist Sputnik nicht mehr erwünscht. Grund sind gesundheitliche Bedenken.

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Sputnik V ist genau wie das Mittel von Astrazeneca ein Vektor-Impfstoff. Dafür werden Trägerviren, sogenannte Vektoren, eingesetzt, die genetisch verändert werden. Bei Sputnik gibt es nun die Befürchtung, dass das Trägervirus der zweiten Impfdosis nicht inaktiv ist und sich Geimpfte somit ein anderes Virus spritzen lassen, das im schlimmsten Fall auch gefährlich werden kann. Die Impfskepsis in Russland? Sie steigt.

Quelle: ntv.de

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