Panorama

Mörderin erwartet Giftspritze Was Lisa Montgomery zerstörte

2020-11-16T000000Z_1231808876_RC2M4K9OMQFS_RTRMADP_3_USA-EXECUTIONS.JPG

Lisa Montgomery soll mit der Giftspritze hingerichtet werden.

(Foto: via REUTERS)

Im Dezember 2004 wird Lisa Montgomery nach dem Mord an einer Schwangeren festgenommen. Seitdem ist die heute 52-Jährige in Haft. Ihr Todesurteil soll am 12. Januar vollstreckt werden. Die Lebensgeschichte der Frau, die zur Mörderin wurde, ist ungeheuerlich.

Lisa Montgomery soll am 12. Januar durch die Giftspritze sterben. Sie wäre erst die vierte Frau in der Geschichte der USA, die durch die Bundesjustiz exekutiert wird. Die beiden letzten Hinrichtungen dieser Art liegen beinahe 70 Jahre zurück. 1953 starben Ethel Rosenberg auf dem elektrischen Stuhl und Bonnie Heady in der Gaskammer. Aber nicht nur das macht den Fall von Montgomery, die als verurteilte Mörderin im Todestrakt des Hochsicherheitsgefängnisses von Terre Haute im US-Bundesstaat Indiana sitzt, besonders. Vielmehr ist es die Tat, für die die inzwischen 52-Jährige verurteilt wurde und die Lebensgeschichte, die sie aus Sicht ihrer Unterstützer schließlich zur Mörderin machte.

Am 16. Dezember 2004 fährt die damals 36-Jährige nach Skidmore in Missouri. Dort wohnt Bobbie Jo Stinnet. Die junge Frau ist im achten Monat schwanger mit ihrem ersten Kind und züchtet Hunde. Montgomery gibt vor, sich für einen Welpen zu interessieren. Vorher schrieben sich die Frauen E-Mails. Darin hatte Montgomery behauptet, selbst schwanger zu sein, und so eine Beziehung zu ihrem späteren Opfer aufgebaut. Im Prozessverlauf stellt sich der Tatverlauf so dar, dass die arglose Stinnet Montgomery ins Haus lässt. Dann wird sie hinterrücks angegriffen und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Während ihr Opfer vermutlich noch lebt, schneidet Montgomery der 23-Jährigen den Bauch mit einem Küchenmesser auf und reißt das Baby heraus. Bei ihrer Festnahme einen Tag später sitzt sie mit dem Säugling, den sie als ihren ausgibt, zu Hause auf der Couch. Über forensische Computeruntersuchungen waren die Ermittler ihr schnell auf die Spur gekommen.

Zunächst wurde gemutmaßt, Montgomery habe möglicherweise eine Fehlgeburt erlitten und das verlorene Kind mit dem geraubten ersetzen wollen. Es stellt sich dann jedoch heraus, dass sie bereits 1990 gegen ihren Willen einen sterilisierenden Eingriff hatte, bei dem die Eileiter dauerhaft blockiert wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits vier Kinder. Nach Angaben des ersten und des zweiten Ehemannes behauptete sie bereits früher, schwanger zu sein, ohne dass das den Tatsachen entsprach. Im Oktober 2007 wird Montgomery schuldig gesprochen, im April 2008 erhält sie das Todesurteil.

Folter und Demütigung

Doch erst in der Berufungsverhandlung kommt die Lebensgeschichte von Montgomery zur Sprache. Es ist eine unfassbare Geschichte des Missbrauchs, der körperlichen und seelischen Misshandlungen. Recherchen des britischen "Guardian" zufolge wird Montgomery schon als kleines Kind Zeugin, wie ihre damals achtjährige Halbschwester Diane von einem männlichen Babysitter missbraucht wird. Seit sie elf Jahre alt ist, wird sie selbst von ihrem Stiefvater ein- bis zweimal in der Woche auf jede erdenkliche Weise vergewaltigt. An der Rückseite des Wohnwagens richtet er dafür einen speziellen Raum her. Wenn sie sich wehrt, drückt er ihr Kissen auf das Gesicht oder schlägt ihren Kopf auf den Betonboden. Auf MRT-Hirnscans seien die Verletzungen bis heute sichtbar. Außerdem überwacht er sie auch in diesem Raum ständig. Es habe nur eine Ecke gegeben, in der das Mädchen stundenlang steht, um der Dauerbeobachtung zu entgehen.

Als ihre Mutter Zeugin des Missbrauchs wird, bedroht sie ihre Tochter mit einer Waffe und macht sie für die Taten verantwortlich. Später lädt ihr Stiefvater auch Freunde zu den Vergewaltigungen ein, die laut "Guardian" "stundenlang andauerten und damit endeten, dass die Männer auf sie urinierten, als wäre sie Müll". Ihre Mutter geht dazu über, ihre Tochter für Dienstleistungen des Klempners oder Elektrikers "in Zahlung" zu geben.

Die gesamte Kindheit besteht aus ständiger Erniedrigung, Folter und Demütigung. Sozialarbeiter, die die Familie besuchen, sehen darüber hinweg. Ein Kinderarzt, der die Vergewaltigungen eindeutig feststellt, gibt die Information nicht weiter. Montgomerys Halbschwester Diane, die später von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde, stützt diese Darstellung. Lisa sei buchstäblich gebrochen worden, sagt sie rückblickend.

Für einen Gesunden unvorstellbar

Mit 18 Jahren flieht Lisa Montgomery aus diesen Umständen in eine frühe Ehe, doch sowohl die Beziehung mit ihrem ersten Mann als auch die zweite Ehe sind erneut von Gewalt und sexuellen Übergriffen geprägt. "Das ist die Geschichte einer Frau, die infolge lebenslanger Folter und sexueller Gewalt psychisch schwer krank ist", zitiert die britische Zeitung Sandra Babcock, die Fakultätsleiterin des Cornell Center on the Death Penalty Worldwide. Auch Katherine Porterfield, eine Kinderpsychologin, die auf die Behandlung von Überlebenden von Folter spezialisiert ist und die im Rahmen eines Berufungsverfahrens 2016 viele Stunden mit Montgomery verbracht hat, glaubt, dass diese erlittene Gewalt zu dem Mord an Bobbie Jo Stinnet führte. "Wir müssen verstehen, was dazu führen kann, dass jemand so tief von seinen Handlungen abgekoppelt ist, dass er in der Lage ist, etwas zu tun, was ein normaler gesunder Mensch unvorstellbar finden würde", so Porterfield.

Mehr zum Thema

Im Gefängnis werden bei Montgomery unter anderem verschiedene bipolare Störungen, eine posttraumatische Belastungsstörung, Angstzustände und Depressionen, Psychosen, Stimmungsschwankungen, Dissoziationen und Gedächtnisverlust diagnostiziert. Deutlich wird auch, dass sie in dem Prozess, der zur Todesstrafe führte, mit Fred Duchardt einen Verteidiger hatte, der sich kaum für seine Mandantin einsetzte. Erst Jahre nach dem Verfahren wurde das Ausmaß der Gewalt klar, das Montgomery erlitten hatte. In einem Verfahren hätte das strafmindernd wirken müssen, ebenso wie die Tatsache, dass die Angeklagte bei der Tat psychisch krank war und es noch immer ist.

Mit einem letzten Gnadengesuch haben sich Montgomerys Anwälte nun an den scheidenden US-Präsidenten Donald Trump gewandt. Er solle das Todesurteil aufheben und in eine lebenslange Haftstrafe ohne Berufungsmöglichkeit umwandeln. Damit könne er ein Zeichen setzen für Frauen, die in ihrer Kindheit gequält und vergewaltigt wurden. Doch Trump ist ein Befürworter der Todesstrafe und macht wenige Tage vor dem Ende seiner Amtszeit nicht den Eindruck, dass ihn ein anderes Schicksal als sein eigenes schert.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.