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Festgefahrene Corona-Strategie Wo bleibt der Plan B?

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Der Lockdown muss auf die eine oder andere Weise wohl bis zum Frühling fortgesetzt werden.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Es wird immer deutlicher, dass das Lockdown-Ziel einer niedrigen Inzidenz kaum vor April zu erreichen ist. Bund und Länder sollten also die Möglichkeit eines Scheiterns ihrer Strategie akzeptieren und einen Plan B präsentieren. Aber stattdessen gibt es nur Andeutungen, Aussitzen oder Aktionismus.

Offiziell soll der aktuelle Lockdown nach wie vor zu einer 7-Tage-Inzidenz von weniger als 50 Fällen pro 100.000 Einwohner führen. Doch schon Anfang Dezember war klar, dass die verschärfte Fortführung des zögerlichen November-Shutdowns niemals bis zum 10. Januar ans Ziel führen würde. Jetzt ist man in der Verlängerung und es sieht nach wie vor nicht gut aus. Erneut musste das Robert-Koch-Institut (RKI) heute mehr als 1000 Covid-19-Tote registrieren und die Fallzahlen sanken offensichtlich nur vorübergehend wegen fehlender Meldungen über die Feiertage.

Angesichts dieser Entwicklung wäre es also dringend notwendig, über Alternativen nachzudenken, statt sich an Grenzwerte zu klammern, die man bereits im Sommer und Herbst durch zögerliches und inkonsequentes Handeln verspielt hat. Doch Bund und Länder reden um den heißen Brei herum und präsentieren nur vage Andeutungen und überstürzte Maßnahmen, die eher konfus als planvoll wirken und die Menschen frustrieren, statt sie mitzunehmen.

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Ja, es ergibt viel Sinn, die Inzidenz unter 50 zu drücken, am besten noch deutlich tiefer. Denn solange sie höher ist, kann man nur reagieren, statt die Pandemie proaktiv zu kontrollieren. Aber offensichtlich reichen die Maßnahmen derzeit nicht aus, die Fallzahlen entsprechend zu senken. Der Lockdown zeigt wesentlich weniger Wirkung als im März. Dafür die Bevölkerung zu kritisieren, im Sinne von "Wenn nur alle mitmachen würden" ist zu billig. Natürlich gibt es Querulanten und Ignoranten, die sich nicht an die Regeln halten, aber die große Mehrheit steht nach wie vor hinter den Maßnahmen.

Im Winter keine niedrigen Inzidenzen möglich

Der wichtigste Grund für die enttäuschende Lockdown-Wirkung ist neben einer jetzt wesentlich größeren Verbreitung des Virus wohl schlicht der Winter. Der Virologe und Epidemiologe Klaus Stöhr sagte ntv.de, bei einer so hohen Infektiosität und weil noch mehr als 90 Prozent der Bevölkerung keine Immunität gegen das Virus entwickelt hätten, "können selbst drastische Einschränkungen die dauernde Viruszirkulation nur in einem begrenzten Umfang und dann nur über einen kurzen Zeitraum reduzieren". Ein Inzidenzwert von unter 50 im Winter sei "illusorisch", so Stöhr. Das bedeutet, dass auch ein "totaler Lockdown" unter großen Verlusten die Inzidenz bestenfalls vorübergehend unter 50 bringen könnte - mehr aber auch nicht.

Bei "Markus Lanz" erklärte Virologin Helga Rübsamen-Schaeff gestern, warum das so ist. Coronaviren seien Erkältungsviren und damit im Winter wesentlich stabiler als im Sommer, sagte sie. Wenn man Sars-CoV-2 bei 4 Grad 14 Tage aufbewahre, seien noch fast alle Viren erhalten. Bei 20 Grad sei dagegen schon nach 7 Tagen kaum noch etwas da. Und weil die Viren länger aktiv blieben, seien sie im Winter auch deutlich infektiöser. "Das alleine ist glaube ich schon der Grund, warum es für uns jetzt so schwierig ist, die Zahlen niedrig zu halten", sagte die Wissenschaftlerin.

Zusätzlicher Druck durch Mutationen möglich

Möglicherweise ist die erhöhte Infektiosität im Winter in Verbindung mit den Lockerungen zu Weihnachten auch der entscheidende Grund für die extrem angestiegenen Zahlen in Irland nach dem erfolgreichen Herbst-Lockdown dort. Michael Ryan, Chef des WHO-Notfall-Programms, sagte "The Irish Times", dies sei nicht auf die mutierte Variante B117 zurückzuführen, sondern auf vermehrte soziale Kontakte und zu wenig Distanz während der Festtage. Im Sommer hätte so ein Verhalten kaum so dramatische Konsequenzen gehabt.

Das irische Fiasko könnte aber auch an B117 liegen. Denn was die in Großbritannien zuerst entdeckte Virus-Mutation betrifft, ist noch nichts bewiesen, auch wenn es Hinweise auf eine wesentlich höhere Infektiosität gibt. Christian Drosten sagte in seinem NDR-Podcast, er gehe davon aus, "dass wir vielleicht bis Ostern oder bis Mai ganz klare, experimentelle Evidenz haben, ob jetzt dieses Virus übertragbarer und gefährlicher ist oder nicht."

Es ist aber vernünftig, aus Vorsicht erstmal davon auszugehen, dass die B117-Variante tatsächlich noch ansteckender ist als das bisher in Deutschland grassierende Coronavirus. Ähnlich muss man wohl mit der "Südafrika-Mutation" umgehen.

Reden um den heißen Brei

Sollte sich herausstellen, dass die neuen Sars-CoV-2-Varianten den R-Wert deutlich erhöhen, ist die Aussicht auf einen "schnellen" Erfolg des aktuellen Lockdowns noch unwahrscheinlicher, als sie ohnehin schon ist. Und das ist der Bundesregierung und wohl auch den Verantwortlichen in den Ländern wahrscheinlich klar. Aber sie sprechen nur hinter verschlossenen Türen darüber.

So soll die Kanzlerin vor Mitgliedern der Unionsfraktion von harten Maßnahmen für die kommenden acht bis zehn Wochen gesprochen, damit allerdings nicht eine Verlängerung des aktuellen Lockdowns gemeint haben - was immer das auch sonst bedeuten sollte. Vizekanzler Scholz sagte zwar offen, es sei "nicht gesagt, dass der verschärfte Lockdown bis Ende Januar Covid-19 so weit zurückgedrängt hat, dass wir wieder lockern können." Allerdings ließ er offen, was danach wie lange folgen könnte.

Dieses Reden um den heißen Brei erinnert stark an die unsägliche Diskussion über Schulen. Auch hier gibt es noch keine wissenschaftlichen Beweise dafür, wie groß deren Anteil am Pandemiegeschehen tatsächlich ist. Vermutlich sind jüngere Kinder weniger infektiös, während Teenager mit Erwachsenen gleichzusetzen sind, aber man weiß es eben noch nicht ganz sicher.

Schlechtes Beispiel: Schulen

Was wurde daraus gemacht? Statt im Sommer eine differenzierte Strategie auszuarbeiten und die nötigen Vorbereitungen zu treffen, passierte so gut wie nichts. Die Politik verdrängte das Problem, legte sich Studien zurecht, um Schulen pauschal als risikofreie Zonen zu erklären oder wollte sich einfach die Ferienzeit nicht vermiesen lassen. Von Luftreinigern, ausreichend Handwaschmöglichkeiten oder gar einer digitalen Infrastruktur können immer noch viele Schulen nur träumen. Aber dafür, trotz aller Bedenken von Experten Urlaubsreisen wieder zu ermöglichen, fanden Bund und Länder genug Zeit.

Das Virus nutzte die Gelegenheit und verbreitete sich zwar in niedriger Quantität, aber dafür auf breiter Fläche. Dies war eine ideale Grundlage für die zweite Welle, die viele Politiker, aber auch einige Wissenschaftler noch im Spätsommer und Herbst für unwahrscheinlich hielten. Da hätte man noch handeln können, die Inzidenzen sogar Richtung 0 drücken. Vielleicht hätte ein entschiedener Herbst-Shutdown ebenfalls erfolgreich sein können, aber wohl auch nicht nachhaltig.

Mahnendes Beispiel Irland

Irland ist das beste Beispiel dafür, was passiert, wenn man glaubt, nach einem Lockdown im Winter wieder lockern zu können. All die Kosten und Entbehrungen waren schon nach wenigen Wochen für die Katz und die Inzidenzen sind jetzt nahezu sechsmal höher als vor dem Lockdown.

Das bedeutet für Deutschland nicht, dass der gegenwärtige Lockdown gar nichts bringt, wie dies Kassenärzte-Chef Gassen behauptet. So eine Aussage ist angesichts der Situation auf deutschen Intensivstationen geschmacklos. Denn ohne die Einschränkungen hätten wir jetzt vielleicht Inzidenzen jenseits der 900 wie in Irland - mit schrecklichen Folgen. Schon jetzt hat Deutschland mit einem aktuellen 7-Tage-Schnitt von rund zehn Covid-19-Toten pro einer Million Einwohner eine vergleichbare Sterberate wie die USA erreicht. Der Lockdown hat immerhin eine sichtbare Entlastung auf den Intensivstationen gebracht und die traurige Statistik könnte sich in den kommenden Wochen verbessern.

Schutz der Alten immer noch ungenügend

Nach wie vor erliegen vor allem Menschen über 80 Jahren der Krankheit. Zwar haben jetzt für diese Altersgruppen die Impfungen begonnen und der Fokus liegt verstärkt auf der Absicherung von Seniorenheimen. Kritiker haben aber absolut recht, wenn sie noch größere Bemühungen fordern, Pflegeeinrichtungen zu schützen. Die Todesrate bei den alten Menschen ist für ein Land mit den Möglichkeiten Deutschlands einfach beschämend.

Das soll aber kein Wasser auf die Mühlen derer sein, die behaupten mit der Absicherung der Risikogruppen sei es auch schon getan. Wenn es zu viele Neuinfektionen gibt, wird es auch weiter viele Tote geben - so gut kann niemand Heime absichern, von Angehörigen der Risikogruppen, die nicht in Einrichtungen leben, ganz zu schweigen.

Die als Beraterin für öffentliche Gesundheit an der Universität Edinburgh tätige US-Wissenschaftlerin Devi Sridhar sieht ein ähnliches Problem in Großbritannien. Dort wurde am 8. Januar mit mehr als 1300 Covid-19-Toten ein trauriger Höchststand erreicht und die Intensivstationen arbeiten am Limit oder sind bereits darüber hinaus. Eine Langzeitstrategie fehlt in Großbritannien wie in Deutschland, bei allen Unterschieden ist ein Vergleich daher passend.

Strategie könnte drei Phasen haben

Sie habe schockiert hören müssen, wie der Chef-Mediziner des Landes sagte, man müsse auch im kommenden Winter wieder mit einem Lockdown rechnen, sagte Sridhar dem "NewStatesman". Sie fordert eine dreiphasige Strategie. Zunächst gelte es, mit harten einschränkenden Maßnahmen den Winter zu überstehen, ohne dass das Gesundheitssystem zusammenbricht. Grenzwerte spielen dabei keine Rolle, es muss garantiert werden, dass jeder Patient für jede Krankheit eine angemessene Behandlung bekommt.

Im Frühling soll bei dann hoffentlich niedrigen Zahlen die Kontrolle mit Tests und Nachverfolgung zurückgewonnen werden. Und im Sommer gehe es schließlich darum, das Virus weitgehend zu eliminieren und diesen Zustand dann zu halten, so Sridhar. Dies bedeute auch, nicht wie im vergangenen Sommer wieder Urlaubsreisen ins Ausland zu gestatten.

Diesen Plan kann man durchaus auf Deutschland anwenden, allerdings nicht eins zu eins. Die Bundesrepublik muss im Rahmen der EU handeln und es müssen Regelungen gefunden werden, die die unterschiedlichen Bedingungen in den Bundesländern oder auch Kreisen berücksichtigen.

Politik und Wissenschaft in der Verantwortung

Wie genau das geschehen soll, müssen Bund und Länder - unter stärkerem Einbezug der Parlamente als bisher - festlegen. Das ist jetzt Aufgabe der führenden Politiker, darum sollten sie sich jetzt kümmern, statt ihre Energie in einem sinnlosen Wahlkampf-Streit über eine unglücklich gestartete Impfkampagne zu vergeuden. Das Problem wird schon bald keines mehr sein, wenn parallel eine kluge Langzeitstrategie gefahren wird, um die durch die Impfungen hoffentlich immer kleiner werdenden Risikogruppen zu schützen.

Hilfe darf dabei die Politik hoffentlich von unseren ausgezeichneten Wissenschaftlern erhoffen, wenn diese aufhören, indirekt über Twitter und Talkshows zu streiten. Ihre Aufgabe ist es jetzt nicht, Extrempositionen zu verteidigen, sondern über wissenschaftlichen Diskurs Grundlagen für evidenzbasierte politische Entscheidungen zu finden.

Dass der Lockdown mit möglichen Anpassungen in den vom Pandemiegesetz vorgeschriebenen Vier-Wochen-Schritten voraussichtlich bis zum Frühjahr verlängert werden muss, ist eine bittere Pille, die Deutschland aber schlucken muss. Und die Politik muss sie verabreichen, ohne um den heißen Brei herumzureden.

Auch die anderen Opfer nicht vergessen!

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Es werden harte Monate, aber ein "Schau'n mer mal, was kommt und dann reagieren wir entsprechend" wie es die Regierungen derzeit betreiben, ist kein Weg aus der Krise. Und zusätzliche Maßnahmen wie 15-Kilometer-Zonen sind purer Aktionismus und bringen nichts, außer die Bevölkerung zu frustrieren.

Stattdessen sollten sich Bund und Länder dringend darum kümmern, dass versprochene Hilfen an Gastronomen, Kulturschaffende, Einzelhändler und alle anderen von den Maßnahmen unmittelbar oder indirekt Betroffenen auch zügig ausgezahlt werden. Auch für diese Pandemie-Opfer muss es eine langfristige Strategie geben, statt ihnen falsche Hoffnungen auf schnelle Lockerungen zu machen. Es gibt viel zu tun, packt es endlich an!

Quelle: ntv.de