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Wirksamkeit unter der Lupe Warum Astrazeneca kein schlechtes Vakzin ist

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Der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca hat bei vielen Menschen zurzeit keinen guten Ruf. Zu Unrecht?

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Eine Wirksamkeit von "nur" 60 Prozent lässt viele Menschen an der Qualität des Astrazeneca-Impfstoffs zweifeln. Doch in der hitzigen Debatte wird einiges missverstanden. Denn es kommt auf eine ganz bestimmte Wirkung an - die das umstrittene Vakzin ganz klar erfüllt.

Nebenwirkungen und eine geringe Wirksamkeit? Der Impfstoff des britisch-schwedischen Unternehmens Astrazeneca hat bei vielen Menschen keinen guten Ruf. Wenn sie die Wahl hätten, würden sich 50 Prozent der Deutschen für einen anderen Impfstoff entscheiden, wie aus einer repräsentativen Befragung des Hamburg Center for Health Economics hervorgeht. Auch unter medizinischem Personal, das jetzt vorwiegend mit dem Astrazeneca-Vakzin geimpft wird, regt sich Unmut: Warum sollen sie einen Impfstoff mit nur 60 Prozent Wirksamkeit bekommen, wenn es doch auch welche mit 95 Prozent gibt? Ihnen springt nun auch der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, zur Seite und plädiert gegen einen Einsatz von Astrazeneca bei medizinischem Personal. "Die geringere Wirksamkeit lässt sich nicht wegdiskutieren", sagte Montgomery der "Rheinischen Post".

Doch was bedeutet eine "geringere Wirksamkeit" überhaupt? Und ist der Impfstoff dadurch schlechter für den Kampf gegen die Pandemie geeignet?

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"Der technische Begriff Wirksamkeit ist irreführend, weil er mit der Alltagsbedeutung verwechselt wird", sagt der Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz der "Zeit". Wenn die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) dem Astrazeneca-Impfstoff eine Wirksamkeit von 59,5 Prozent bescheinigt, interpretieren das viele Menschen intuitiv so: Vier von zehn Menschen erkranken trotz Impfung an Covid-19. Dem sei allerdings nicht so, erklärt Gigerenzer.

Als Beispiel nennt der Wissenschaftler die jährliche Grippeimpfung, deren Wirksamkeit regelmäßig zu den gleichen Missverständnissen führt wie nun bei den Corona-Vakzinen. Wenn die Grippeimpfung eine Wirksamkeit von 50 Prozent hat, heiße das nicht, dass jeder zweite Geimpfte die Grippe bekommt, so Gigerenzer. "Sondern unter den Geimpften gibt es nur halb so viele Fälle wie unter nicht Geimpften." Der Prozentwert gibt also an, wie viel geringer die Zahl der Erkrankungen bei Geimpften im Vergleich zu Nicht-Geimpften ist. Bei der Wirksamkeit handelt es sich somit um einen Vergleich des Risikos zwischen den beiden Gruppen.

"Gegen schwere Verläufe total gut wirksam"

Darüber hinaus beziehen sich die Angaben zur Wirksamkeit wie 95 Prozent bei Biontech und 60 Prozent bei Astrazeneca auf die klinische Immunität - also wie stark die Impfung im Falle einer Infektion das Risiko senkt, beispielsweise Fieber oder Husten zu bekommen oder den Geschmackssinn zu verlieren. Über den Schutz vor schweren Verläufen ist mit der Prozentangabe erstmal keine Aussage getroffen, wie der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast vergangene Woche anmerkt: "Klinisch auffällige Infektionen können auch Halsschmerzen sein." Von eigentlichem Interesse sei doch aber, "ob wir gegen den schweren Verlauf geschützt sind. Und da liegt die Wirksamkeit viel, viel, viel besser. Alle Impfstoffe sind gegen schwere Verläufe total gut wirksam", so Drosten.

Der amerikanische Infektiologe Lawrence Corey von der Universität des Staates Washington, der mehrere klinische Studien zur Impfstoff-Wirksamkeit in den USA betreut, spitzte diese Antwort kürzlich zu, indem er im "Science"-Magazin fragte: "Wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor Husten schützt, oder wollen Sie einen Impfstoff, der Sie vor dem Tod bewahrt?"

Und tatsächlich: Alle Impfstoffe und Kandidaten, die bisher in großen Studien getestet wurden, scheinen sehr gut vor schweren Komplikationen zu schützen. Das betrifft nicht nur Biontech/Pfizer und Moderna, sondern gleichermaßen auch Astrazeneca sowie Johnson & Johnson, den russischen Impfstoff Sputnik V und die Vakzine von Sinovac aus China. In den Studien musste nicht eine vollständig geimpfte Person wegen Covid-19 ins Krankenhaus, keine einzige starb.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn betonte: "Astrazeneca ist ein sicherer und wirksamer Impfstoff." Er selbst würde sich mit dem britisch-schwedischen Vakzin impfen lassen, sagte er im Interview mit RTL/ntv. Christian Drosten hält grundsätzliche Bedenken gegen den Astrazeneca-Impfstoff ebenfalls für unbegründet und spricht sich für einen breiten Einsatz des Präparats aus. Wenn er sich die öffentliche Diskussion um diesen Impfstoff anschaue, habe er den Eindruck, dass vieles falsch verstanden worden sei, sagte der Charité-Virologe in seinem aktuellen NDR-Podcast.

Schutz gegen Virus-Mutanten?

Doch Studien zur Wirksamkeit gegen neue Virusvarianten wie B.1.1.7, die erstmals in Großbritannien aufgefallen ist, oder die in Südafrika entdeckte Variante B.1.351 schüren zusätzliche Bedenken gegen den Einsatz des Astrazeneca-Vakzins. Zuletzt häuften sich Befürchtungen, dass der Impfstoff vor allem gegen die südafrikanische Mutante nicht mehr so gut wirken könnte. In Südafrika wurde sogar das Impfen mit Astrazeneca gestoppt. Studienergebnisse lassen darauf schließen, dass das Vakzin gegen die Variante B.1.351 kaum mehr wirksam sein könnte. Allerdings sei die Analyse zu klein, um statistisch aussagekräftig zu sein, gibt Drosten zu bedenken. Zudem wurden nur milde und moderate Verläufe untersucht, keine schweren.

Für Deutschland ist ohnehin die Schutzwirkung gegen die Virus-Variante aus Großbritannien zurzeit bedeutsamer. Denn B.1.1.7 breitet sich hierzulande rasant aus. Nach neuesten Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) stieg der Anteil der als deutlich ansteckender geltenden Mutante binnen zwei Wochen von knapp 6 auf mehr als 22 Prozent. B.1.1.7 bedeute aber laut einer Studie keinen Nachteil für die Schutzwirkung des Astrazeneca-Impfstoffs, versicherte Drosten.

Astrazeneca hat inzwischen eine neue Impfstoff-Generation für den Herbst angekündigt, die besser vor Varianten schützen soll. Zudem deutet eine neue, noch nicht von Experten begutachtete Studie der Universität Oxford darauf hin, dass der Impfstoff deutlich wirksamer sein könnte als 60 Prozent, wenn erste und zweite Dosis mindestens zwölf Wochen auseinander liegen. Bei einem Abstand von mehr als zwei Wochen scheint die Wirksamkeit bei 75 Prozent zu liegen. Diese wächst laut der Preprint-Studie weiter, je mehr Zeit zwischen den beiden Dosen liegt.

Quelle: ntv.de