Politik

Israel unter Beschuss Der Konflikt droht zum Bürgerkrieg zu werden

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In Lod, einer Stadt mitten in Israel, wurden Autos und sogar Synagogen in Brand gesetzt.

(Foto: picture alliance/dpa/XinHua)

Die Terrororganisation Hamas feuert Hunderte Raketen auf Israel, die Bewohner von Städten in der Nähe des Gazastreifens leben in Angst. Längst hat der Konflikt, der mit einem Streit um Häuser in Ost-Jerusalem begann, auf Städte mitten in Israel übergegriffen.

Nach über einem Jahr relativer Stabilität im Gazastreifen stehen Israel und militante Palästinensergruppen erneut in einer militärischen Konfrontation. Seit Montagabend haben die Terrororganisationen Hamas und Islamischer Dschihad mehr als 1100 Raketen auf Israel abgefeuert - erstmals seit 2014 auch wieder auf Jerusalem.

Der Beschuss begann an dem Tag, an dem Israel die Wiedervereinigung seiner Hauptstadt feierte. Die israelischen Luftabwehrsysteme konnten mehr als 850 Raketen abfangen. Als Gegenreaktion griffen die israelischen Streitkräfte (IDF) zahlreiche Stellungen in Gaza an und zerstörten rund 500 Ziele. Nach Angaben der Behörden des von der Hamas kontrollierten Küstenstreifens kamen dabei 67 Menschen ums Leben, darunter hauptsächlich Hamas-Aktivisten, aber nach Hamas-Angaben auch Kinder und Jugendliche.

In Israel regnet es weiterhin Raketen auf Gemeinden und Städte entlang der Grenze zu Gaza, auch das rund 70 Kilometer nördlich des Gazastreifens gelegene Tel Aviv blieb vom Beschuss nicht verschont und musste daraufhin den internationalen Ben-Gurion-Flughafen schließen. Die Sicherheitsbehörden forderten die Anwohner in der Nähe des Gazastreifens auf, bis auf Weiteres zu Hause und in der Nähe von Luftschutzbunkern zu bleiben.

Täglich grüßt das Murmeltier

"Unser Gebäude wurde von einer Rakete getroffen", erzählt Lea Portnoy aus Aschkelon, einer Stadt am Mittelmeer wenige Kilometer nördlich von Gaza. Als die Sirenen losgingen, versuchte sich die Grundschullehrerin mit ihren Kindern auf dem Flur zu schützen. "Es gab Explosionen und die Decke stürzte ein." Die Familie hatte noch Glück, niemand wurde verletzt. Für den Angriff übernahm die Hamas die Verantwortung. Sie drohte, Aschkelon in die "Hölle" zu verwandeln, sollte Israel seine Angriffe ausweiten.

Die IDF zog 5000 Reservisten zahlreicher Einheiten zusammen und erklärte, dass sich die Armee auf eine breitere Kampagne auf unbestimmte Zeit vorbereiten und ihre Angriffe ausdehnen werde. "Und täglich grüßt das Murmeltier", sagt Lea Portnoy mit bitterer Ironie. "Seit fast 16 Jahre leben wir mit dieser Situation."

Die Lehrerin macht, wie viele andere Israelis, auch ihre Regierung für die Krise verantwortlich. Allen voran Premierminister Benjamin Netanjahu. Dieser nahm Warnungen seiner Geheimdienste nicht ernst, obwohl sie vor Terrorangriffen der Hamas gewarnt hatten. Nach vier Wahlen in nur zwei Jahren steht Israel vor einem Regierungswechsel. In der vergangenen Woche verlor der noch amtierende Regierungschef das Mandat, eine neue Regierung zu bilden. Dennoch gibt er sich kämpferisch und erklärte, dass sein Land die Angriffe zurückschlagen werde.

In Lod wurden drei Synagogen in Brand gesetzt

Unterdessen gibt es eine neue Form der Eskalation inmitten Israels. In Lod südöstlich von Tel Aviv kam es zu schweren Krawallen, drei Synagogen wurden in Brand gesetzt. "Wir haben die Kontrolle über die Stadt verloren", sagte Bürgermeister Yair Revivo und warnte vor einem Bürgerkrieg. "Diese Form von Gewalt ähnelt einem Pogrom." Die Behörden verhängten den Ausnahmezustand über Lod. 250 Grenzpolizisten wurden in die Stadt mit einem arabischen Bevölkerungsanteil von rund 30 Prozent verlegt.

Am Mittwoch besuchte Netanjahu die Stadt und sprach von "Anarchie". Was in den vergangenen Tagen in israelischen Städten passiert sei, sei nicht hinnehmbar. "Wir sehen arabische Randalierer, die Synagogen und Autos anzünden, die mit Polizisten zusammenstoßen und unschuldige Zivilisten verletzten", sagte er. "Es gibt keine Rechtfertigung dafür, dass Araber Juden lynchen oder dass Juden Araber lynchen."

In der Nacht zum Donnerstag galt in Lod eine Ausgangssperre. Während der heftigen Unruhen zuvor hatte es viele Verletzte gegeben. Ein Araber wurde getötet, als er mit einem Mob ein jüdisches Viertel angriff. "Die Gefahr, der Lod ausgesetzt ist, ist größer als Hunderte von Raketensalven auf Israel", sagt Bürgermeister Revivo, der an die arabische Bevölkerung appellierte, die Proteste zu beenden. "Am Tag danach müssen wir weiter zusammenleben."

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Kinder und Jugendliche räumen in einer ausgebrannten Synagoge in Lod auf.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Auch in anderen israelischen Städten mit arabischem Bevölkerungsanteil - wie Haifa, Ramla und Jaffa - gab es gewalttätige Zusammenstöße. In Akko wurde das berühmte Restaurant "Uri Buri" niedergebrannt. Die Unruhen hatten begonnen, als landesweit Hunderte arabische Einwohner aus Solidarität mit den Palästinensern in Ostjerusalem und Gaza in jüdischen Vierteln protestierten. Als die Polizei einschritt, flogen Steine und Molotowcocktails.

Auslöser ist ein Kampf um Häuser in Ost-Jerusalem

Dem aktuellen Ausbruch des Konflikts sind wochenlange Spannungen zwischen gewaltbereiten palästinensischen und jüdischen Demonstranten sowie der israelischen Polizei in der Hauptstadt Jerusalem vorausgegangen. Am Montag wurden bei Kämpfen auf dem Tempelberg zahlreiche Menschen auf beiden Seiten verletzt. Auslöser für die Demonstrationen war ein Streit um die jüngsten israelischen Bemühungen, Teile des Stadtteils Scheich Dscharrah in Ostjerusalems unter jüdische Kontrolle zu bringen. Israel erklärte die Maßnahme damit, dass die Gegend vor dem Unabhängigkeitskrieg 1948 in jüdischem Besitz war.

Ost-Jerusalem war zwischen 1948 und 1967 von Jordanien besetzt, damals wurden alle Juden von dort enteignet und vertrieben. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 verabschiedete Israel ein Gesetz, das die Eigentumsrechte aller Ethnien beschützt. Israelis kauften Häuser und Wohnungen in Scheich Dscharra und vermieteten sie unter anderem auch an Araber. Mittlerweile sind zahlreiche Mietverträge abgelaufen und viele Besitzer möchten ihre Immobilien lieber an jüdische Käufer abgeben.

"Das Konzept Israels, die wirtschaftliche und humanitäre Lage im Gazastreifen zu verbessern, um damit eine langfristige Einigung mit der Hamas zu erzielen, ist fehlgeschlagen", sagt der Historiker Moshe Albo vom Dado-Center, einem Think Tank der israelischen Armee. Albo kritisiert die Haltung der israelischen Regierung, die Provokation der Hamas zu ignorieren, als die Ausschreitungen in Jerusalem begannen. "Die Hamas sieht sich als Vertreterin des palästinensischen Volkes, nicht nur des Gazastreifens." Als vom Iran unterstützte Terrororganisation stelle sich die Hamas sowohl mit ihren Angriffen auf Israel als auch in der Rhetorik auch als Verteidigerin des Islam dar: "Während des Fastenmonats Ramadan traf ihre anti-israelische Propaganda den Nerv der gesamten islamischen Welt."

Während ägyptische, katarische und UN-Vermittler versuchen, einen Waffenstillstand zwischen der Hamas und Israel zu erreichen, fürchten viele, dass die jüngsten Ereignisse zu einem Flächenbrand führen könnten. "Israel braucht keine weiteren Kriege", sagt Lea Portnoy aus Aschkelon. Sie fürchtet, dass der Iran und seine Stellvertreter wie die libanesische Hisbollah dem Hamas-Beispiel folgen könnten. "Die Angriffe zeigen, dass die Machthaber in Gaza Israels Abschreckung nicht mehr so ernst nehmen." Obwohl die Kämpfe weitergehen, hat sie die Hoffnung auf Frieden nicht verloren: "Beide Seiten können diesen Konflikt nicht mit Gewalt, sondern nur durch Diplomatie beenden."

Quelle: ntv.de

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