Panorama

500 Jahre danach Was geht uns die Reformation noch an?

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Martin Luthers Name ist mit der Reformation untrennbar verbunden.

(Foto: dpa)

Vor 500 Jahren bringt ein Mönch in Wittenberg 95 Thesen gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche unters Volk. Damit wird er nicht nur weltberühmt. Er bringt auch einen Stein ins Rollen, der unsere Welt wesentlich verändert hat - nicht nur zum Guten.

Mit der Geschichte ist es so eine Sache: Sie ist Vergangenheit. Und manchmal fragt man sich, was sie eigentlich heute noch mit unserem Leben zu tun hat. Vor genau 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, lösen Luthers Thesen gegen den Ablasshandel der Kirche ein folgenschweres Ereignis aus: die Reformation. Die Konsequenzen für Theologie und Kirche sind offensichtlich. Es kommt zum Bruch mit Rom, die reformatorischen Kirchen entstehen als eigenständige Größen.

Doch die Reformation hat nicht nur die Kirche verändert, sondern die gesamte Gesellschaft. Die Folgen sind bis heute zu spüren. Drei Schlaglichter auf Dinge, die ohne die Reformation heute nicht so wären, wie sie sind.

Eine für alle: Unsere Sprache

Luther - war das nicht der, der als Erster die Bibel ins Deutsche übersetzt hat? Das wird im Allgemeinen zwar angenommen, ist jedoch falsch. Fakt ist: Bereits vor Luther gab es zahlreiche deutschsprachige Bibeln. Was Luthers Bibelübersetzung so besonders machte, war die Kombination aus ihrer Sprachgewalt und dem Zeitpunkt, zu dem sie veröffentlicht wurde: Der Buchdruck und die aufkommende Begeisterung für Nationalsprachen verhalfen ihr zu einer unglaublichen Popularität. Nicht zuletzt war sie ein entscheidender Faktor, dass sich aus dem damals herrschenden Dialekt-Chaos eine deutsche Hochsprache entwickelt hat.

Bis heute prägt außerdem Luthers bildgewaltige Übersetzung der Bibel unsere Sprache. Wir verdanken ihm zum Beispiel unzählige Sprichwörter und Redewendungen. Wenn Sie jemandem Ihr "Herz ausschütten", weil es Ihnen "wie Schuppen von den Augen gefallen ist", dass Sie auf einen "Wolf im Schafspelz" hereingefallen sind, der "mit Engelszungen auf sie eingeredet hat" - so wären das nur vier Beispiele für Formulierungen, die wir ohne Luther heute nicht hätten. Und das gilt auch, wenn die Bibel für Sie ein "Buch mit sieben Siegeln" bleibt und sie schon beim Anblick einer Kirche zur "Salzsäule erstarren". Und wenn Sie das nächste Mal "Perlen vor die Säue werfen" oder "anderen eine Grube graben", in die Sie selbst hineinfallen, zitieren Sie Luther.

Schule für alle: Unser Bildungssystem

Es war ein zentrales Anliegen Luthers und der ersten Reformatoren, es dem einfachen Volk zu ermöglichen, selbst die Bibel zu studieren. Das Deutungsmonopol der Kirche sollte bröckeln, die Menschen dazu befähigt werden, selbst zu denken. Dazu gehörte aber nicht nur eine ordentliche Bibelübersetzung, sondern auch Bildung - denn lesen und schreiben zu können war damals ein Privileg von Adligen und Geistlichen. Im Zuge der Reformation entstanden zahlreiche Bildungseinrichtungen und Schulen, und zwar sowohl für Jungen als auch für Mädchen. Man könnte sagen, dass die reformatorische Bewegung grundlegend an der Idee beteiligt war, dass es so etwas wie ein allgemeines Recht auf weltliche und religiöse Bildung gibt.

Insbesondere der Reformator Philipp Melanchthon machte sich hier verdient. Er setzte sich für eine umfassende humanistische Bildung ein und bekam deshalb noch zu Lebzeiten den Titel „Praeceptor Germaniae“: Lehrer Deutschlands. Ihm verdanken wir nicht nur die Urform des heutigen Gymnasiums, sondern auch einen vehementen Einsatz für die allgemeine Schulpflicht, die wir heute haben.

Teuflische Faulheit: Unser Arbeitsethos

Auch die Arbeitswelt hat sich durch den Einfluss der Reformation grundlegend geändert - nicht unbedingt hin zum Guten. Bis zur Reformation war es selbstverständlich und auch in Ordnung, wenn Menschen Almosen in Anspruch genommen haben. Es gab sogenannte Allmende, gemeinschaftlichen landwirtschaftlichen Besitz, den alle nutzen konnten. Im 15. und 16. Jahrhundert eigneten sich viele weltliche Herrscher diesen Besitz an - ein wesentlicher Grund für den deutschen Bauernkrieg. Obwohl sich die Bauern in wesentlichen Punkten ihrer Forderungen auf Luthers Schrift "Freiheit eines Christenmenschen" beriefen, schlug sich Luther eindeutig auf die Seite der Fürsten ("Seid untertan der Obrigkeit!") und riet ihnen, den Aufstand brutal niederzuschlagen.

Zu Luthers Zeiten war es durchaus üblich, nur so viel zu arbeiten, dass man gerade genug zum Leben hatte. Der Augustinermönch und einige seiner Mitreformatoren, allen voran Johannes Calvin, standen jedoch für eine rigorose Arbeitsethik: Arbeit sei etwas, womit man Gott ehre. Fleiß wurde damit zum Zeichen göttlicher Erwählung. Müßiggang und Faulheit hingegen galten als teuflisch. In Kombination mit der Ansicht, man müsse der Obrigkeit untertan sein, war damit auch der Ausbeutung vieler Menschen Tür und Tor geöffnet. Der Einfluss der Reformatoren hat bedeutend dazu beigetragen, dass sich bis heute in vielen Teilen der Welt ein solches protestantisches Arbeitsethos durchgesetzt hat. Und nicht zuletzt dazu, dass wir Lohnarbeit heute als völlig selbstverständlich erachten.

Freiheit und Toleranz?

Angesichts der Feierlichkeiten und der Kommerzialisierung im Rahmen des Reformationsjubiläums muss man vorsichtig sein, nicht in ein glückseliges Schunkeln zu geraten. Man darf nicht vergessen, dass man zwar einzelne Bögen von der Reformation bis heute spannen kann, doch wer zum Beispiel fundamentale Begriffe der Moderne wie Freiheit, Toleranz und Menschenrechte unmittelbar auf die reformatorischen Erkenntnisse zurückführt, der macht es sich zu einfach. Ja, Luther sprach von der "Freiheit eines Christenmenschen", aber sein theologischer Freiheitsbegriff unterscheidet sich wesentlich von jenem, der in der Aufklärung für die Moderne grundlegend wurde. Und Toleranz war auch nicht unbedingt der Bereich, in dem sich die reformatorischen Bewegungen im 16. Jahrhundert besonders verdient gemacht hätten.

Die Reformation hatte weitreichende Folgen, ohne die unsere Gesellschaft heute nicht die wäre, die sie ist - mit vielen positiven wie negativen Aspekten. Doch das lag nicht unbedingt daran, dass die Reformatoren plötzlich in einer mittelalterlichen Welt mit Ideen auftraten, die wir heute eins zu eins als Erkenntnisse der Moderne beanspruchen könnten. In erster Linie war die Reformation ein theologischer und innerkirchlicher Konflikt. Sie löste nur deshalb ein politisches und gesellschaftliches Erdbeben aus, weil das Europa vor 500 Jahren keine Trennung zwischen weltlicher und geistlicher Macht kannte. Europa wurde ins Chaos gestürzt. Dass man dadurch gezwungen war, dieses Durcheinander über Jahrhunderte hinweg wieder zu sortieren, sich über zentrale Werte und Begriffe zu verständigen und ein friedliches, modernes Europa zu schaffen - auch dafür ist die Reformation also mitverantwortlich.

Quelle: ntv.de

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