Panorama

Als Erster floh der Arzt Virus wütet in Lateinamerikas Gefängnissen

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Im Zentralgefängnis im honduranischen Intibuca bekommt man einen Eindruck von den völlig überfüllten Zellen.

(Foto: REUTERS)

Das Gefängnis von Villavicencio in Kolumbien ist hoffnungslos überbelegt. Hier leben über sieben Prozent der registrierten Sars-CoV-2-Infizierten des Landes. "Sie wollen uns hier sterben lassen", sagt ein Insasse. Auch anderswo ist die Situation dramatisch.

Ein hagerer Mann sitzt breitbeinig auf einer Schaumstoffmatratze, hebt sein Sportshirt und weist unsicher auf seine rechte Leiste. "Mein Darm hängt mir hier praktisch heraus." Ihn quält ein Eingeweidebruch, seit vier Jahren unbehandelt. Eine Unterarmlänge von ihm entfernt steht die Kloschüssel. Länger als ein Jahr schon schläft er auf dem Boden der drei Quadratmeter großen Latrine; In einer Zelle für sechs Personen, in der sich er und elf weitere Männer drängen. Sie liegen in 50 Zentimeter hohen Schlafkojen, auf dem Boden eng nebeneinander oder unter den Pritschen.

Videoaufnahmen zeigen den Alltag in einer kolumbianischen Anstalt mit 1789 Häftlingen. Doppelt so viele Insassen wie vorgesehen. Es stapelt sich der Müll, Schimmel frisst sich durch die drei Stockwerke. Hier am Fuße der Anden, 100 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Bogotá in Villavicencio, ist das Klima tropisch. Im April und Mai regnet es so viel wie in Berlin in zwei Jahren. Entsprechend wohl fühlen sich die Krankheitserreger.

Wie in der Zelle sieht es an vielen Stellen der Gebäude aus, bestätigt Elkin Ego, den wir per Whatsapp kontaktieren können. Seit sieben Jahren befindet sich der inzwischen 36-Jährige in der Anstalt. Weitere 19 Jahre hat er noch vor sich. Wenn kein Wärter zuhört, sendet er versteckt Ton- und Bildaufnahmen. "Wir haben niemanden, der uns hilft", sagt er: "Mein Eindruck ist, dass sie uns hier sterben lassen wollen."

Elkin Ego befindet sich in einem nationalen Virenherd. Im Gefängnis in Villavicencio waren Mitte Mai mehr als die Hälfte der Menschen positiv getestet; das sind über sieben Prozent aller Fälle des Landes.

Hungerstreiks und blutige Aufstände

Sars-CoV-2 bedroht nicht nur in Kolumbien die Anstaltsinsassen. Die Bedingungen für die insgesamt etwa 1,7 Millionen Häftlinge in Lateinamerika und der Karibik sind dringend verbesserungswürdig bis katastrophal. Nun machen die Überbelegung von bis zu 400 Prozent sowie fehlende medizinische Betreuung die Gefängnisse zu potenziellen Todesfallen. Mindestens 160 Menschen sind in der Region bereits hinter Gittern an Covid-19 gestorben, gibt Human Rights Watch an. Die Dunkelziffer könnte wesentlich höher sein.

Die meisten Menschen sitzen in Brasilien ein, fast 750.000. Zwar gibt es dort offiziell nur eine Handvoll positiv getesteter Insassen. Doch die Testrate liegt bei 0,4 pro 1000 und die Übersterblichkeit zeigt bereits jetzt ein Drittel mehr Todesfälle als in vergleichbaren Zeiträumen.

Wegen der menschenunwürdigen Zustände gab es in mehreren Ländern Hungerstreiks und blutige Aufstände. Der schlimmste in der Coronakrise ereignete sich bislang in Venezuela. Dort sind Besuche wegen des Virus untersagt, aber nur so bekommen die Häftlinge etwas zu essen. Bei einer Hungerrevolte am 1. Mai antworten die Wärter mit Waffengewalt. Am Ende des Massakers waren 47 Menschen tot. Weitere 75 wurden verwundet, darunter der mit Messerstichen attackierte Gefängnisdirektor. Aufstände gab es auch in Chile, Peru, Argentinien und Kolumbien. UN-Menschenrechtskommissarin Michelle Bachelet forderte eine Untersuchung der Vorfälle.

Ein Tunnel gegen das Virus

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Insassen auf dem Dach des Gefängnisses in Buenos Aires, im Stadtteil Villa Devoto.

(Foto: AP)

Im kolumbianischen Villavicencio beginnt alles an einem Sonntag im März. Eine Mutter besucht ihren Sohn im Santander-Trakt. Kurz zuvor war sie aus Spanien eingereist. Ab Anfang April häufen sich im Gefängnis die Covid-19-Symptome, vornehmlich bei älteren Häftlingen der Zelle 8 im "Rentnerflur". Am 5. April stirbt ein kurz zuvor von dort entlassener 63-Jähriger, zwei Tage später ein 78 Jahre alter Insasse.

Der Gefängnisdirektor spricht von Atembeschwerden. Tuberkulose vielleicht? Den Ernst der Lage erkennt zuerst der Anstaltsarzt: Er kündigt. Es mangele an Ausrüstung und er sehe seine Gesundheit vom Gefängnisbetreiber nicht ausreichend geschützt. Ende April entdecken die Wärter einen Tunnel in der Anstalt, gegraben von Insassen, die dem Virus entkommen wollen.

Im vergangenen Jahr war in der Anstalt von Villavicencio bereits eine Mumps- und Windpockenepidemie ausgebrochen, aber: "Früher gab es einen Arzt", so Elkin Ego, der auch an sich die bekannten Covid-19-Symptome feststellt. Getestet worden ist er nicht. Die letzte verbliebene Krankenschwester gab ihm eine Schmerztablette.

Laut Gefängnisbetreiber wurden über 1700 Tests durchgeführt. Kolumbiens verantwortliche Behörde gibt zudem an, sie habe 367.065 Mundschutze und 111.942 Liter antibakterielles Gel in die Haftanstalten des Landes geschickt. Laut Elkin Ego und Häftlingen aus weiteren Gefängnissen ist davon fast nichts bei ihnen angekommen. Manche vermuten, dass die Ausrüstung von unterbezahlten Wächtern abgefangen und weiterverkauft wird.

"Sie sollen da drin verrecken"

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Verwandte im brasilianischen Manaus sorgen sich um ihre inhaftierten Angehörigen.

(Foto: AP)

Internationale Hilfsorganisationen wie Human Rights Watch und Penal Reform empfehlen, so viele Häftlinge wie möglich zu entlassen: Von den 37 Prozent der 1,7 Millionen Menschen etwa, die ohne Urteil einsitzen und keine Gewaltverbrechen begangen haben oder solche, die zu Risikogruppen gehören. Seit Beginn der Coronakrise entließ Brasilien deshalb eigenen Angaben zufolge bereits 30.000 Menschen; in Kolumbien waren es nur ein paar 100 von 122.000 Häftlingen; in Argentinien rund 1000 von 115.000 Insassen.

In vielen der dortigen Anstalten wurde als eine der ersten Maßnahmen der Hofgang verboten. Doch in geschlossenen Räumen verbreitet sich das Virus bekanntlich besonders schnell. Sätze wie "Sie sollen da drin verrecken, es gibt schließlich einen Grund, warum sie dort sind", die höre er häufig, wenn er über die Probleme in Argentinien spricht, sagt Gastón Calogero von der Hilfsorganisation Atrapamuros. Ähnlich sehe es mit der Gesundheitsversorgung aus. Nur wer spurt, werde versorgt: "Es findet eine permanente Verletzung der Menschenrechte statt."

Das argentinische Gesundheitsministerium gab erst Ende April eine Empfehlung heraus, wie mit dem Virus in Haftanstalten umzugehen sei. Zuvor hatten Insassen des Bundesgefängnisses der Hauptstadt Buenos Aires revoltiert. Unter ihnen wurden bereits Anfang April die ersten positiv auf Sars-CoV-2 getestet. "Devoto wird brennen. Das ist ein Vulkan", schrieb ein Gefangener zu dieser Zeit an seine Familie. Zwei Wochen später legten die Insassen in ihren Zellen Feuer, stürmten zum Dach, rissen das Wellblech herunter und hissten mehrere Banner. "Wir weigern uns, im Gefängnis zu sterben", war auf einem davon zu lesen.

Ein Antrag für jeden Arztbesuch

"Es gab noch nie ausreichende Gesundheitsversorgung in den Gefängnissen", sagt Andrea Casamento von Acifad, einer Interessenvertretung für Häftlingsangehörige in Argentinien: "Covid-19 deckt die Mängel auf, die schon immer vorhanden waren." Im vergangenen Jahr gaben bei einer Umfrage 96 Prozent der Häftlinge in Argentinien an, nicht ausreichend medizinisch versorgt worden zu sein, 80 Prozent klagten aber über gesundheitliche Probleme. Ein ebenso großer Anteil gab an, während der Haft noch nie einen Arzt gesehen zu haben. Es gab mehrere Tuberkulose-Todesfälle, weil Häftlinge schlicht nicht behandelt wurden.

Jeden Arztbesuch müssen Insassen über einen Anwalt beantragen und von einem Richter absegnen lassen. Ein unendlicher Papierkrieg. Wegen der landesweiten Ausgangssperren schlossen im März zudem die Behörden. Bei Andrea Casamento klingelt das Telefon seither unaufhörlich, mindestens 600 Anfragen erhält sie pro Tag von Angehörigen: Die wissen nicht, wo sie sich sonst melden sollen.

Auch Elkin Ego und seine Mitinsassen in Kolumbien probten einen Aufstand, erzählt er. Doch da zuvor bei einer Revolte in Bogotá 23 Menschen gestorben waren, versuchten sie es friedlich. Elkin Ego schickt jedoch ein Video, auf dem Männer in weißen Schutzanzügen auf Halbnackte treten und einprügeln. Es ist unklar, wie die Situation eskalierte. Nach der Revolte wurden die vermeintlichen Anführer der Proteste in andere Gefängnisse zwangsverlegt - ohne Rücksicht darauf, ob sie möglicherweise infiziert sind.

Inzwischen spenden Einwohner der Stadt Zitronen, Ingwer und Panela, Kolumbiens Grundnahrungsmittel Zuckermelasse. Damit bereiten sich die Häftlinge ein Heißgetränk gegen Erkältungen zu. Das muss als Schutz vor Covid-19 reichen.

Quelle: ntv.de