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Nachdenken ohne Phrasen Der 9. November ist ein deutscher Tag

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Auch das war der 9. November: Eine 1938 zerstörte Synagoge in Kiel.

(Foto: picture alliance / dpa)

Wenn es für Deutschland einen Schicksalstag gibt, dann ist das der 9. November: Mauerfall, "Reichskristallnacht", Hitlerputsch, Revolution. Das Datum bietet viele Möglichkeiten für ein vielschichtiges Nachdenken - ganz ohne Phrasendrescherei.

Der 9. November hat es in sich. Wie kaum ein anderes Datum versinnbildlicht er die faktische und moralische oder auch unmoralische Vielschichtigkeit von Geschichte. Nicht nur der deutschen Geschichte. Jegliche Geschichte besteht nämlich aus vielen Schichten. Aus den Schichten der vielen, vielen, aufeinander folgenden Ereignisse und Entwicklungen, also den Fakten. Doch zugleich aus den unterschiedlichen Schichten einzelner oder kollektiver Bewertungen. Geschichte ist also aufeinander und nacheinander Ge-schichtetes. Das Ge-schichtete wird gesichtet, um es zu bewerten und aufgrund der Bewertung "richtig" zu handeln. Moralisch richtig ebenso wie faktisch richtig.

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Prof. Dr. Michael Wolffsohn ist Historiker und Publizist, sowie Hochschullehrer des Jahres 2017. Er schrieb unter anderem "Deutschjüdische Glückskinder", "Wem gehört das Heilige Land?" und "Willy Brandt - Friedenskanzler?".

(Foto: imago/Uwe Steinert)

Das Wort Geschichte als Summe des Geschehens stammt aus dem Alt- und Mittelhochdeutschen und bedeutete so viel wie "Geschehnis oder Ereignis". Das jedoch ist zu kurz gesprungen, wenn man Geschichte faktisch kennen und dann die bekannten Fakten bewerten will. Aufs Kennen und Bewerten der einstigen Geschehnisse kommt es an.

Das sind die Grund-Fakten:

9. November 1918: Kriegsmüde, verzweifelte Soldaten begannen eine Revolution, die in Windeseile weite Teile der ebenfalls kriegsmüden Bevölkerung erfasste, zum Rücktritt von Kaiser Wilhelm II., zum Ende des deutschen Kaiserreiches und der Gründung der demokratischen Weimarer Republik führte. Wie bei jeder Revolution gab es Sieger und Besiegte. Dass diese das Ereignis anders bewerteten als jene, versteht sich von selbst.

9. November 1923: Diese demokratische, deutsche Republik war Rechtsextremisten, wie Adolf Hitler und seinen Mit-Nazis sowie ewig gestrigen Anhängern der deutschen Monarchie(n) von Anfang an als "Judenrepublik" verhasst. Die Behauptung, die Weimarer Republik wäre "verjudet", war zwar frei erfunden, also kontrafaktisch (und damit total falsch), verkaufte sich aber politisch und unmoralisch bestens. Unter der Führung von Adolf Hitler versuchten die Nazis am 9. November 1923, das Rad der Geschichte zur Ära vor dem 9. November 1918 zurückzudrehen. Das Datum war mit Bedacht gewählt. Der 9. November 1923 war die versuchte Revolution Nr. 2 gegen die Revolution Nr. 1. Am gleichen Datum. 1923 versus 1918. Hitlers offensive Gewalt wurde von der defensiven staatlichen Gegengewalt besiegt. Dass Hitler und Konsorten dieses Faktum anders bewerteten als die demokratische Reichsregierung, versteht sich auch von selbst. Er sann auf Rache. Die wählte er ebenfalls mit Bedacht.

Die subversive Ironie von "Reichskristallnacht"

9. November 1938: Die "Reichskristallnacht" wird heute - nur in Deutschland und nicht etwa in Israel, moralisch übereifrig und Fakten verfälschend - "Reichspogromnacht" genannt. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 wurden auf Befehl des verbrecherischen NS-Staates landesweit Synagogen in Brand gesetzt, Juden misshandelt, beraubt, in KZs verschleppt oder auch auf offener Straße, für jedermann sichtbar, ermordet. Der Pöbel stand dabei, jubelte sogar oder plünderte mit. Man zeigte es "den" Juden. Noch war Deutschland zwar nicht, wie von den Nazis erwünscht und 1945 fast erreicht, "judenrein", aber man begann, "reinen Tisch" zu machen. Schluss mit der "Judenrepublik". Es war der Anfang der "Endlösung", also des sechs-millionenfachen Judenmordens ("Holocaust") durch den deutschen NS-Staat und seine meist mitlaufende, mitmachende oder mitmordende Bevölkerung.

Wer auf dem Werteboden unseres Grundgesetzes steht, verurteilt dieses Faktum selbstverständlich. Gerade deshalb ist das modische "Reichspogromnacht" ebenso kenntnislos wie dumm. Die wenigen, die das Geschehen vom und am 9. November 1938 verurteilten, hatten, wie jedermann, gesehen, dass in jener Nacht weit mehr als nur Kristall zerschlagen wurde. "Kristall" war also ironisch und durch Ironie entlarvend gemeint. Die Vorsilbe "Reichs" sollte signalisieren: Das Zerschlagen von eben nicht nur Kristall hat die Reichsführung veranlasst, also die Nazis. Daher "Reichskristallnacht".

Damit wollten die Wenigen ihren Widerwillen dokumentieren. Widerwillen ist weit weniger als Widerstand, aber besser als "Hurra". Ganz abgesehen davon war im NS-Terrorstaat Widerstand lebensgefährlich. Er bedarf des Heldenmutes. Zu bedauern ist das Land, das Helden braucht. Die wenigsten Menschen sind Helden. Das gilt nicht nur für Deutschland.

Warum fiel die Mauer am 9. November? Zufall

9. November 1989. An diesem Tag fiel bekanntlich die Berliner Mauer. Auch der 9. November 1989 war zugleich Ende und Anfang. Der Anfang vom Ende der DDR und damit der eigentliche Anfang der Berliner Republik, der Demokratie des seit dem 3. Oktober 1990 vereinten Deutschland. Wer Diktatur und Unfreiheit verachtet und Freiheit liebt, kann den 9. November 1989 nur positiv bewerten und dankbar sein.

Warum fiel die Mauer ausgerechnet an einem 9. November? Das war terminlich sicher dem Zufall geschuldet und keine gewollt gesteuerte Staats-, Individual- oder Gruppenaktion. Der Zufall des Datums birgt allerdings eine gewaltig ausdrucksstarke Symbolik. Geschichte ist weder nur "gut" noch nur "böse". Keine Nation ist nur "gut" oder nur "böse". Wie jeder Mensch aus verschiedenen Schichten von gut und böse besteht, so auch Nationen, so auch "die" Geschichte.

Der deutsche 9. November bietet viele Möglichkeiten, wirklich und ernsthaft, ohne Phrasendrescherei, über Geschichte, deutsche Geschichte oder "den" Menschen nachzudenken. Man muss allerdings kein Prophet sein, um dies vorherzusagen: Am und zum 9. November 2019 wird Phrasendrescherei Trumpf sein.

Quelle: n-tv.de

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