Politik

30 Jahre Wiedervereinigung Das war der letzte Tag vor der Einheit

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Hammer und Zirkel haben sich in der Nacht zum 3. Oktober verabschiedet.

(Foto: picture alliance/dpa)

Heute vor 30 Jahren wird die DDR beerdigt. Einen Tag später ist ein ganzes Land Geschichte, die Bundesrepublik Deutschland ist wieder vereint. Was ist passiert am 2. Oktober 1990 und wie wurde die Wiedervereinigung gefeiert?

"Die Geschichte gibt uns die Chance. Wir wollen sie wahrnehmen mit Zuversicht und Vertrauen. Und die Freude, die wir empfinden, ist ein Götterfunke." Das sind die Worte des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker in einer Feierstunde am 3. Oktober 1990 in der Berliner Philharmonie.

Die Chance, von der er spricht, ist die Wiedervereinigung. Die Geschichte ist der Mauerfall. Letztendlich fällt das Todesurteil für die DDR nämlich schon am Tag des Mauerfalls, dem 9. November 1989, blickt Jochen Staadt, Projektleiter des "Forschungsverbundes SED-Staat" an der Freien Universität Berlin, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" zurück. "Nach dem Mauerfall wurde sehr schnell deutlich, dass es in der DDR einen großen Druck vonseiten der Bevölkerung gab." Im März 1990 finden die ersten und letzten freien Wahlen in der DDR statt. Bei der Volkskammerwahl gewinnt das Wahlbündnis "Allianz für Deutschland" deutlich, weil die große Mehrheit der DDR-Bürger eine möglichst schnelle Einheit fordert.

Am 12. April wird Lothar de Maizière von der CDU zum ersten demokratisch gewählten Ministerpräsidenten der DDR. Sofort leiten er und die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Kohl weitere Schritte ein. Am 31. August 1990 wird der Einigungsvertrag von BRD und DDR unterzeichnet. Am 20. September stimmen die Volkskammer und der Bundestag zu.

Schwarz-Rot-Gold vs. "Deutschland, halt's Maul!"

"Am 2. Oktober, dem letzten Tag vor der Wiedervereinigung, wurden die Alliierten Kommandantur und die noch existierenden Alliiertenrechte aufgehoben", berichtet Staadt. Nach der Gründung der beiden deutschen Staaten 1949 üben die Alliierten in West-Berlin zwar größtenteils nur noch beratende Tätigkeiten aus, die Stadtkommandanten aus den USA, Großbritannien und Frankreich besitzen jedoch noch immer eine hohe Symbolkraft. Am Morgen des 2. Oktober 1990 trifft sich ihr Gremium zu seiner letzten Sitzung. Der britische General Robert Corbett überreicht Berlins Regierendem Bürgermeister Walter Momper einen Abschiedsbrief und erklärt, Berlin gelte nun "als Symbol dessen, was durch eine feste Haltung beim friedlichen Streben nach demokratischen Rechten erreicht werden kann."

Am Mittag des 2. Oktober endet auch die Geschichte der Nationalen Volksarmee. "Die Bundeswehr hat das Kommando über die DDR-Truppen übernommen und später einen Teil der NVA-Soldaten in die Bundeswehr überführt", erklärt Jochen Staadt.

Später am Tag gibt es am Berliner Gendarmenmarkt eine Art Abschiedsveranstaltung für die DDR. Die Bundestagsabgeordneten reisen dafür aus Bonn an und schreiben allein damit Geschichte. "Zum ersten Mal überhaupt durfte damals eine Lufthansa-Maschine in Berlin landen. Das war vorher nicht möglich, weil der Luftverkehr von den Alliierten gestaltet wurde und nur deren Fluggesellschaften nach West-Berlin flogen."

Parallel zu den Feierlichkeiten am Gendarmenmarkt findet in der Berliner Innenstadt das "Volksfest zur Deutschen Einheit" statt. Schwarz-Rot-Goldene Fahnen überall, auch an anderen Grenzübergängen zwischen West-Berlin und der DDR. Doch Politologe Staadt erinnert sich auch an hässliche Szenen, als unter dem Motto "Deutschland, halt's Maul!" in der Stadt demonstriert wird. "Da bin ich damals mit dem Fahrrad vorbeigefahren. Die Demonstranten lieferten sich in der Nähe des Alexanderplatzes Auseinandersetzungen mit der Polizei. Es gab auch einige Verletzte."

Pyrotechnik im Chemnitzer Fußballstadion

Später am Abend verlagert sich das Geschehen zum Reichstag. Dort läutet um Mitternacht die Freiheitsglocke, auf dem Platz davor singen die Menschen die deutsche Nationalhymne, es gibt ein großes Feuerwerk. Laut den Zeitungsberichten vom nächsten Morgen sind etwa eine Million Menschen zum Reichstag, Brandenburger Tor und zum Boulevard Unter den Linden gekommen, um das wiedervereinigte Deutschland zu begrüßen.

Auch außerhalb Berlins wird der historische Moment gefeiert, in Chemnitz sogar mit ein paar Stunden Vorsprung. "Dort fand am 2. Oktober das letzte Fußballspiel zwischen einer DDR- und einer bundesdeutschen Mannschaft statt", blickt Staadt auf die Uefa-Pokal-Partie zwischen dem Chemnitzer FC und Borussia Dortmund zurück. "Da haben sich damals alle Beteiligten sehr gewundert, dass die Zuschauer im Chemnitzer Stadion über Pyrotechnik in unglaublichem Ausmaß verfügten. Das lag daran, dass für die Nacht überall schon Raketen und Böller verkauft wurden."

Am Tag darauf treffen sich die Spitzenpolitiker der beiden frisch vereinigten Länder zum ökumenischen Gottesdienst in Berlin. Danach geht es zum Staatsakt in die Philharmonie. Richard von Weizsäcker spricht. Deutschland ist nach 41 Jahren wiedervereinigt.

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Quelle: ntv.de