Politik

Corona-Talk bei Anne Will "Der Lockdown light hat nicht geklappt"

annewill-20201129-002 Totale.jpg

Die Talk-Gäste bei "Anne Will" sind sich zumindest in einer Sache einig: Es läuft bei der Pandemie-Bekämpfung nicht so, wie gewünscht.

(Foto: NDR/Wolfgang Borrs)

Seit Wochen verharrt die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland auf hohem Niveau. Die für November beschlossenen Eindämmungs-Maßnahmen erzielen nicht die erhoffte Wirkung. Wie soll es nun weitergehen? Die Talkgäste bei "Anne Will" blicken nach Fernost.

Es sind die scheinbar kleinen Dinge im Leben, die seit Monaten unmöglich erscheinen: der spontane Besuch bei der Oma, die herzliche Umarmung der Freundin, der unbeschwerte Kneipenbesuch mit Kollegen. All das mutet in der nicht enden wollenden Coronavirus-Pandemie wie ein Spiel mit dem Feuer an. Was, wenn ich das Virus unwissend in mir trage? Wenn ich einen mir nahestehenden Menschen oder auch eine fremde Person anstecke und damit einer unberechenbaren Gefahr aussetze?

Fragen, die nicht nur an deutschen Esstischen, sondern auch seit geraumer Zeit in Politik und Medien diskutiert werden. Das Thema Corona füllte auch bei "Anne Will" schon unzählige Talk-Minuten. Doch an diesem Sonntagabend mutet es schlicht grotesk an, dass Deutschland nach Monaten im Pandemie-Modus noch immer nicht weiter ist. Noch immer muss das Für und Wider bestimmter Maßnahmen diskutiert, muss abgewogen werden, was sinnvoll und zumutbar ist. "Zwischen Lockern und Verschärfen - Wie sinnvoll ist Deutschlands Corona-Strategie noch?" lautet das Thema der Talkrunde. Am Ende des Abends wird klar: Das Ziel, die übergreifende Strategie fehlt.

Angesichts des Plateaus bei den täglichen Neuinfektionen, die seit Wochen nicht wirklich von der 20.000 abrücken wollen, merkt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller gleich zu Beginn der Sendung an: "Wir haben immer noch Zahlen, bei denen man sich überhaupt nicht zurücklehnen kann." Zusammen mit den anderen Länderchefs und der Bundesregierung ist es derzeit die Aufgabe Müllers, Maßnahmen zu beschließen und für eine Entspannung der Lage zu sorgen. Nur leider gelingt dies mit dem sogenannten "Lockdown light" oder "Teil-Lockdown" nicht so, wie es bei der ersten Infektionswelle im Frühjahr gelang.

Es handele sich um den "mildesten Lockdown" in Europa, merkt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder an. Zusammen mit dem Sozialdemokraten Müller versucht der CSU-Chef, die getroffenen Beschlüsse der jüngsten Verhandlungsrunden zu verteidigen. Doch beiden gelingt auch in dieser Talk-Runde nicht, einen längerfristigen Ausblick zu geben. "Versprechen kann in diesen Zeiten von Pandemie keiner etwas", sagt Söder. Es komme nun darauf an, dass die Regeln, die gelten, konsequent umgesetzt würden. Und in den nächsten zwei Wochen müsse dann noch einmal gemeinsam überlegt werden, ob und wie nachjustiert wird.

Die Zahl der Neuinfektionen muss runter

Es sind Aussagen wie diese, die nicht nur die restlichen Talk-Gäste, sondern auch die Bevölkerung insgesamt zermürben (dürften). "Den Menschen wird nicht klar gesagt, wie der zeitliche Horizont ist", moniert stellvertretend FDP-Chef Christian Lindner mit Blick auf die beschlossenen Maßnahmen. Wieso es so wichtig ist, die Eingrenzung der Fallzahlen als konkretes Ziel auszugeben, erläutert anschließend die Wissenschaftlerin Viola Priesemann.

Die Physikerin berechnet am Max-Planck-Institut, wie sich Viren ausbreiten und Pandemien eindämmen lassen. Ein Blick auf die nackten Zahlen verheißt dabei eine einfache Antwort. Es gibt demnach eigentlich nur ein Szenario, das wirklich etwas bringen würde: Die Zahl der Neuinfektionen auf 5000, wenn nicht gar 2000 zu senken. Mit dieser Reduktion könne wieder so etwas wie Kontrolle gewonnen werden: Die Gesundheitsämter und Testkapazitäten würden dann auf die wenigen verbliebenen Infektionsketten konzentriert, so Priesemann. Die Dunkelziffer sei damit - weil das Infektionsgeschehen insgesamt beherrschbarer wird - wieder niedriger. Und das sei essenziell. "Die Menschen, die nicht wissen, dass sie Träger des Virus sind, die sind die Gefahr."

Das Brechen der ersten Welle habe veranschaulicht, wie es gelingen kann, die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu bremsen. Bei der jetzigen Vorgehensweise "verpuffen die Maßnahmen", sagt Priesemann. Zwar müsse am Ende die Politik entscheiden, wie weiter verfahren wird. Aber die Wissenschaftlerin lässt keinen Zweifel daran, dass nur härtere Maßnahmen zum Ziel führen. "Der Lockdown light war einen Versuch wert. Ich verstehe, dass wir diesen Versuch gemacht haben. Es wäre super gewesen, wenn es geklappt hätte. Es hat nicht geklappt."

Und als wäre diese Erkenntnis nicht schon ernüchternd genug, veranschaulicht die Journalistin Vanessa Vu, dass andere Länder schon so viel weiter im Kampf gegen das Coronavirus sind, dass dort tatsächlich wieder ein normaler Alltag stattfinden kann. Die Redakteurin bei "Zeit online" ist Südostasien-Expertin und sagt, in der besagten Weltregion leiste jede und jeder frei von Zynismus in einer "kollektiven Anstrengung" einen Beitrag dafür, die Situation in den Griff zu bekommen. Es werde nicht über Böllerverbote oder Fußballspiele sinniert. Die Maßnahmen würden von den jeweiligen Regierungen schnell und für alle nachvollziehbar kommuniziert. "Wir stolpern dagegen von einem Bund-Länder-Gipfel zum nächsten."

"400 Tote ist nicht so ein stolzes Ergebnis"

In Staaten wie Japan, Südkorea, China, Taiwan und Vietnam werden Infektionscluster effektiv verfolgt sowie die Quarantäne von Infizierten konsequent kontrolliert und Verstöße empfindlich sanktioniert. Ihre Verwandten - Vus Eltern stammen aus Vietnam - machten sich nun vielmehr Sorgen um sie, weil es in Deutschland aktuell gefährlicher sei. Nur zum Vergleich: In Vietnam, das mehr Einwohner als die Bundesrepublik zählt, sind im gesamten Verlauf der Pandemie nur etwas mehr als 1300 Infektionen nachgewiesen worden. Deutschland knackte vor wenigen Tagen die Marke von einer Million bekannten Fällen.

Und während in Südostasien den Menschen bewusst sei, was von ihnen erwartet wird, wüssten viele Deutsche gar nicht mehr, welche Maßnahmen in ihrem Bundesland gelten, analysiert Vu. Noch immer gebe jede vierte Person an, sich nicht seltener mit Freunden und Familie zu treffen als vor der Pandemie. Jede dritte Person gehe nicht seltener aus dem Haus als vorher. Entscheidungsträger wie Müller und Söder weisen bei solchen Einwürfen gerne auf die Erfolge der vergangenen Wochen hin, zum Beispiel einen Stopp des exponentiellen Wachstums der Fallzahlen. "400 Tote, fast täglich, ist nicht so ein stolzes Ergebnis, was man vorweisen kann", entgegnet Vu.

Zwar haben Länder wie China und Japan einen gewissen Vorsprung im Kampf gegen Pandemien (Beispiel Sars). Und das "Tracking" von Infizierten gelinge dort, wo die privaten Daten von Menschen weniger geschützt werden, naturgemäß einfacher, sagt Müller. Doch im Gegensatz zum Fernen Osten besteht das Grundproblem in Deutschland, dass die Gefahr, die durch das Coronavirus ausgeht, seit Monaten heruntergeredet werde, sagt Söder. Dabei zeichne sich bereits jetzt ab, dass Covid-19 als dritthäufigste Todesursache in die Statistik für dieses Jahr eingehen werde. Dass dann von politischen Parteien wie der AfD oder der "Querdenken"-Bewegung noch "Glaubenskriege um die Maske" geführt würden, nennt der CSU-Vorsitzende "nahezu absurd".

Was sollte also die Strategie sein, um in den nächsten Wochen wieder die Oberhand zu gewinnen? Die Talk-Gäste, die die politische Macht haben, Dinge in Bewegung zu setzen, verlieren sich in Diskussionen über kostenfreie FFP2-Masken für einen Teil der Bevölkerung oder vielleicht doch gleich alle, Schnelltests und Eingangsschleusen in Pflege- und Altenheimen sowie Taxi-Gutscheine statt Personennahverkehr und Einkaufszeitfenster für vulnerable Gruppen. Im Kleinen mögen das wichtige Dinge sein, die auch einen beachtlichen Teil der Bevölkerung konkret betreffen. Ein Blick auf das große Ganze wird dadurch aber nicht ersetzt.

Geduld ist das Gebot der Stunde

Wir können nicht immer nur "auf Sicht fahren", sagt die Journalistin Vu. Sie vermisse eine klare politische Strategie, bei der sie als Bürgerin nachvollziehen könne: Das wird nun gemacht, da soll es hingehen und dann kann ich wieder ein normales Leben führen. Was macht Europa, was macht Deutschland falsch, fragt Moderatorin Will. "Wir streiten uns einfach zu viel", sagt der zugeschaltete Söder. Das ewige Für und Wider von gewissen Maßnahmen untergrabe die Bereitschaft, mitzumachen. "Diese zehnstündigen Ministerpräsidenten-Konferenzen sind auch nicht vergnügungssteuerpflichtig." Die Beteiligten kämen dort oft vom Hundertsten ins Tausendste. Ohne Namen zu nennen, unterstellt Söder so manchem Kollegen, regelmäßig nach einem "Schlupfloch" für sich und sein Land zu suchen. Und am Ende werde dann der Eindruck erweckt, man sei sich nicht einig. Das schadet.

Er bewundere angesichts der regelmäßigen Marathon-Gipfel die Geduld von Bundeskanzlerin Angela Merkel, sagt Söder noch. Und genau das scheint zum Ende dieses Corona-Jahres das Gebot der Stunde zu sein: Geduld - und Hoffnung, dass die bisherigen Maßnahmen schon irgendwann wirken. Dass wissenschaftliche Erkenntnisse im Kampf gegen das Virus irgendwann jedem und jeder einleuchten. Dass es wieder ein normales Leben geben wird.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
ntv Tipp
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.