Panorama

"Ein ziemliches Luxusproblem" Wie umgehen mit Ladenhüter Astrazeneca?

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Viele wollen ihn nicht, den Corona-Impfstoff von Astrazeneca.

(Foto: imago images/IP3press)

Die Corona-Pandemie ist noch lange nicht besiegt. Doch der lange herbeigesehnte Impfstoff wird gemieden - jedenfalls der des Herstellers Astrazeneca. Mancherorts stapeln sich bereits die Impfdosen. Rufe nach einem neuen Vorgehen werden laut. Manche Kommunen machen bereits Ernst.

Impfparadoxon in Deutschland: Viel wurde und wird über die schleppend anlaufende Impfkampagne geschimpft. Zwischen der Europäischen Union und Hersteller Astrazeneca kam es Anfang des Jahres sogar zum Streit über womöglich zu knappe Liefermengen. Doch nun mehren sich die Berichte, dass hierzulande viele Impfdosen des Astrazeneca-Vakzins ungenutzt liegen bleiben - der einst so sehnlich erwartete Impfstoff wird zum Ladenhüter.

Allein im Impfzentrum Köln etwa stapeln sich 5000 Dosen, wie die "Rheinische Post" berichtete. Demnach würden dort täglich 500 Dosen von Astrazeneca angeliefert, mangels Nachfrage jedoch nur 120 Dosen pro Tag verimpft. "Der Stapel wird von Tag zu Tag größer", sagte der Leitende Impfarzt Jürgen Zastrow dem Blatt. Auch aus vielen anderen Städten und Landkreisen gibt es ähnliche Berichte.

Anfang der Woche hatten die Bundesländer zwischen 81 und 97 Prozent der angelieferten Menge des Astrazeneca-Impfstoffs noch nicht verteilt, wie das ZDF ermittelte. Der größte Anteil blieb demnach in den Bundesländern Baden-Württemberg und Sachsen liegen, wo jeweils nur rund 3 Prozent der Impfdosen gespritzt worden waren. Besser war die Lage zwar in Hamburg, aber auch dort landeten lediglich 20 Prozent, in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen jeweils etwas mehr als 14 Prozent der gelieferten Dosen in den Oberarmen Impfwilliger.

Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Mittwoch bestätigt, dass deutschlandweit erst 15 Prozent der verfügbaren Astrazeneca-Impfstoffdosen verabreicht wurden. Laut dem Ministerium sind bisher knapp über eine Million Dosen des Vakzins ausgeliefert worden. Und die Lieferungen gehen weiter: Bis Anfang April werden es insgesamt rund 5,6 Millionen Impfdosen in Deutschland sein.

Impfreihenfolge bröckelt

In Köln hat man mittlerweile auf die schwache Nachfrage nach Astrazeneca reagiert. Der Krisenstab entschied, dass der Kreis der Impf-Berechtigten erweitert werden soll, wie die Stadt am Mittwoch mitteilte. Angehörige der zweiten Prioritätengruppe sollen nun nachrücken. Woanders wird ebenfalls umgedacht: Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach will mit einem Teil der übrig gebliebenen Astrazeneca-Dosen die rund 3000 Obdachlosen in den Notunterkünften impfen, wie sie den Zeitungen der Funke-Mediengruppe sagte. Mangels Daten zur Wirkung bei Älteren bekommen allerdings vorerst nur Menschen zwischen 18 und 64 Jahren den Impfstoff von Astrazeneca verabreicht.

Auch die Ständige Impfkommission (Stiko) plädiert dafür, die Reihenfolge bei den Corona-Impfungen nicht allzu starr einzuhalten. In allen Impfzentren sollte es unbedingt Listen dafür geben, "wer an die Reihe kommt, wenn Dosen übrig bleiben", sagte Stiko-Chef Thomas Mertens den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Damit kein Impfstoff verworfen werde, könnten "geeignete Kandidaten aus nachfolgenden Prioritätsgruppen" vorgezogen werden. Der Umgang mit übrig bleibenden Impfdosen müsse "pragmatisch vor Ort geregelt werden", forderte der Virologe. Die Übergänge zwischen den Gruppen in der Impfreihenfolge dürften nicht als "harte Grenze" aufgefasst werden.

Unklar ist, ob das etwas an den herrschenden Vorbehalten gegenüber dem Impfstoff ändern wird. Wie eine aktuelle Umfrage des Covid-19 Snapshot Monitoring (COSMO) der Universität Erfurt bestätigte, wird der Astrazeneca-Impfstoff als weniger sicher und weniger effektiv als etwa das Vakzin von Biontech/Pfizer wahrgenommen. Die Impfbereitschaft ist bei Astrazeneca zudem mit rund 40 Prozent deutlich niedriger als bei Biontech/Pfizer mit 64 Prozent. Die geringere Wirksamkeit des Vakzins von Astrazeneca ist allerdings eine Tatsache: Bisherigen Daten zufolge liegt sie bei 62 Prozent - weniger als bei den beiden bisher zugelassenen Konkurrenzprodukten.

Impfstoff von Astrazeneca "hochwirksam"

Gleichzeitig wird die Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoffs von Experten als absolut ausreichend angesehen. Das Paul-Ehrlich-Institut betonte, dass der Corona-Impfstoff von Astrazeneca "hochwirksam" sei. Er verhindere in der Mehrzahl der Fälle eine Erkrankung mit Covid-19 oder mildere bei einer Erkrankung die Symptome. "Impfreaktionen treten nach der Gabe des Impfstoffs verhältnismäßig häufig auf. Aber sie sind von kurzer Dauer und spiegeln in der Regel die normale Immunantwort des Körpers auf die Impfung wider", heißt es in einer Mitteilung des Instituts.

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Regierungssprecher Steffen Seibert appellierte zuletzt an alle Bürger, dem Impfstoff von Astrazeneca Vertrauen zu schenken. "Er ist wirksam, er ist sicher." Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier warb um Vertrauen in alle Impfstoffe. Er habe "nur wenig Verständnis für die Zurückhaltung gegenüber dem einen oder dem anderen Impfstoff", sagte Steinmeier angesichts der Skepsis gegenüber dem Impfstoff von Astrazeneca. Das sei "ein ziemliches Luxusproblem".

Die Hoffnung ist, dass mit der neuen Impfverordnung, mit der seit Mittwoch auch Kita-Erzieher sowie Lehrkräfte an Grund- und Förderschulen vorrangig geimpft werden dürfen, die Nachfrage nach Astrazeneca anzieht. Die Bundesländer haben es selbst in der Hand, die Impfreihenfolge auf Basis der geänderten Impfverordnung sowie den Empfehlungen der Impfkommission zu bestimmen. Ein Lichtblick: Nach Änderung des Impfplans waren die ersten verfügbaren Corona-Impftermine in Thüringen bereits binnen weniger Stunden ausgebucht.

Quelle: ntv.de

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