Panorama

Lage bleibt extrem angespannt Zahl der Toten nach Unwettern steigt auf 59

Ganze Landstriche sind verwüstet, Häuser wurden weggespült. Nach den schweren Regenfällen im Westen Deutschlands steigt die Zahl der Toten. Zudem werden zahlreiche Menschen noch vermisst. Die Lage ist vielerorts weiterhin unübersichtlich.

Nach Unwettern im Westen Deutschlands sind mindestens 59 Menschen gestorben. In Rheinland-Pfalz kamen durch die Hochwasser-Katastrophe 28 Menschen ums Leben. Mögliche weitere Opfer seien angesichts der großen Zahl von rund 40 bis 60 weiterhin vermissten Menschen zu befürchten, macht der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz im SWR Fernsehen deutlich. Unter den Todesopfern sind auch Bewohner einer Einrichtung für behinderte Menschen. Die Fluten seien schneller gekommen, als die Menschen hätten in Sicherheit gebracht werden können, erklärt das Innenministerium.

In Nordrhein-Westfalen bleibt die Lage ebenfalls weiter angespannt. Nach dem Abklingen des Starkregens kämpfen Feuerwehr und andere Einsatzkräfte an vielen Orten mit einer sich verschärfenden Hochwasserlage. Mindestens 31 Menschen starben, wie das NRW-Innenministerium mitteilt. 57 Personen seien zudem verletzt. Die Polizei Köln berichtet von 20 Toten in der Region. Noch seien nicht alle gesichteten Leichen geborgen, teilt sie am Nachmittag mit.

Im Sauerland starben zwei Feuerwehrleute. Einer von ihnen war in Altena bei der Rettung eines Mannes ertrunken. In einem überfluteten Keller eines Hauses in Geilenkirchen wurden zwei leblose Menschen gefunden. Nach ersten Ermittlungen handelte es sich um zwei Bewohner im Alter von 74 und 78 Jahren.

An der von einem Dammbruch bedrohten Steinbachtalsperre im Kreis Euskirchen sinkt der Wasserstand. Dies teilte Markus Böhm vom Krisenstab mit. Zum einen sei der Zufluss zurückgegangen, sagte der Geschäftsführer des Energiedienstleisters E-Regio. Zum anderen pumpe das Technische Hilfswerk Wasser aus der Talsperre nah an der Grenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Am Freitagmorgen soll es eine neue Begutachtung des Dammes geben. Weil der Ablass der Talsperre infolge des Unwetters verstopft ist, kann das Wasser nicht kontrolliert abgelassen werden. Zuvor hatte der Rhein-Sieg-Kreis auf Facebook mitgeteilt: "Nach aktueller Einschätzung muss mit einem plötzlichen Versagen der Mauer der Steinbachtalsperre jederzeit gerechnet werden". Die Evakuierungen der betroffenen Ortschaften Swisttal und Rheinbach gehe weiter. "Gehen Sie auf keinen Fall in Ihre Häuser und Wohnungen zurück", warnt die Kreisverwaltung.

Der Raum Bad Neuenahr-Ahrweiler wurde von der Unwetterkatastrophe besonders hart getroffen. Einsatzkräfte des Malteser Hilfsdienstes aus dem Südwesten unterstützen die Rettungskräfte. Dort werden 1300 Menschen vermisst. Das teilte die Kreisverwaltung mit. Eine Sprecherin erklärte, das Mobilfunknetz sei lahmgelegt - und daher gebe es keinen Handy-Empfang und viele Menschen seien nicht erreichbar. "Wir hoffen, dass sich das klärt", sagte sie zu der hohen Zahl. Bis zum Donnerstagabend wurden insgesamt 28 Tote gezählt. Doch der Kreis teilte mit, dass es weitere Todesopfer gebe. Zahlen wollte die Sprecherin dazu noch nicht nennen.

Die Rurtalsperre läuft nun über. Wie der Wasserverband Eifel-Rur mitteilte, läuft die Talsperre nun "mit einer geringen Dynamik" über. Die Zuflüsse zu den Talsperren hätten sich in den vergangenen Stunden "erfreulich reduziert". Zuvor war laut Verband bereits die Urfttalsperre übergelaufen, die der Rurtalsperre vorgelagert ist. Dadurch füllte sich Letztere schneller.

In Wangen im Allgäu im Landkreis Ravensburg ist ein Wohngebiet überflutet worden. Wie das Polizeipräsidium Ravensburg mitteilte, wurden zunächst zwei Brückendurchflüsse des Epplingser Bachs durch Treibgut blockiert. Dadurch sei das Ufer übergetreten und hätte das angrenzende Wohngebiet Epplingser Halde überschwemmt.

Der Krisenstab im Rhein-Erft-Kreis in Nordrhein-Westfalen hat den Katastrophenfall ausgerufen. Wegen der Hochwasserlage entlang der Erft bestehe die Gefahr, dass sich die bisher örtlich begrenzte Lage neben Erftstadt auch auf Kerpen, Bergheim und Bedburg ausweiten könnte, heißt es in einer Pressemitteilung. Die kreisangehörigen Kommunen wurden aufgefordert, "die notwendigen Maßnahmen des Bevölkerungsschutzes wie insbesondere Evakuierungen und Unterbringungen vorzubereiten und vorzunehmen". "Wir durchleben gerade eine Krise, deren Dimensionen heute noch nicht abschätzbar sind", sagt Landrat Frank Rock.

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Die Wuppertaler Schwebebahn kann wegen des Unwetters am Wochenende nicht fahren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch in Wuppertal sorgten heftige Regenfälle zu einem Anstieg der Wupper und so für überflutete Straßen. Wie ein Sprecher der Polizei mitteilte, wurden einige Straßen auf der Talachse entlang der Wupper gesperrt. Anwohner wurden demnach aufgefordert, sich nicht in Kellergeschossen aufzuhalten, sondern sich in höher gelegene Wohnungen zu begeben.

In Hückeswagen im Oberbergischen Kreis lief aufgrund der heftigen Regenfälle die Bevertalsperre über. Die Lage scheint allerdings nicht mehr ganz so angespannt wie noch in der Nacht. "Der Damm, der zu brechen drohte, ist so weit sicher", sagte ein Polizeisprecher am Morgen. In dem Bereich rund um die Talsperre gebe es aber großflächige Überschwemmungen. Etwa 1500 Menschen mussten in Hückeswagen ihre Wohnungen verlassen. "Bei den Evakuierungsmaßnahmen muss viel mit dem Boot gemacht werden, weil die Straßen nicht mehr befahrbar sind", sagte der Polizeisprecher. An der Wuppertalsperre im Bergischen Land werde unterdessen das Wasser weiter abgelassen. Dort war ein unkontrollierter Überlauf befürchtet worden.

Die Feuerwehr hat drei Menschen aus dem Fluss Wurm gerettet, die dort gedroht hatten zu ertrinken. Wie die Kreispolizeibehörde Heinsberg mitteilte, waren zwei Männer und eine Frau ersten Erkenntnissen nach auf einem Boot bei Übach-Palenberg (Kreis Heinsberg) auf der Wurm unterwegs.

Ruhr führt Rekordhochwasser

In Leverkusen wird wegen einer Störung der Stromversorgung ein Krankenhaus evakuiert. Die Aktion könne noch bis Freitag dauern, denn Rettungsdienste seien nur eingeschränkt verfügbar, sagt eine Sprecherin des Klinikums Leverkusen. Von der Räumung betroffen seien 468 Patienten. Je nach Gesundheitszustand seien sie auch entlassen worden. Operationen, Termine und Eingriffe wurden abgesagt. "Die medizinischen Geräte der Intensivstationen mussten teilweise mit Akkus betrieben werden", teilt das Klinikum mit. Bereits in der Nacht seien 12 Kinder und 15 erwachsene Patienten in umliegende Krankenhäuser verlegt worden. Insgesamt sei die eigentlich mehrfach abgesicherte Stromversorgung instabil. Auslöser war das Hochwasser des Flüsschens Dhünn. Dadurch wurde ein Kurzschluss an zwei Trafos ausgelöst.

In Solingen stürzte nach Polizeiangaben ein 82-Jähriger und geriet mit dem Kopf unter Wasser. Der Rentner sei später im Krankenhaus gestorben. Im Kreis Unna starb ein 77-Jähriger ebenfalls im unter Wasser stehenden Keller seines Wohnhauses. Bei der in Rheinbach bei Bonn entdeckten toten Frau ermittelt die Polizei nun weiter, vermutet aber einen Zusammenhang mit dem Unwetter.

Im Märkischen Kreis kamen bereits am Mittwoch zwei Feuerwehrleute ums Leben. Ein 46 Jahre alter Feuerwehrmann wurde von den Wassermassen fortgerissen und ertrank. Nur zwei Stunden später kollabierte ein 52 Jahre alter Feuerwehrmann bei einem Einsatz im Bereich des Kraftwerks Werdohl-Elverlingsen. Er sei trotz Reanimations- und Hilfsmaßnahmen gestorben, teilte die Polizei mit.

Die Ruhr führt an vielen Stellen Rekordhochwasser. So sei etwa bei Hattingen mit 1450 Kubikmetern Wasser pro Sekunde etwa 20 Mal soviel Wasser durchgeflossen wie im langjährigen Mittel, sagt ein Sprecher des Ruhrverbandes. So ein Hochwasser habe es mindestens seit 1960 nicht gegeben. "Wir haben an der Ruhr Wasserstände, die einen Meter höher liegen als das, was bisher aufgetreten ist", sagt auch Ulrich Windau vom Hochwasserwarndienst der Bezirksregierung Arnsberg. So erreichte der Pegel bei Wetter mit 7,21 Meter einen neuen Höchststand, auch bei Hattingen wurden nie registrierte Hochwasserwerte gemessen.

Häuser weiter einsturzgefährdet

Bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz sind laut Landesinnenminister Roger Lewentz mehrere Tausend Bürger vor den Fluten in Sicherheit gebracht worden. Ihre Zahl liege "deutlich im vierstelligen Bereich", sagte er bei einem Besuch der stark getroffenen Kurstadt Bad Neuenahr-Ahrweiler. Allein im Landkreis Ahrweiler seien 13 Helikopter "zusammengezogen worden".

Mit Blick auf die Toten in Rheinland-Pfalz fügte Lewentz hinzu: "Die Menschen sind quasi im Bett überrascht worden." Die Hochwassernacht erinnere ihn an die Flutkatastrophe von Hamburg 1962. Auch damals wurden die Opfer in der Nacht überrascht - mehr als 300 Bürger verloren ihr Leben.

Auch im Landkreis Trier-Saarburg gibt es immense Schäden. Hunderte Häuser seien in Mitleidenschaft gezogen worden, sagte ein Sprecher des Landkreises in Konz. Die Schäden reichten von vollgelaufenen Kellern bis hin zu Totalschäden an Wohnhäusern und öffentlichen Gebäuden wie beispielsweise einer Kläranlage. Schwerpunkte seien die Gemeinde Kordel am Mosel-Nebenfluss Kyll sowie der Trierer Stadtteil Ehrang. In der Südeifel seien zudem am Mosel-Zufluss Sauer vier bis fünf Orte teils überspült worden.

In Kordel hätten Einsatzkräfte bereits rund 100 Menschen in Sicherheit gebracht, weitere 60 Menschen sollten am Nachmittag und Abend folgen. Der Hochwasserschutz in Kordel, der nach einem Höchststand der Kyll von 4,80 Meter im Jahr 1995 errichtet worden war, sei "gnadenlos abgesoffen", sagte der Sprecher, am heutigen Donnerstag sei ein Pegelstand von 7,80 Metern erreicht worden. Dank spezieller Fahrzeuge der Bundeswehr habe man die teils bettlägerigen Bewohner eines Altenheims in Sicherheit bringen können, da die Zufahrtstraßen unpassierbar gewesen seien. Die zwischenzeitlich ausgefallene Trinkwasserversorgung in Kordel habe man mittlerweile wieder herstellen können.

Tausende Hilfskräfte im Einsatz

Das Technische Hilfswerk ist nach eigenen Angaben mit mehr als 2500 ehrenamtlichen Hilfskräften im Einsatz. "Unsere Helferinnen und Helfer sind seit Tagen unermüdlich im Unwetter-Einsatz, um Menschenleben zu retten, aber auch Infrastruktur und Sachwerte zu schützen", sagt THW-Präsident Gerd Friedsam. Obwohl der Regen in weiten Teilen nachgelassen habe, sei die Lage weiterhin angespannt. Die Gesamtwetterlage hatte sich am Donnerstag zwar etwas beruhigt. Doch Tief "Bernd" lag weiter über Deutschland und verlagerte seinen Schwerpunkt nach einem oft trockenen Start in den Tag vom Westen weiter ostwärts Richtung Landesmitte, inklusive der zentralen und östlichen Mittelgebirge. Dort drohten dann teils kräftige Gewitter mit Starkregen, Hagel und Sturmböen, wie die Experten von wetter.de prognostizieren.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unterstützt die betroffenen Regionen unter anderem mit Satellitenbildern. "Auf Anfrage der Länder Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen hat das BBK den Copernicus Dienst für Katastrophen- und Krisenmanagement ausgelöst", sagte Vizepräsident Thomas Herzog dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Copernicus ist das europäische Erdbeobachtungsprogramm. "Erste Satellitenbilder aus den vom Unwetter betroffenen Gebieten werden seit heute Morgen aufgenommen. Diese Bilder werden, sobald verfügbar, den Beteiligten im Krisenmanagement zur Verfügung gestellt", sagte Herzog.

Quelle: ntv.de, ino/sbl/dpa

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