Panorama

Vorladung im November 2013 War Christian B. früh gewarnt?

Nach Jahren zäher Ermittlungen steht der Fall Madeleine McCann möglicherweise kurz vor der Aufklärung. Auf den Tatverdächtigen Christian B. gab es aber schon 2013 einen Hinweis. Möglicherweise gingen deutsche Ermittler damals nicht besonders geschickt vor.

Bei den Ermittlungen im Fall der vermissten Madeleine McCann soll der deutschen Polizei 2013 ein schwerer Fehler unterlaufen sein. Das berichtet der "Spiegel" unter Berufung auf interne Behördenunterlagen. Demnach wurde der heutige Tatverdächtige Christian B. in einem Schreiben der Ermittler zu früh darüber informiert, dass diese ihn mit dem Fall McCann in Verbindung brachten.

Im Oktober 2013 waren der britische Chefermittler in dem Fall und die Eltern der vermissten Madeleine, Kate und Jerry McCann, in der ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY ... ungelöst" zu Gast. Dabei wurden auch zwei Phantombilder eines möglichen Täters gezeigt. Anschließend ging beim deutschen Bundeskriminalamt, das die Hinweise der Zuschauenden entgegennahm, eine Information zu Christian B. ein. Der Informant glaubte, den ehemaligen Arbeitskollegen, mit dem er zum fraglichen Zeitpunkt einen Poolservice in Portugal betrieb, erkannt zu haben. Besonders brisant an der Information war, dass das Geschäft ganz in der Nähe der Ferienanlage lag, aus der Madeleine verschwand.

Zwei Wochen später habe das BKA die Kripo in Braunschweig um Informationen zu Christian B. gebeten, so der "Spiegel". Im Computer war B. als vorbestrafter Sexualstraftäter registriert. B. habe dann am 4. November 2013 einen Brief von der Polizei erhalten. Obwohl es sich nur um ein Blatt Papier handelte, konnte B. dieser Zeugenvorladung wichtige Informationen entnehmen. B. solle sich bitte zu einer "Vernehmung" in der Polizeiinspektion Braunschweig einfinden, Fachkommissariat 1, Zimmer-Nr. H-118. Auch der Grund wurde demnach angegeben. "Vermisstensache Madeleine McCann (Tatort Portugal). Personenüberprüfung des Christian B."

Zeit, Spuren zu verwischen

Offenbar folgte B. der Vorladung und wusste nun, dass er zumindest mit dem Fall Madeleine McCann in Verbindung gebracht wurde. Dem "Spiegel" zufolge war er höchst alarmiert und erzählte auch in dem Kiosk, in dem er in Braunschweig arbeitete, Bekannten davon. Das Magazin zitiert einen "erfahrenen Ermittler" mit der Einschätzung, die Vorladung sei ein schwerwiegender Fehler gewesen. Normalerweise sei es üblich, erst einmal Informationen im Umfeld zu sammeln und nicht frontal auf einen Verdächtigen loszustürmen. Für B. könnte diese Information ausgereicht haben, um eventuelle Spuren zu beseitigen. Auf Anfrage von RTL/ntv antwortete die Staatsanwaltschaft Braunschweig, man sei erst "seit 2018 in den Ermittlungen involviert, weitere Fragen müssten an das BKA gerichtet werden".

B. war in der vergangenen Woche überraschend als Tatverdächtiger in dem Vermisstenfall aus dem Jahr 2007 benannt worden. Er sitzt gerade wegen Drogendelikten in Kiel im Gefängnis, außerdem steht noch die Rechtskraft eines Urteils aus dem Jahr 2019 aus. Damals war er wegen der Vergewaltigung einer US-Amerikanerin in Portugal zu sieben Jahren Haft verurteilt worden. Christian B. hatte mehrere Jahre an der Algarve gelebt und dort unter anderem mit Kleinkriminalität seinen Lebensunterhalt bestritten. Außerdem wurde er immer wieder für Sexualstraftaten gegenüber Kindern verurteilt.

Ein Handy, das die Ermittler eindeutig B. zuordnen, war zum Zeitpunkt von Madeleines Verschwinden in Tatortnähe eingeloggt. B. hatte zudem in einem Chat darüber fantasiert, er wolle "etwas Kleines" entführen und quälen. Inzwischen suchen die deutschen Ermittler international nach Zeugen, die B. oder eines der von ihm genutzten Autos oder Häuser kennen. Im Mittelpunkt der Überlegungen steht die Suche nach der Leiche der damals knapp vierjährigen Madeleine. Denn die Polizei ist sicher, dass das Mädchen getötet wurde, für eine Anklage reicht die Beweislage aber noch nicht aus.

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Quelle: ntv.de, sba