Panorama

Corona ist das kleinste Problem Verliebt und obdachlos in Mailand

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Offiziell hat die Zahl der Obdachlosen in Italien in der Corona-Krise nicht zugenommen.

(Foto: REUTERS)

Mihail und Lisa sind obdachlos, haben sich erst vor Kurzem kennengelernt. Nun trotzen sie gemeinsam dem Virus. Viele andere wissen sich kaum noch zu helfen. Die Krise deckt chronische Missstände auf Italiens Arbeitsmarkt auf, die sich jetzt verschärfen.

Seit zwei Monaten sind Mailands Straßen fast menschenleer, das Zentrum, die Einkaufsstraßen wie ausgestorben. Nur hier und da sieht man Leute aus den U-Bahn-Stationen am Domplatz herauskommen und sich schnell weiterbewegen. Immer häufiger stößt man stattdessen auf Obdachlose, viele haben das Gefühl, es seien weit mehr als vor der Pandemie.

Vor allem in der Nähe der Galleria Vittorio Emanuele beim Domplatz halten sich die Obdachlosen auf, wo sie dann auch übernachten. Oder am Rand der Giardinetti von Porta Venezia, die wie alle Garten- und Parkanlagen der Stadt geschlossen wurden. Diese Gartenanlage grenzt gegen Norden an das gleichnamige Viertel Porta Venezia. Hier wurde im Jahr 1629, als in der Stadt die Pest wütete, ein großes Lazarett eingerichtet.

Das Gefühl, es seien jetzt mehr Obdachlose als vor der Pandemie, trügt wahrscheinlich. "Die Tagesstätten und auch die Bibliotheken, in denen sich die Obdachlosen oft und gerne aufhalten, sind ja wie alles andere geschlossen", erklärt Francesco Chiavarini, Pressesprecher der Caritas Ambrosiana, der Mailänder Zweigstelle der Caritas, ntv.de. Deswegen sind sie nun, oft einen Trolley mit sich hinterherziehend, mehr in der Stadt unterwegs.

"Ich habe zwei Wochen nach Lisa gesucht"

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Vor dem Café stehen sonst Tische und Stühle.

(Foto: Andrea Affaticati)

Auf der Piazza San Babila haben Mihail und Lisa ihr gemeinsames Zelt aufgeschlagen. Von hier aus führt der Weg aus der Corso Vittorio Emanuele schnurstracks zum Dom. Das Café, vor dem die beiden 29-Jährigen campieren, hat normalerweise Tische auf der Straße stehen. Kennengelernt haben sich Mihail, der aus Rumänien stammt, und Lisa aus Albanien zufällig vor eineinhalb Monaten. "Ich saß im 54er-Bus und sah sie" erzählt Mihail ntv.de. "Sie machte mir schöne Augen, wir kamen ins Gespräch und haben dann die Nacht zusammen verbracht." Mittlerweile ist daraus eine Liebesbeziehung geworden.

Mihail hat seine Kindheit in einem Waisenhaus in Rumänien verbracht und kam vor elf Jahren mit einer Gruppe Roma nach Italien. Für diese arbeitete er, wurde ausgenutzt und oft auch geschlagen. Lisa war verheiratet, hat zwei Kinder und flüchtete aus Albanien, weil ihr Mann sie brutal misshandelte. Vor ein paar Monaten strandete sie in Mailand.

Nach ihrer ersten Nacht verlor Mihail Lisa wieder aus den Augen. "Zwei Wochen lang bin ich mit dem 54er-Bus hin und her gefahren und habe sie vergeblich gesucht. Und als ich fast schon die Hoffnung aufgegebenen hatte, fand ich sie wieder. Seitdem haben wir uns nicht mehr getrennt". Lisa sei etwas gestört, "was kein Wunder ist bei dem, was sie durchmachen musste." Deswegen habe er beschlossen, sich um sie zu kümmern.

Alles, was sie hier haben, Zelt, Kocher, Schlafsäcke, habe er besorgt, um doch irgendwie menschenwürdig zu leben. Vieles haben sie auch von Passanten geschenkt bekommen. Von karitativen Einrichtungen und Verbänden bekommen sie Mundschutzmasken. Angst, sich mit dem Virus anzustecken, haben Mihail und Lisa nicht.

Notaufnahme für Obdachlose

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Auf den leeren Straßen sind die Obdachlosen oft mit ihrer gesamten Habe unterwegs.

(Foto: Andrea Affaticati)

Offiziell ist die Zahl der Obdachlosen, die sich infiziert haben, eher gering. Die Mailänder Verwaltung hat in einem leerstehenden Gemeindebau neben zwei zusätzlichen Obdachlosenheimen auch eine ärztliche Notaufnahme eingerichtet. Der Bau verfügt über 48 Ein- und Zweizimmerwohnungen. Hier wurden die Obdachlosen mit Covid-19-Symptomen aufgenommen. Doch deren Zahl hat sich immer in Grenzen gehalten.

Allein in Mailand schätze man die Obdachlosen auf 5000, sagt Francesco Chiavarini. Viel mehr von ihnen bitten nun um Lebensmittel. Dafür wurden in der Stadt insgesamt acht Verteilungsstellen eingerichtet. "Wir haben seit Anfang der Pandemie 25 Prozent mehr Lebensmittelkarten verteilt und statt bisher 275 Kilo Lebensmittel pro Woche sind es jetzt 550 Kilo". Die Zahlen decken sich mit denen in ganz Italien, bestätigt Don Andrea La Regina, der Zuständige für Makroprojekte in der Caritaszentrale in Rom, ntv.de.

"Wobei im ganzem Land auch viele neue Bedürftige hinzugekommen sind", hebt La Regina hervor, denn nicht alle würden einen staatlichen Zuschuss erhalten. Eine Studie des Saisonarbeiterverbands schätzt zum Beispiel die Zahl derjenigen, die in der Tourismusbranche arbeiten und keine staatliche Hilfe bekommen, auf 400.000. Dasselbe gilt für viele Haushaltshilfen und Babysitter. "Und dann sind da noch die Schwarzarbeiter", gibt Chiavarini zu bedenken. "Oder jene, die auch nur zum Teil schwarz gearbeitet haben, weil ihr reguläres Gehalt zu niedrig ist, um damit in einer teuren Stadt wie Mailand auszukommen."

Die Arbeitsaufsichtsbehörde schätzt den Anteil der Schwarzarbeiter im ganzen Land auf 3,7 Millionen. Wer weiß, ob dieser Notstand die Politiker dazu bewegen wird, den italienischen Arbeitsmarkt endlich von seinen chronischen Missständen zu befreien.

Ausbeutung statt Gehalt

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Mihail und Lisa, sie glauben daran, mitten in der Pandemie, das Glück gefunden zu haben.

(Foto: Andrea Affaticati)

Herr Torres ist 54 Jahre alt, kommt aus Peru, lebt seit 15 Jahren in Mailand und hat eine sechsköpfige Familie. Normalerweise arbeitet er für eine Genossenschaft und beliefert Pizzerien. Diese sind aber jetzt geschlossen, weswegen er schon seit zwei Monaten ohne Gehalt auskommen muss. Das liegt an seinem Vertrag, erzählt Torres ntv.de. "Der Tageslohn beläuft sich auf 60 Euro. Wenn ich 20 Tage arbeite, verdiene ich also 1200 Euro im Monat. Wenn es weniger sind, bekomme ich auch weniger Gehalt. Und jetzt eben keinen Cent."

Mit diesen niedrigen Gehältern hat auch Mihail Erfahrung. "Ich hab früher bei einem Bäcker gearbeitet, der mir in der Woche 90 Euro gezahlt hat, und das bei einer 11-Stunden-Arbeitsschicht, die ging von 11 Uhr abends bis zu 10 Uhr morgens." Das sei regelrechte Ausbeutung gewesen. Er sei aus Not obdachlos, nicht, weil er es sein will. Wenn Lisa und er ein Kind bekämen, dann müsste man ihnen eine Wohnung zuweisen. Doch das sei schäbig. Stattdessen will er die Hoffnung nicht aufgeben, doch irgendwann einmal als Barmann in einem Lokal zu arbeiten und ein Dach über dem Kopf zu haben. Für sich und Lisa.

Quelle: ntv.de