Politik

AKK, Merz und Spahn Der Kandidatencheck

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(Foto: dpa)

Für viele dürfte es die sprichwörtliche Qual der Wahl sein. Bei der ersten Regionalkonferenz in Lübeck wurde deutlich, dass die drei Kandidaten für den CDU-Vorsitz Schwierigkeiten haben, ihre Unterschiede herauszustellen. Dabei gibt es bei jedem der drei Kandidaten mehrere Punkte, die aus Sicht der CDU-Mitglieder für sie sprechen. Doch alle haben auch Nachteile. Ein Überblick.

Annegret Kramp-Karrenbauer

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(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Für Kramp-Karrenbauer spricht, dass sie die Partei in- und auswendig kennt, dass sie langjährige Regierungserfahrung hat, Wahlen gewonnen hat und von sich sagen kann, sie habe ein (gut bezahltes) Regierungsamt aufgegeben, um sich in einer schwierigen Situation in den Dienst der Partei zu stellen. Im Februar verließ sie das Saarland, wo sie bei den Landtagswahlen im März 2017 den Schulz-Zug mit einem sensationellen CDU-Ergebnis von mehr als 40 Prozent zum Entgleisen gebracht hatte. Als Generalsekretärin startete sie eine "Zuhör-Tour" mit mehr als 40 Stationen überall in der Republik. Sie kennt die Stimmung der Mitglieder besser als ihre Mitbewerber. Zugleich kann sie anhand ihrer Biografie glaubhaft machen, dass sie die alltäglichen Probleme normaler Menschen versteht.

Ihr Nachteil ist, dass sie von ihren Kritikern als "Mini-Merkel" verunglimpft werden kann, auch wenn sie sich mit dem Spruch, an ihr sei "gar nichts mini", dagegen zur Wehr setzt. Dennoch ist jedem klar, dass sie eine Vertraute der Kanzlerin ist, und dass Merkel sie auch deshalb nach Berlin holte, um eine Nachfolgerin aufzubauen. Schon als Generalsekretärin machte Kramp-Karrenbauer deutlich, dass sie einen neuen Stil in die Partei einführen will: mehr Debatten, mehr Offenheit auch für konservative Mitglieder, weniger Abmoderieren von unliebsamen Positionen. Damit steht sie nicht für ein "Weiter so", aber doch für eine Fortsetzung des Mitte-Kurses, den Merkel etabliert hat. Wer damit brechen will, wird AKK beim Parteitag am 7. Dezember  in Hamburg nicht wählen. "Sie ist ein deutlicher Fortschritt gegenüber Frau Merkel", sagt etwa Alexander Mitsch, der Chef der Werteunion, einem Zusammenschluss von Konservativen aus CDU und CSU. "Vor allem hat sie erkannt, dass sie die Parteimitglieder wieder stärker einbinden muss, auch thematisch. Inhaltlich verkörpert sie jedoch nicht die notwendige Politikwende."

Friedrich Merz

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(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Merz' Vorteil ist, dass er ein brillanter Redner ist und viele Fans in der CDU hat. Merz hat die Politik im Jahr 2009 verlassen, doch war er in den Herzen und Köpfen des wirtschaftspolitisch liberalen Teils der Union nie wirklich weg. Immer wieder in den vergangenen Jahren wurden aktive CDU-Politiker gefragt: "Wann kommt endlich Merz zurück?" Durch seine lange Politik-Abstinenz eignet er sich hervorragend als Projektionsfläche: Wie Merz auf die Finanzkrise reagiert hätte, ob er Griechenland aus dem Euro gedrängt oder wie er die Flüchtlingskrise gemanagt hätte, weiß naturgemäß niemand. Und so können seine Anhänger sich ausmalen, dass er das alles sehr viel besser gemacht hätte.

Sein Nachteil ist, dass man ihm vorwerfen kann, die Politik in den vergangenen Jahren nur vom Sofa aus verfolgt zu haben. Als er in Lübeck sagte, er merke erst jetzt, was ihm gefehlt habe, reagierten Teile des Publikums mit einem höhnischen "Oooooh". Auch seine Mitbewerber weisen auf diese Schwachstelle hin. "Ich habe allein in den letzten zwei Jahren über 250 Termine vor Ort gemacht und mit vielen Mitgliedern und Wählern diskutiert", sagte etwa Spahn kürzlich. "Ich habe mit der Partei in guten und schlechten Zeiten Wahlkampf geführt."

Ein weiterer Schwachpunkt spielt im innerparteilichen Wahlkampf bislang keine Rolle. Er hat in den vergangenen Jahren für zwei Unternehmen gearbeitet, gegen die im Zusammenhang mit Cum-Ex-Transaktionen ermittelt wird. Gegen ihn persönlich gibt es keine Anschuldigungen und in der CDU scheint ihm das bislang nicht zu schaden. Delegierte könnten allerdings darüber nachdenken, ob Merz mit einer solchen Vita als Kanzlerkandidat angreifbar wäre. In ähnlicher Weise könnte ihm seine etwas realitätsfremde Selbstdarstellung als Angehöriger "der gehobenen Mittelschicht" auf die Füße fallen. Auf die Frage, ob er Millionär sei, druckste er im Interview mit der "Bild"-Zeitung zunächst herum, bevor er antwortete: "Ich liege jedenfalls nicht darunter." Manch ein CDU-Mitglied, das in Hamburg darüber abstimmt, wer den Parteivorsitz übernimmt, könnte zu dem Schluss kommen, dass Merz trotz seiner rhetorischen Brillanz im Wahlkampf vielleicht Schwierigkeiten hätte, volksnah zu wirken.

Jens Spahn

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(Foto: imago/Agentur 54 Grad)

Spahns Vorteil ist, dass er den "Neustart", den er zum Hashtag seiner Kampagne gemacht hat, schon seit Jahren fordert. Er hat spürbar Spaß am politischen Meinungskampf und ist in der Partei gut vernetzt. Die meisten seiner 250 Termine bei der Basis hatte er im Bundestagswahlkampf, weil Fraktionskollegen ihn in ihre Wahlkreise eingeladen hatten. Auch Parteifreunde machen so etwas nicht aus Höflichkeit, sondern weil sie davon ausgehen, dass die Wähler sich für diesen Redner interessieren. In der Migrationspolitik hat er die deutlichste Position der drei Kandidaten. Spahn ist rhetorisch vielleicht nicht so versiert wie Merz, aber auch er kann ein Publikum zum Jubeln bringen. In Lübeck war das noch nicht so gut zu sehen. Aber mit Reden hat Spahn es geschafft, Parteitage auf seine Seite zu ziehen. 2014 setzte er sich bei der Wahl zum CDU-Präsidium gegen Merkels Kandidaten durch. Zwei Jahre später erreichte er, dass die Delegierten die doppelte Staatsbürgerschaft ablehnten - wiederum gegen den erklärten Willen der Kanzlerin.

Gegen ihn könnte sprechen, dass er extrem ambitioniert und mitunter wenig empathisch wirkt. Seine Lust an der Debatte geht gelegentlich mit dem Spaß an der Provokation einher - wie Anfang des Jahres, als Spahn mit wenig sensiblen Sätzen über Hartz-IV-Empfänger und Abtreibungen auf sich aufmerksam machte. Dass er Bundeskanzler werden will, ist schon seit Jahren bekannt. In einem Buch, das der Journalist Michael Bröcker über Spahn geschrieben hat, sagt er über sich: "Bekannt bin ich jetzt, beliebt muss ich noch werden." Dass Merz ebenfalls für den CDU-Vorsitz kandidiert, hat seine Chancen zusätzlich geschmälert - beide eint das konservative Profil, doch der andere ist schon, was Spahn erst noch werden will: beliebt.

Quelle: ntv.de