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"Hart aber fair" Brauchen Smartphones eine Altersfreigabe?

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Thema bei Frank Plasberg und Gästen: Ein Handyverbot an Frankreichs Schulen.

(Foto: imago/Horst Galuschka)

In Frankreich sind Handys an Schulen demnächst verboten - und auch in Deutschland hält sich hartnäckig die Sorge, dass Smartphones aus unseren Kindern eine Armee von Bildschirmzombies machen. Wie dramatisch ist die Situation wirklich?

Kein Gegenstand prägt unser alltägliches Leben mehr als das Smartphone: Ein Tag ohne? Für die meisten Menschen kaum noch vorstellbar, schließlich ist das Handy vom Ticketkauf über den Zugang zu sozialen Medien bis hin zum Routenplaner das entscheidende und universelle Handwerkszeug. Dabei kamen die ersten echten Smartphones vor gerade einmal zehn Jahren auf den Markt, kaum mehr als ein Wimpernschlag in der Entwicklungsgeschichte der Technik - und eine viel zu kurze Zeitspanne, um alle damit einhergehenden Gefahren überblicken zu können. Die Menschen, die am stärksten von den neuen Medien angezogen werden, nämlich Kinder und Jugendliche, können am schlechtesten mit ihnen umgehen, argumentieren Kritiker - weshalb es in Frankreich demnächst ein Handyverbot an Schulen gilt.

Bei "Hart aber fair" diskutiert Moderator Frank Plasberg mit dem Schauspieler Thomas Heinze, der nordrhein-westfälischen Bildungsministerin Yvonne Gebauer, dem Psychiater Manfred Spitzer, der Schauspielerin Anne-Sophie Briest und ihrer Tochter Faye Montana sowie dem Medienpädagogen Jöran Muuß-Merholz über die Frage, wie schlimm Smartphones denn nun wirklich für unsere Kinder sind - und ob wir mit den Franzosen in puncto Handyverbot gleichziehen sollten.

Suchtmittel oder Chance?

"In Schulen sollte es handyfreie Zonen geben, aber das Thema des heutigen Abends ist Handyverbot, und dagegen spreche ich mich aus: Das ist ein Medium des 21. Jahrhunderts, und wenn ich sehe, welche Möglichkeiten es bei der Nutzung gibt, kommen wir daran nicht vorbei", sagt FDP-Politikerin Gebauer, die stattdessen für eine verbesserte Medienkompetenz wirbt. In dieselbe Kerbe schlägt Anne-Sophie Briest: "Jeder, der eine Ausbildung oder ein Studium in Deutschland anstrebt, muss ein Grundverständnis für digitale Medien mitbringen. Recherche im Netz muss man lernen, das endet ja nicht bei Wikipedia. Und deswegen plädiere ich für ein Kompetenztraining."

"Es ist wie mit jedem Suchtmittel: Manche können gut damit umgehen, manche überhaupt nicht. Deshalb bin ich dafür, Kindern schon früh einen verantwortungsvollen Umgang mit Smartphones beizubringen", sagt die Schauspielerin. Bei ihrer Tochter scheint das jedenfalls funktioniert zu haben: Faye ist der Sendung per Skype zugeschaltet und spricht für eine 15-Jährige erstaunlich reflektiert über ihr Leben, ihre Ziele und wie sie das Smartphone nutzt, um diese zu erreichen: "Ich fühle mich in der Schule eingeschlossen, weil Fächer wie Mathe oder Physik mich einfach nicht interessieren", sagt Faye, die nach der zehnten Klasse das Gymnasium verlassen und ihr Abitur lieber online nachholen möchte, um mehr Zeit für ihre echten Leidenschaften zu haben.

Das Smartphone ermögliche ihr, das von überall aus zu jedem Zeitpunkt zu tun, sagt die Schülerin, die auf ihrem Youtube-Kanal knapp 320.000 Follower um sich geschart hat. Den vermeintlich einfachen Weg, eine Karriere als Youtuberin, strebt Faye trotzdem nicht an: "Ich möchte die Plattform unterstützend zu meinem späteren Beruf nutzen", sagt sie. Dass sie die nötige Disziplin besitzt, ihr Abitur auch ohne den sanften Zwang des Schulsystems zu erreichen, daran zweifelt ob der abgeklärten Art der Schülerin auch Moderator Plasberg nur einen kurzen Moment lang.

Dabei dürfte es Mädchen wie Faye eigentlich gar nicht geben, wenn man Manfred Spitzer zuhört: "Wer als Jugendlicher drei Stunden am Tag in sozialen Medien verbringt, ist mit 18 doppelt so gefährdet für eine Depression", sagt der Psychiater, der wegen seiner steilen Thesen ein Dauerticket in Talkshows hat, bei denen es um die Gefahren digitaler Medien für Kinder und Jugendliche geht. Und: "Wer zu viel am Smartphone hängt, zerschießt sich seine Bildung und erhöht gleichzeitig seine Risiken für Demenz und - wegen des einhergehenden Schlafmangels - für Diabetes. Wenn man das alles zusammenzählt, dann ist Rauchen ein Klacks."

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte

Medienkritiker Spitzer ist indes selbst ein Medienprofi par excellence: Der Leiter der psychiatrischen Uniklinik Ulm liefert eine alarmistische Schlagzeile nach der anderen und untermauert seine Vorstöße mit einem regelrechten Bombardement aus Studien. Nicht nur Frank Plasberg zieht dabei amüsiert eine Augenbraue hoch und kündigt für den kommenden Tag einen Faktencheck an, auch Jöran Muuß-Merholz möchte die Behauptungen des streitbaren Psychiaters nicht unkommentiert stehenlassen: "Ich bin sehr skeptisch, wenn ich mir die Historie von Herrn Spitzer anschaue", sagt der Medienpädagoge.

"Da wird nämlich deutlich, dass er sehr selektiv arbeitet. Und das ist ja das Gute an der Digitalisierung: Da schau ich mir doch einfach mal die Studien an, die Herr Spitzer anführt und sehe, so eindeutig, wie er es darstellt, ist das alles nicht." Tatsächlich stand Spitzer wegen seiner verbalen Zuspitzungen und der Vereinfachung komplexer Zusammenhänge schon häufiger in der Kritik.

Während die Runde in vielen Punkten uneins ist, gibt es am Ende der Sendung doch immerhin einen Konsens: Die Forderung Spitzers, Smartphones erst ab dem 18. Lebensjahr freizugeben, stößt auf umfassende Ablehnung. "Wenn ich meinen Kindern erklären würde, sie bekämen mit 18 ein Handy, würden sie mich wahrscheinlich bitten, sie zur Adoption freizugeben", sagt Thomas Heinze und kann sich dabei ein vergnügtes Lachen nicht verkneifen. Trotzdem gibt es auch im Haus des Schauspielers Regeln für den Umgang mit der Technologie: "Eine Stunde vor dem Schlafengehen sammle ich die Handys ein, damit die Kinder Zeit haben, runterzukommen."

Nur die Zeit kann zeigen, wie sich unser Leben mit Smartphones auf lange Sicht entwickelt und ob die nachfolgenden Generationen - wie von Manfred Spitzer befürchtet - tatsächlich zu hirnlosen Zombies degenerieren. Ein kurioses Fundstück der "Hart aber fair"-Redaktion gibt aber immerhin Anlass zur Hoffnung: In einem Wörterbuch aus dem beginnenden 19. Jahrhundert wird das Wort "Lesesucht" aufgeführt und als krankhafter Zustand beschrieben, von übermäßigem Bücherkonsum ausgelöst. Wer heute viel liest, gilt dagegen als kultiviert, Zeiten ändern sich eben. Folgt man dieser Logik wächst gerade eine neue Generation von Philosophen heran. Aber vielleicht ist es am Ende ja dann doch wie so oft im Leben - und die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte.

Quelle: n-tv.de

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