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Killerkommando mit Knochensäge? Der Druck auf Riad im Fall Khashoggi wächst

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Die Tageszeitung "Sabah" verbreitet Bilder Khashoggis beim Betreten der Botschaft.

Die Führung Saudi-Arabiens streitet die Vorwürfe weiterhin ab. Doch immer mehr - teils blutige - Details zum angeblichen Mord am regierungskritischen Journalisten Khashoggi bringen Riad in Erklärungsnot.

Sicher ist im Fall Jamal Khashoggi nur eines: Die Welt weiß nicht, was mit dem kritischen Journalisten passiert ist, seit er am Dienstag vor einer Woche um 13.14 Uhr das saudische Konsulat in Istanbul betreten hat. Es kursieren vor allem Behauptungen, Theorien und Spekulationen zu Khashoggis Verschwinden. Die Führung Saudi-Arabiens bringt die Fülle immer neuer und angeblicher Einzelheiten zu dem Fall trotzdem in Erklärungsnot.

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Riad gibt an, Khashoggi habe das Konsulat am besagten Dienstag betreten und wenig später wieder verlassen. Beweise dafür ist das Königshaus rund um Kronprinz Mohammed bin Salman allerdings noch schuldig. Dabei sollte es ein Leichtes sein, diese Behauptung zu belegen: Das Konsulat wird schließlich videoüberwacht. Bisher hat Riad, anders als angekündigt, auch noch nicht die Durchsuchung des Geländes durch türkische Ermittler ermöglicht. Am Samstag wurden lediglich Journalisten durch das sechsstöckige Gebäude im Norden Istanbuls geführt. Auf Khashoggi stießen sie dabei erwartungsgemäß nicht. Die Erlaubnis für Ermittler gibt es zwar, aber noch keinen öffentlich bekannten Termin.

Türkische Behörden halten sich mit ihren Geheimdiensterkenntnissen zumindest offiziell zwar noch zurück - womöglich, weil der Fall diplomatisch so brisant ist. Doch Medien aus den USA und der Türkei liefern immer mehr Bausteine für ein zusehends konkretes Bild über das mögliche Schicksal Khashoggis.

In vorderster Reihe steht die "Washington Post", für die Khashoggi als Kolumnist geschrieben hat. Khashoggi kritisierte Kronprinz bin Salman teils heftig in seinen Kommentaren für das Blatt. Der "Post" zufolge haben die Saudis sich geradezu auf die Lauer gelegt, um den unbequemen Kritiker zu erwischen.

Der Journalist hat Saudi-Arabien im vergangenen Jahr verlassen, weil er fürchtete, für seine Berichterstattung eingesperrt zu werden. Er floh ins Exil in die USA. In das Konsulat in Istanbul wagte er sich Vertrauten zufolge nur, um die Papiere zu bekommen, die er braucht, um seine türkische Lebensgefährtin heiraten zu können.

Bevor Khashoggi verschwand, fingen US-Geheimdienste Absprachen saudischer Beamter ab. Das berichtet die "Post" mit Verweis auf eine anonyme Quelle aus Geheimdienstkreisen. Die Saudis wollten Khashoggi zurück nach Saudi-Arabien locken und dort Hand an ihn legen, zitiert die "Post" die Quelle. Es sei nicht klar, ob sie ihn festnehmen, verhören oder umbringen wollten. Unklar sei auch, ob die US-Behörden Khashoggi angesichts ihrer Erkenntnisse gewarnt haben.

Die "Post" zitiert damit die erste nicht-türkische Insiderquelle in diesem Fall. Das ist wichtig, denn Ankara und Riad liegen seit geraumer Zeit im diplomatischen Clinch. Die gegenseitigen Vorwürfe sind daher mit besonderer Vorsicht zu genießen. Der Bericht der "Post" erhöht überdies den Druck auf Kronprinz bin Salman erheblich. Der ist in einem "Bloomberg"-Interview in der vergangenen Woche der Frage ausgewichen, ob Khashoggi in Saudi-Arabien strafrechlich verfolgt wird.

Wie in Pulp Fiction

Zusätzliche Details kommen von einer Reihe weiterer Medien. Die "New York Times" berichtet unter Verweis auf türkische Beamte, dass es einen Mordauftrag für Khashoggi von den höchsten Ebenen des Königreichs gegeben habe. Mit Verweis auf türkische Quellen berichtet die "Times" auch, der Leichnam Khashoggis sei mit Knochensägen zerschnitten worden, um ihn unbemerkt aus dem Konsulat zu schmuggeln. "Es ist wie in Pulp Fiction", zitiert das Blatt den Beamten,  der auf den mit Splatter-Szenen gespickten Filmklassiker des Regisseurs Quentin Tarantino anspielt.

Zu diesem Horrorszenario passen die Berichte von "Hurriyet". Der türkischen Zeitung zufolge kaufte ein Teil der Männer, die extra für den mutmaßlichen Mord an Khashoggi eingeflogen worden sein sollen, in Istanbul Koffer. Angeblich hatten die Männer die neuen Gepäckstücke bei ihrem Abflug dann nicht mehr dabei.

Die türkische Zeitung "Sabah" hat zuerst Fotos der Mitglieder des "Killerkommandos" samt Namen, Alter sowie Ein- und Ausreiseuhrzeit veröffentlicht. Das Blatt berichtet auch ausführlich über den Aufenthalt der 15 Männer, darunter angeblich auch ein Forensiker, in der Türkei. Laut "Sabah" kamen sie in zwei Gulfstream IV Privatjets in Istanbul an. Einige der Männer checkten in Hotels in der Nähe des Konsulats ein. Sie blieben demnach aber nicht über Nacht, sondern stiegen noch am Tag ihrer Ankunft wieder in das Flugzeug, in dem sie gekommen sind. Die Maschine flog erst nach Dubai, dann nach Riad. Ein zweites Flugzeug kam später an jenem Tag in Istanbul an. Die sechs Passagiere daraus machten sich direkt auf den Weg zum Konsulat und flogen im gleichen Jet wieder ab. Das Flugzeug nahm die Route über Kairo nach Riad.

Was geschah in der Residenz des Botschafters?

Brisanter als Ankunft, Abflug und der Checkin bei den Hotels ist vielleicht, was in der Zwischenzeit passierte. "Sabah" zufolge verließen eineinhalb Stunden, nachdem Khashoggi das Konsulat betreten hatte, sechs Fahrzeuge mit Beamten das Konsulatsgelände. Zwei weitere Fahrzeuge, darunter ein schwarzer Mercedes Vito mit getönten Scheiben, fuhren vom Konsulatsgebäude zur Residenz des Konsuls, das nur ein paar Minuten entfernt liegt. Bilder, die von Überwachungskameras zu stammen scheinen, führt "Sabah" als Beleg auf. Dem Blatt zufolge befand sich Khashoggi - oder das was von ihm übrig geblieben ist - in dem schwarzen Van. Der blieb, wie auch das andere Fahrzeug, vier Stunden vor der Residenz des Botschafters. Ob die Autos be- oder entladen wurden, ist nicht klar, weil es dort überdachte Carports gibt.

Bilder oder Videos aus der Residenz oder dem Konsulat wurden bisher nicht veröffentlicht. Türkische Journalisten geben aber an, dass es ein Video der tatsächlichen Ermordung Khashoggis gäbe. Einige Saudi-Arabien-Kenner zweifeln allerdings daran, dass Khashoggi tatsächlich im Konsulat oder der Residenz ermordet wurde.

Wie verlässlich die Informationen sind, die derzeit zum Fall Khashoggi kursieren, ist unklar. Türkische Medien wie "Sabah" gelten als Sprachrohr der Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdogan. Die türkische Führung lanciert ihre Sichtweise von Ereignissen gern über diese Kanäle. Zugleich legte keine der Quellen, die US-Medien Details geliefert haben, ihre Identität offen. Das muss aber nicht bedeuten, dass sie unglaubwürdig sind. Den jeweiligen Redaktionen oder zumindest einzelnen Reportern sind die Quellen schließlich persönlich bekannt.

Quelle: n-tv.de

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