Panorama

Ulrichs im ntv-Interview Sputnik-Vertrag "kommt ein bisschen spät"

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Sputnik V ist in der Europäischen Union noch nicht zugelassen.

(Foto: REUTERS)

In Deutschland wird der russische Corona-Impfstoff Sputnik V mancherorts bereits auf eigene Faust bestellt. Eine europäische Zulassung steht aber noch aus. Trotzdem findet Epidemiologe Timo Ulrichs, der angedachte Einsatz des Wirkstoffs sei zum jetzigen Zeitpunkt eigentlich schon zu spät. Alleingänge von Bundesländern wie Bayern kann er nicht nachvollziehen, wie er im ntv-Interview sagt.

ntv: Die Bundesregierung will offenbar Fehler bei der Impfstoffbeschaffung nicht noch einmal machen und jetzt eigene Verträge mit Herstellern des russischen Impfstoffs Sputnik V aufsetzen. Das Vakzin darf jedoch erst hier eingesetzt werden, wenn die EMA auch eine Zulassung für diesen Impfstoff erteilt hat. Aber wann kommt denn die Zulassung? Wenn sie erst im Sommer kommt, dann haben wir doch hier gar keinen Impfstoffmangel mehr. Machen solche Verträge überhaupt Sinn?

Timo Ulrichs: Ich finde auch, das kommt ein bisschen spät. Das hätte man schon etwas früher einsetzen sollen - auch die Prüfung, denn die Daten liegen mittlerweile vor. Das heißt, ich gebe Ihnen völlig recht. Das wäre etwas spät jetzt. Zumal wir im zweiten Quartal mit massiven Impfstofflieferungen der anderen Firmen rechnen dürfen. Und dann hätten wir zwar diesen Impfstoff, aber auch die anderen. Es würde dann epidemiologisch nicht mehr so viel Mehrwert generieren. Ich meine, es wäre natürlich immer gut, genug Impfstoff zu haben. Dann können wir auch etwas in ärmere Länder abgeben - und das ist eine Situation, die wir auch anstreben sollten.

Bayerns Ministerpräsident Söder hat jetzt schon 2,5 Millionen Impfdosen selber bestellt - nur für Bayern. Was halten Sie von so einem Alleingang?

Warum die Bayern jetzt schneller und besser geimpft werden sollten, als die Sachsen oder die Hamburger, das verstehe ich nicht. Es ist irgendwie ziemlich viel Parteipolitik oder Wahlkampf da mit drin. Das ist schade. Denn eigentlich sollten wir wirklich nach den aktuellen Erkenntnissen vorgehen, und die sagen erst mal, dass wir diese dritte Welle brechen müssen und dass wir dann alle zusammen und abgestimmt vorgehen sollten, was das Impfen angeht. Leider ist das sehr zeitverzögert in der Europäischen Union. Aber es ist durchaus sinnvoll, dass wir auch nicht nur in Deutschland abgestimmt vorgehen, sondern auch innerhalb der EU. Denn erst, wenn wir auch um uns herum niedrige Fallzahlen haben und dann danach auch noch eine gute Durchimpfung, dann können wir die Pandemie innerhalb von Europa auch wirklich beenden. Wenn das Bayern alleine macht, wird davon kein großer Mehrwert übrig bleiben.

Es gibt ein riesengroßes Hin und Her bezüglich Astrazeneca. Die EMA sagt jetzt: Kann uneingeschränkt verwendet werden. Wir in Deutschland sagen: nur bei den über 60-Jährigen. Und in Großbritannien darf man das Vakzin nur bei den über 30-Jährigen einsetzen. Also wie gefährlich ist denn jetzt dieser Impfstoff?

In der Tat geht da Einiges durcheinander. Die Empfehlung der EMA gestern war tatsächlich etwas, was man erwarten konnte. Nämlich, weil man hier Kosten oder viel mehr Risiko und Nutzen abgewogen hat. Und diesbezüglich ist es eben so, dass auch angesichts dieser sehr seltenen Thrombose-Ereignisse immer noch der Nutzen bei Weitem überwiegt. Weil eben sehr viele Covid-19-Verläufe und auch Todesfälle mit der Impfung verhindert werden können. Aber es gibt - das ist jetzt auch nachgewiesen - diese Korrelation zwischen der Verimpfung von Astrazeneca und dem Auftreten von diesen sehr seltenen Thrombosefällen. Und das bedeutet, wenn man Alternativen hat, das heißt also die mRNA-Impfstoffe zum Beispiel, dann könnte man die für die Menschen vorhalten, die ein Risiko haben, diese Thrombosen auch zu entwickeln. Das sind vor allen Dingen jüngere Frauen. Gar nicht so sehr die Männer. Und der Nutzen der Impfung ist bei jüngeren Menschen generell etwas niedriger als bei älteren. Das ist die eine Sache. Die andere: Ich habe eine Alternative und nicht nur diesen einen Impfstoff. Um die Pandemie zu beenden, kann man auch die anderen nehmen. Von daher ist die Entscheidung, bei uns in Deutschland oder auch in Großbritannien, jüngere Menschen mit anderen Impfstoffen zu impfen, durchaus sinnvoll, um eben dieses kleine Risiko von Thrombosen nochmal zu minimieren.

ntv: Die Kanzlerin will einen kurzen und harten Lockdown. Aus epidemiologischer Sicht: Wie kurz und hart muss er denn sein?

Timo Ulrichs: Aus epidemiologischer Sicht sollte er 10 bis 14 Tage mindestens anhalten. Also, dass wir wirklich alles runterfahren. Dann unterbrechen wir die Virusausbreitung erst einmal. Der Lockdown muss dann aber noch gefolgt werden von einer Zeit, wo wir uns immer noch stark zurückhalten, sodass die Zahlen auch dauerhaft nach unten gehen können. Aber zunächst einmal um die Welle zu brechen, wäre ein harter, kurzer Lockdown sehr sinnvoll.

Und außerdem will die Kanzlerin bundeseinheitliche Regeln. Die Situation in Deutschland stellt sich aber unterschiedlich dar: Die halbe Republik hat Inzidenzen über 100, die andere Hälfte ist unter 100. Machen bundeseinheitliche Regelungen da überhaupt Sinn? Mal ganz abgesehen von den politischen Hürden.

Ja, auch das wäre sehr sinnvoll, denn es ist jetzt nur eine Momentaufnahme, dass wir im Norden weniger Fälle haben als in Thüringen oder Sachsen. Aber das kann sich sehr schnell ändern. Wenn wir zum Beispiel nur in Thüringen oder Sachsen die Maßnahmen stark verschärfen würden, dann wäre trotzdem nicht sichergestellt, dass das Infektionsgeschehen dann auch dortbliebe. Sondern es könnte sich dann immer noch durch Mobilität und so weiter auch in andere Bereiche ausdehnen. Und deshalb wäre bundeseinheitlich, auch einmal mit klaren Regeln, ein harter Lockdown jetzt sinnvoll. Und es ist völlig unverständlich, warum die Politik das nicht schon längst macht, sondern irgendwie noch nicht einmal darüber redet, dass so etwas sinnvoll sein könnte außer das es irgendwie politisch konnotiert wäre.

Wie würden Sie denn einen Politiker überreden, der jetzt niedrige Inzidenzen hat? Das sind ja nicht so viele. Aber sagen wir mal Schleswig-Holstein: Da gibt es wirklich noch Regionen, die sehen ganz gut aus. Was würden Sie denen sagen? Warum ist es auch für diese Regionen epidemiologisch wichtig, dass die mit runterfahren?

Wir müssen uns eigentlich nur die Zeit im November und Dezember letzten Jahres angucken, als wir genau so eine Situation hatten. Dass eben einige Regionen noch relativ gut dran waren, andere noch oder schon nicht mehr. Da war es dann nur eine Frage der Zeit, dass wir alle zusammen in die exponentielle Wachstumsphase von Neuinfizierten-Zahlen gekommen sind. Und da war es dann unerheblich, wie hoch die Zahlen jeweils in der Ausgangslage waren. Deswegen war aber erst sehr, sehr viel zeitverzögert dieser Lockdown eingesetzt worden, und das hat uns sehr viele Todesfälle und Erkrankungsfälle gekostet. Und in dieser Situation sind wir jetzt eigentlich wieder. Auch wenn die Zahlen über Ostern uns etwas anderes suggerieren, aber die sind leider nicht repräsentativ. Sondern wir müssen jetzt tatsächlich, also eigentlich hätten wir schon vor einigen Wochen, die Notbremse ziehen müssen. Haben wir aber leider nicht.

Ein anderes Modell, über das diese Woche sehr viel geredet wird, ist der sogenannte "Brücken-Lockdown" à la Armin Laschet. Und der besagt: Wir machen so lange einen Lockdown, bis mehr Menschen geimpft sind. Wie viele Menschen müssten denn geimpft sein, damit man wieder lockern kann?

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Also die Brücke, die müsste schon ziemlich weit reichen. Aber deswegen wäre dieser harte Lockdown am Anfang sicherlich sinnvoll. Dann gefolgt von einer Phase, wo wir immer noch die Füße stillhalten und wenig Kontakte haben. Die Brücke könnte erst dann zu Ende sein, wenn wir auch in die Breite gehen könnten mit der Massendurchimpfung. Das bedeutet also mehr oder weniger alle Altersgruppen erreichen. Das heißt also nach der jetzigen Priorisierungsphase. Davon sind wir noch ziemlich weit entfernt. Auch weil die Impfstoffdosen noch nicht alle ausgeliefert sind, die zugesagt worden sind für das zweite Quartal. Und erst Richtung Ende zweites Quartal kämen wir so langsam in diese Phase.

Mit Timo Ulrichs sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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