Politik
Mehr als 50.000 Häftlinge hat Brasse in Auschwitz fotografiert.
Mehr als 50.000 Häftlinge hat Brasse in Auschwitz fotografiert.
Sonntag, 25. Januar 2015

"Im Bunker ist viel Platz": Der Fotograf von Auschwitz

Von Gudula Hörr

Zehntausende Menschen fotografierte Wilhelm Brasse und wurde damit zum Chronisten des Unfassbaren: Er porträtierte Juden kurz vor ihrem Gang in die Gaskammern, die Zwillingspaare des KZ-Arztes Mengele - und SS-Männer, die Grüße aus Auschwitz verschickten.

Er hätte sich retten können. So leicht. Schließlich floss in seinen Adern arisches Blut, wie es damals hieß. Doch Wilhelm Brasse, Sohn eines österreichischen Vaters und einer polnischen Mutter, ist störrisch. Immer wieder weigert er sich nach dem deutschen Einmarsch in Polen 1939, der Wehrmacht beizutreten. Der Preis, den er dafür zahlen muss: Im Alter von 23 Jahren wird er nach Auschwitz deportiert.

Der junge Fotograf Wilhelm Brasse.
Der junge Fotograf Wilhelm Brasse.

Schon beim ersten Morgenappell, am 1. September 1940, wird Brasse klar, was ihn hier erwartet. "Das hier ist kein Sanatorium, das hier ist ein deutsches Konzentrationslager!", brüllt SS-Hauptsturmführer Karl Fritsch die Neuankömmlinge zur Begrüßung an. "Hier überlebt ein Jude zwei Wochen, ein Pfaffe überlebt hier drei Wochen und ein gewöhnlicher Häftling darf hier drei Monate leben! Die einzige Möglichkeit, dem Konzentrationslager zu entkommen, ist die durch den Schornstein!"

Brasse entkommt nicht durch den Schornstein, sondern überlebt dreieinhalb Jahre lang die Schrecken von Auschwitz und stirbt erst im Oktober 2012 in seiner Heimatstadt Zywiec. Wie ihm das gelingt und wie er dabei laviert zwischen seiner Arbeit für die SS und seinem Bedürfnis, trotz aller Grauen noch ein Mensch zu bleiben, zeigen nun zwei ausgezeichnete  Biografien. Mit "Wilhelm Brasse - Der Fotograf von Auschwitz" gelingt den italienischen Philosophen Luca Crippa und dem Historiker Maurizio Onnis ein eindrucksvolles Porträt, das gleichermaßen spannend wie einfühlsam geschrieben ist. Im Kinder- und Jugendbuchverlag cbj berichtet zudem der Sozialpädagoge Reiner Engelmann, der ebenfalls lange Interviews mit Brasse geführt hatte, in seinem Buch "Der Fotograf von Auschwitz. Das Leben des Wilhelm Brasse" über die Jahre des jungen Mannes in dem Vernichtungslager.

So verschieden die beiden Bücher geschrieben sind, - Crippas und Onnis' sehr verschachtelt und fast literarisch, Engelmanns chronologischer und mit einem ausführlichen Anhang - so zeigen doch beide eindrucksvoll: Brasse hatte Glück, wie er später selbst sagt. Die SS sucht einen Fotografen und stößt dabei auf ihn, den Häftling Nr. 3444. Schließlich ist er nicht nur ausgebildeter Porträtfotograf, sondern spricht auch noch fließend deutsch. Fortan muss er fotografieren, Tausende, Zehntausende Häftlinge. Mit Mütze, ohne Mütze von vorne, ohne Mütze im Profil. Die Männer müssen rasiert sein und auf den Gesichtern der Häftlinge dürfen keine Spuren von Misshandlungen zu sehen sein. Keine blauen Flecken, keine eiternden Wunden.

Bilderserie

Brasse vergräbt sich in der Arbeit in dem vergeblichen Bemühen, den Alltag in Auschwitz so weit wie möglich auszublenden. Den Vortag zu vergessen, an die Zukunft nicht zu denken. Dabei geht er seiner Arbeit so professionell nach wie einst im Fotostudio seines Onkels in Kattowitz. Entgegen offiziellen Anweisungen versucht er, die Gefangenen auch auf ihren letzten Fotos noch würdevoll erscheinen zu lassen, wofür er die Bilder oft aufwendig retuschiert. Doch die Realität lässt sich nicht ausblenden, ebensowenig wie die Angst, die sein ständiger Begleiter ist. Brasse weiß: Bei allen Privilegien, die er als Fotograf genießt, kann auch ihn der Zorn der SS-Männer treffen, jederzeit kann er willkürlich erschlagen oder erschossen werden.

Leichen unterm Tannenbaum

Wie wenig in Auschwitz ein Menschenleben zählt, sieht er Tag für Tag. Zu Weihnachten liegen die Leichen von Häftlingen unter dem Tannenbaum, ein kriegsgefangener sowjetischer Soldat stirbt vor seinen Augen. Er ist verhungert, gezielt ausgehungert wie Zehntausende andere sowjetische Soldaten in dem Lager. Einmal soll Brasse einen Matrosen aus Danzig fotografieren. Doch diesmal interessiert die SS nicht das Porträt, sondern der Rücken des Heizers Zielenski: Auf diesem prangt eine kunstvolle Tätowierung von Adam und Eva im Paradies. Einen Monat später sieht er diesen Rücken wieder - aufgespannt auf einem Tisch, mit Gewichten beschwert. Die Tätowierung sollte ein Bucheinband werden für den Lagerarzt Friedrich Karl Entress.

Obwohl Brasse schon einiges gesehen hatte, schockierte ihn der Anblick der halb verhungerten Mengele-Zwillinge besonders.
Obwohl Brasse schon einiges gesehen hatte, schockierte ihn der Anblick der halb verhungerten Mengele-Zwillinge besonders.(Foto: imago stock&people)

Auch für einen anderen Lagerarzt arbeitet Brasse: Josef Mengele möchte Fotos der Zwillinge haben, an denen er seine medizinischen Experimente ausführt. Zu seinem Entsetzen muss Brasse Nacktaufnahmen von ihnen machen. Ausgemergelte Mädchen mit starrem Blick. Nach seinen ersten Fotos für Mengele hat Brasse schweißnasse Hände, zum Entwickeln gibt er die Bilder ausnahmsweise an seine Mitarbeiter weiter.

Schon bald wird Brasse eine Art Berühmtheit im Lager: SS-Männer suchen ihn auf, um sich von ihm ablichten zu lassen. Erinnerungsfotos mit den besten Grüßen aus Auschwitz. Auch eine SS-Frau kommt in sein Atelier - und Brasse ist geblendet von ihrer Schönheit. Nur zitternd erfüllt er ihren Wunsch: Sie will ein Foto, das sie mit nacktem Oberkörper zeigt. Wenig später bringt sie sich um - sie hat die Schrecken von Auschwitz nicht mehr ertragen.

"Passen Sie nur auf"

Sogar Maximilian Grabner, der gefürchtete Leiter der Politischen Abteilung, taucht eines Tages in Brasses Atelier auf. Wie vor ihm die Juden, Sinti und Roma, Kriminelle und "Asoziale" aus ganz Europa setzt er sich auf den Drehstuhl des Fotografen und lässt sich porträtieren. Brasse gelingt - wie so oft - ein entspanntes Foto. Mit freundlichen Augen blickt der SS-Mann in die Kamera, um wenig später Brasse unverhohlen mit dem Tod zu drohen: "Im Bunker ist viel Platz, und ich habe große Lust, auch in diesem Kommando mal ordentlich auszufegen. Passen Sie nur auf …"

Brasse passt auf, auch wenn er sich gegen Kriegsende weniger auf sein eigenes Überleben konzentriert, sondern vor allem ein Ziel verfolgt: der Welt zu zeigen, was in Auschwitz vor sich geht. Dafür schmuggelt er Bilder aus dem Lager und verhindert, dass die SS kurz vor ihrer panikartigen Flucht zu Kriegsende alle Aufnahmen aus Auschwitz vernichtet.

Beiden nun erschienenen Büchern zu Wilhelm Brasse gelingt ein äußerst lesenswertes und einfühlsames Porträt eines außergewöhnlichen Menschen, der auch im Angesicht der Gaskammern noch Mensch blieb. Nach langen Gesprächen mit Brasse setzen die Autoren so dem Chronisten der Nazi-Barbarei ein Denkmal und halten - wie Brasse mit seinen Fotografien -  die Erinnerung an unzählige Menschen wach, die die Deutschen damals in Auschwitz ermordeten.

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Quelle: n-tv.de